GENF / LONDON (IT BOLTWISE) – In mehreren Ländern Lateinamerikas werden Streitkräfte zunehmend für Polizei- und Sicherheitsaufgaben eingesetzt, um Gewalt durch organisierte Kriminalität einzudämmen. Der Ansatz wird zwar kurzfristig als wirksam gegen Tötungen und Anschläge beschrieben, geht aber in vielen Fällen mit Vorwürfen von Menschenrechtsverletzungen und Machtverschiebungen einher. Besonders kontrovers bleibt die Frage, ob Notstandsregime und militärische Kontrolle von Gefängnissen tatsächlich zu nachhaltiger Strafverfolgung führen. Ein Bericht vor dem UN-Hauptsitz in Genf beschreibt für El Salvador schwere Vorwürfe im Kontext des seit 2022 wiederholt verlängerten Ausnahmezustands.

Militarisierung der Inneren Sicherheit in Lateinamerika: Muster, Folgen, Gegenmodelle
Militarisierung der Inneren Sicherheit in Lateinamerika: Muster, Folgen, Gegenmodelle (Foto: IT BOLTWISE)
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In Lateinamerika ist die Versuchung groß, öffentliche Sicherheit zu militarisieren, wenn organisierte Kriminalität stark wirkt: Erpressung, Drogenhandel und Auftragsmorde treffen Regionen nicht erst seit gestern. Laut dem vorliegenden Bericht setzten mehrere Regierungen bewaffnete Kräfte ein, um Straßen zu patrouillieren, Gefängnisse zu betreiben und über längere Zeiträume Ausnahmeregelungen zu etablieren. Der zentrale Konflikt entsteht dabei nicht nur aus dem Ziel, Gewalt zu senken, sondern aus der Frage, wie Polizeiarbeit institutionell aufgebaut ist: Wer mit einer Armee arbeitet, bekommt zwar Präsenz, aber nicht automatisch Ermittlungsqualität, gerichtsfeste Beweise oder rechtsstaatliche Kontrolle.

Peru steht exemplarisch für das zyklische Wiederaufleben solcher Konzepte. Der Bericht beschreibt, dass die Idee, den Streitkräften eine führende Rolle in der inneren Sicherheit zu geben, bei Regierungswechseln wieder auftaucht und in der Zivilgesellschaft auf Widerstand stößt. Tania Pariona, exekutive Sekretärin des Nationalen Koordinationsgremiums für Menschenrechte, argumentiert, dass die Sichtbarkeit der Streitkräfte Sicherheit zwar steigern kann, eine dauerhafte Reduktion von Delikten wie Erpressung oder Auftragsmorden aber nicht zwangsläufig folgt. In der zugespielten Begründung heißt es zudem: „The military are not trained for police functions; their main mission is to confront external threats or armed conflict.“ Pariona verweist außerdem auf das Risiko eines unverhältnismäßigen Einsatzes von Zwang und auf mögliche neue Menschenrechtsverletzungen.

Dass diese Bedenken nicht nur theoretisch sind, stützt der Bericht mit historischen wie aktuellen Verweisen. Für Peru kommt die Wahrheits- und Versöhnungskommission zu dem Schluss, dass das Militär während des Konflikts zwischen den 1980er-Jahren und dem frühen 2000er-Jahren „indiscriminate repression“ gegen Menschen verübte, die als verdächtig galten. Gleichzeitig verbindet der Text die Erinnerung an diese Episode mit Ereignissen der Gegenwart: Zwischen Ende 2022 und Anfang 2023 habe die Regierung unter Dina Boluarte erneut Streitkräfte eingesetzt, um Proteste nach der Absetzung von Pedro Castillo zu kontrollieren; dabei seien rund 50 Demonstrierende durch tödliche Munition gestorben. Noch politisch weiterreichend wirkt die im Text beschriebene Absicht, dass die Regierung legislative Befugnisse anstrebt, um Reformen durchzusetzen – inklusive einer Regelung, die den Streitkräften die Verwaltung und Steuerung von Gefängnissen übertragen könnte.

