LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Daten deuten darauf hin, dass KI-Infrastruktur nicht nur Energie frisst, sondern auch Emissionen deutlich erhöht. Für Google wird 2025 ein Anstieg der Gesamtemissionen auf 14,5 Millionen tCO2e genannt – das entspricht +18 %. Gleichzeitig kommen Zeit- und Prozesskosten hinzu, weil digitale Abläufe im Alltag oft mehr Reibung erzeugen als analoge Angebote. Der Hebel liegt deshalb nicht nur in besseren Modellen, sondern in neu gestalteten Prozessen und transparenterer Infrastrukturplanung.

Die Debatte um Künstliche Intelligenz kippt zunehmend von der reinen Leistungsfähigkeit hin zu den Nebenwirkungen der dafür nötigen KI-Infrastruktur. In den vorliegenden Angaben wird der Effekt besonders greifbar: Google beziffert für 2025 Gesamtemissionen von 14,5 Millionen tCO2e. Das bedeutet einen Anstieg um 18 % gegenüber dem Vorjahr. Damit wird auch sichtbar, dass Nachhaltigkeitsversprechen nicht automatisch mit dem Modellwachstum mitlaufen, weil Rechenleistung, Betrieb und Netzbedarf parallel skalieren.
Dass dabei mehr als nur Stromkosten entstehen, zeigt ein zweiter Kostenblock, der in vielen Digitalisierungsprojekten nur am Rand auftaucht: Zeitaufwand und prozessuale Starrheit im Alltag. Laut dem Bericht einer Analyse aus dem Umfeld der LMU München verlängern digitale Hürden wie Online-Formulare, Chatbots und automatisierte Telefonmenüs typische Bearbeitungszeiten. Während analoge Abläufe früher oft bei rund 5 Minuten lagen, werden heute durch digitale Prozesse im Durchschnitt etwa 40 Minuten zusätzliche Zeit genannt. Das ist volkswirtschaftlich relevant, weil Warte- und Fehlpfadzeiten nicht in Betreiber-Logiken, sondern im Alltag der Bürger anfallen.
Technisch und organisatorisch lässt sich dieser Effekt gut erklären: Viele digitale Dienste kodifizieren Prozesse so, dass Abweichungen schwer oder teuer werden. Wenn Verantwortlichkeiten entlang der Prozessschritte in Software „eingefroren“ sind, entsteht schnell der Eindruck, dass Probleme zwar gemeldet, aber nicht gelöst werden. Die Analyse hebt dabei auch die Delegationsdynamik hervor: Digitalisierung werde teils genutzt, um Verantwortung weiterzugeben, statt Entscheidungen zu ermöglichen. Selbst wenn KI-gestützte Systeme potenziell helfen könnten, starre Abläufe aufzubrechen, ist dafür meist eine grundlegende Neugestaltung der zugrunde liegenden Workflows nötig – nicht nur der Austausch einer Frontend-Komponente.
Ökologisch verschiebt sich das Problem dann in die physische Ebene der KI-Entwicklung: Rechenzentren. Markterwähnungen zufolge profitieren Datenzentren derzeit von Preisvorteilen, die durch Subventionen bei Strom und knappem Wasser möglich werden. Zudem binden die Anlagen Wärme, ohne dass dauerhafte Garantien für die KI-Fähigkeiten der Zukunft vorliegen – ein Hinweis darauf, dass Effizienzgewinne nicht automatisch mit der nächsten Ausbaustufe Schritt halten. In den USA wird die Expansion der KI-Datenzentren zudem als Faktor beschrieben, der die Klimaziele ausbremst: Für 2025 wird ein Plus von 4 % bei den CO2-Emissionen im Stromsektor und ein Anstieg der Kohleverstromung um 13 % genannt, wobei die Nachfrage aus Datenzentren als Treiber gilt.
Die Energieperspektive ergänzt diese Einordnung mit harten Größen. Für 2025 beziffert die Internationale Energieagentur (IEA) den Stromverbrauch von Datenzentren auf 485 TWh. Bis 2030 werden etwa 950 TWh erwartet, was ungefähr 3 % der globalen Stromnachfrage entspräche. Solche Spitzen in kurzer Zeit treffen nicht nur auf Klimabilanzen, sondern auch auf Netzplanung: Die Nachfrage tritt vielerorts „in großen Blöcken“ auf und kann Engpässe begünstigen. Konkrete Gegenbewegungen werden ebenfalls genannt: Google reagierte im März 2026 mit der Ergänzung von 1 GW Demand-Response-Kapazität, also einem Ansatz, bei dem Lasten flexibler in das Netz eingebunden werden sollen.
Neben Strom kommt der dritte Engpass hinzu, den viele Nachhaltigkeitsmodelle zu spät adressieren: Wasser. Laut den Angaben benötigen große Datenzentren täglich Millionen Gallonen Wasser für die Kühlung; diese Größenordnung belastet kommunale Systeme zunehmend. Zwar würden Unternehmen teils Zusagen für einen „netto-positiven“ Wasserverbrauch machen, doch würden diese Ausgleichsmaßnahmen von Kritikern und Regulierungsstellen hinterfragt, was die Prüf- und Dokumentationslast erhöht. Für Unternehmen bedeutet das: Emissions-Reporting reicht als Steuerungsgröße nicht mehr aus, wenn Wasser- und Netzrestriktionen den Ausbau begrenzen oder zusätzliche Nachweise verlangen.
In Summe zeigt sich damit ein Muster, das für KI-Entwicklung entscheidend ist: Der Betrieb der Infrastruktur wirkt als unmittelbarer Kosten- und Risikohebel – in Emissionen, im Energiebedarf, im Wasserverbrauch und im konkreten Betrieb der Dienste, die Menschen im Alltag nutzen. Gleichzeitig entsteht eine klare Handlungsfrage für Organisationen, die KI-Produkte ausrollen: Prozesse müssen so gestaltet werden, dass sie tatsächlich Zeit sparen, statt neue Reibungsverluste zu erzeugen. Wer KI nur als „smarte Oberfläche“ einführt, verschiebt die Kosten oft lediglich – von Energie- und Emissionsbilanzen hin zu Warteschlangen, Bearbeitungsaufwand und Netzlast. Nachhaltige KI-Entwicklung wird damit stärker als Ingenieurs- und Betriebsaufgabe lesbar: Sie braucht MLOps, aber auch Workflow-Design, Transparenz im Ressourcenverbrauch und eine realistische Planung des Skalierungstempos.
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