LONDON (IT BOLTWISE) – Amazon meldet für das zweite Quartal 2026 einen Gewinn von 62,65 Milliarden US-Dollar und setzt zugleich beim KI-Ausbau auf zusätzliche Investitionen. Grund sind gestiegene Preise für Speicherchips, die den Aufbau neuer KI-Infrastruktur verteuern. CEO Andy Jassy kündigt für das Gesamtjahr Kapitalausgaben von 220 Milliarden statt 200 Milliarden Dollar an. Gleichzeitig warnt das Unternehmen, dass auch das nicht reicht, um die Nachfrage nach Rechenleistung vollständig zu bedienen, und dieser Engpass wohl bis 2027 anhalten dürfte.

Amazon hat seine Quartalszahlen mit einer klaren Botschaft verbunden: Der KI-Boom bringt dem Konzern zwar hohe Erträge, verschiebt aber die Kostenstruktur spürbar nach oben. Für das zweite Quartal 2026 weist der US-Techkonzern unter dem Strich 62,65 Milliarden US-Dollar Gewinn aus; im Vorjahr lag dieser Wert im gleichen Zeitraum bei 18,1 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig stieg der Umsatz im Jahresvergleich um 20 Prozent auf 200,6 Milliarden US-Dollar. Dass die Kennzahlen „unter dem Strich“ so stark ausfallen, hängt laut Unternehmensangaben aber auch an zusätzlichen Faktoren wie Buchgewinnen, unter anderem durch die Neubewertung einer Beteiligung an der KI-Firma Anthropic.
Technisch und operativ relevant wird die Lage jedoch erst bei den Kapazitäten für KI-Workloads. Andy Jassy nannte in der Telefonkonferenz mit Analysten vor allem den Anstieg der Preise für Speicherchips als Belastung; dadurch müsse Amazon noch einmal 20 Milliarden US-Dollar mehr in den Ausbau seiner KI-Infrastruktur stecken. In der Planung bedeutet das: Für das Gesamtjahr rechnet Amazon mit Kapitalausgaben von 220 statt zuvor 200 Milliarden US-Dollar. Jassy machte dabei deutlich, dass selbst diese Größenordnung nicht ausreicht, um die Kunden-Nachfrage nach Rechenleistung vollständig zu bedienen; der Engpass dürfte laut seiner Einschätzung auch 2027 noch bestehen bleiben.
Ein wesentlicher Teil dieser Strategie liegt in der langen Lebensdauer von Rechenzentren. Jassy verwies darauf, dass die Infrastrukturausgaben aktuell besonders hoch ausfallen, weil Amazon neue Rechenzentren von Grund auf baut. Solche Gebäude sollen seiner Darstellung zufolge mehr als 30 Jahre halten, während die eigentliche Computertechnik in den Anlagen typischerweise alle fünf bis sechs Jahre erneuert wird. Damit kombiniert Amazon also einen „Frontload“ bei der Bau- und Vorleistungsphase mit einem regelmäßigen Hardware-Refresh auf der Server- und Beschleuniger-Ebene. Für die KI-Industrie ist genau dieses Zusammenspiel entscheidend: KI-Trainings- und Inferenzlasten profitieren zwar von schneller Rechenleistung, aber sie brauchen ebenso stabile Speicher- und Speicherbandbreite – und die wird aktuell durch den Chippreiszyklus spürbar teurer.
Marktseitig profitiert vor allem AWS, Amazons Cloud-Sparte, weil sie die Rechenleistung als Service bündelt. Im vergangenen Quartal stieg der AWS-Umsatz im Jahresvergleich um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden US-Dollar. Analysten lagen im Schnitt bei rund 40,5 Milliarden US-Dollar; Amazon übertraf damit die Erwartungen. Neben dem laufenden Wachstum betonte Jassy zudem, dass sich bereits für 2028 eine „bemerkenswerte“ Nachfrage abzeichnet. Auch die Erwartung, dass AWS beim jährlichen Umsatz mit der Zeit die Billionenmarke überschreiten könnte, unterstreicht den langfristigen Umbau der Ausgabenprioritäten hin zu KI-fähiger Infrastruktur.
Die Reaktionen am Kapitalmarkt zeigen, wie eng die Bewertung an die Planbarkeit von Kapazität gekoppelt ist. Beim eigenen Kurs wirkte die Kombination aus positiven Zahlen und Investitionsstory im nachbörslichen Handel zeitweise mit einem Plus von zehn Prozent. Währenddessen traf das gleiche Thema in einer anderen Technologiegattung, nämlich bei Meta, offenbar auf abweichende Erwartungen: Dort quittierten Anleger KI-Visionen von Mark Zuckerberg mit einem Kursminus von acht Prozent. Diese Differenz lässt sich nicht auf einen einzelnen Faktor reduzieren, sie passt aber zur realen Marktdynamik: Nicht jede KI-Ansage wird gleich stark als „ausführungsreif“ interpretiert, und Märkte gewichten stark, ob Kapazitätsausbau, Kostenverlauf und Nachfrageentwicklung zusammenpassen.
Für Unternehmen, die KI-Produktion in die Cloud verlagern oder ihre internen Workloads industrialisieren, hat die Meldung damit eine praktische Kehrseite: Die Beschleuniger- und Speicherengpässe wirken nicht abstrakt, sondern schlagen direkt auf das Investitions- und Preisniveau durch. Wenn die Nachfrage nach Rechenleistung trotz hoher Capex zunächst nicht vollständig bedient werden kann, verschiebt sich der Wettbewerb um Kapazitäten hin zu Priorisierung, Ticketing, Reservierungen und dem Timing von Projekten. Amazon selbst signalisierte, dass die Kapazitätssituation kurzfristig angespannt bleibt. In der Folge wird KI-Planung für IT-Verantwortliche noch stärker zu einem Thema der Architektur- und Ressourcenstrategie: Wie stark lässt sich Workload-Last verschieben, wie effizient werden Pipelines und Inferenzläufe getaktet, und wie robust ist das Setup gegenüber Liefer- und Preiszyklen bei Speicherchips?
Unterm Strich ist die Investitionsentscheidung vor allem ein Signal an den Infrastrukturmarkt: Amazon nimmt die Kostensteigerungen bei Speicherchips in Kauf, um die KI-Infrastruktur über Jahre hinweg auszubauen. Die Kombination aus sehr hohen Quartalsgewinnen, einem weiterhin kräftigen AWS-Wachstum und einer Capex-Prognose von 220 Milliarden US-Dollar zeigt dabei, dass der Konzern die KI-Nachfrage nicht nur sieht, sondern in Engineering- und Baupläne übersetzt. Gleichzeitig bleibt das Versprechen begrenzt: Jassy spricht offen davon, dass selbst höhere Investitionen die Nachfrage nicht sofort vollständig decken. Genau diese Spannung – zwischen Kapazität, Kosten und erwarteter Nachfrage – dürfte die nächsten Quartale prägen.
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