In Ecuador wird das Muster nach Angaben des Berichts besonders früh und mit weitreichenden Schritten umgesetzt. Daniel Noboa habe am 9. Januar 2024 – weniger als zwei Monate nach Amtsantritt – erstmalig in der Geschichte des Landes das Vorliegen eines nicht-internationalen bewaffneten Konflikts im Inneren erklärt. Damit seien unmittelbar Truppen in den Straßenraum verlegt und die Verantwortung für öffentliche Sicherheit sowie die Kontrolle über Gefängnisse auf das Militär übergegangen. Der Text schildert zugleich, dass die Gewaltwelle in Ecuador zu diesem Zeitpunkt stark eskaliert war, unter anderem durch die gleichzeitige Übernahme von sieben Gefängnissen durch kriminelle Banden sowie durch Sprengsätze in mehreren Städten. Kurzfristig habe die Militarisierung die Entwicklung bei Tötungsdelikten in den ersten Monaten teilweise gebremst, aber bereits von Anfang an seien Vorwürfe von Misshandlungen und Menschenrechtsverletzungen erhoben worden.

Auch Mexiko zeigt, wie sich militärische Präsenz in Dauerstrukturen verwandeln kann. Der Bericht beschreibt die Station ab Dezember 2006: Felipe Calderón habe nach seiner knappen Wahlentscheidung rund 6.500 Soldaten in die Operation Michoacán Joint Deployment entsandt und den „Krieg gegen die Drogenkartelle“ ausgerufen. Seitdem, so die Darstellung, seien die Streitkräfte nicht mehr vollständig in die Kasernen zurückgekehrt, sondern würden alle 32 Bundesstaaten patrouillierend abdecken; mit jedem Regierungswechsel hätten sie weiter an Macht gewonnen. Besonders betont wird, dass dieser Einfluss nicht nur unter konservativen Regierungen begann, sondern laut Bericht auch unter der linken Regierung von Andrés Manuel López Obrador besonders stark wuchs – sogar trotz Wahlversprechen, das Militär von der Straße zu entfernen. Neben der formalen Stärkung der Nationalgarde als Sicherheitskraft mit militärischem Personal und Kommando habe die Regierung nach dem Bericht zusätzlich Funktionen übergeben, die traditionell zivilen Stellen zugeordnet waren, etwa bei Zollaufgaben. Der Bericht nennt als Folge sogar neue unternehmerische und operative Tätigkeiten, bei denen das Militär als Auftragnehmer oder Betreiber auftreten konnte.

Demgegenüber präsentiert der Text Costa Rica als Gegenbeispiel, weil dort das Militär als Institution abgeschafft wurde. Der Bericht führt aus, dass die Abschaffung Mitte des 20. Jahrhunderts das Land aus der regionalen Logik herausnimmt und über Jahrzehnte als Symbol für Friedens- und Modernitätsorientierung galt. Mit dem Rückgang verfügbarer Ressourcen und dem Aufkommen organisierter Kriminalität seit der Wende zum 21. Jahrhundert sei jedoch deutlich geworden, dass auch ohne Armee eine wirksame Antwort nötig ist. Der Text ordnet ein, dass Costa Rica auf zivile und justizielle Polizeikräfte setzt und gelegentlich von internationalen Unterstützungsprogrammen profitiert. Der ehemalige Generalstaatsanwalt Francisco Dall’Anese bringt die Unterscheidung auf eine zugespitzte Formel: „The difference between a professional police operation conducted within the rule of law and a military operation is the same as that between laser surgery and a slaughter.“ In derselben Aussage wird die Logik klar: Strafverfolgung, das Zerschlagen krimineller Netzwerke und das Vor Gericht bringen von Beschuldigten sollen im Mittelpunkt stehen.

El Salvador wiederum zeigt, wie Notstand und militärische Hauptrolle in einem Sicherheitsmodell zusammenfallen. Seit März 2022 sei das Land nach den im Bericht beschriebenen Massakern unter Präsident Nayib Bukele in einem Ausnahmezustand; die Regierung argumentiere, damit könnten die gewalttätigen maras besser zerschlagen werden. Gleichzeitig nennt der Text massive Kritik von Menschenrechtsorganisationen. Verfassungsrechtlich ist ein Notstand zwar für Krieg, Naturkatastrophen oder schwere Störungen der öffentlichen Ordnung vorgesehen; der Bericht stützt aber auf einen beim UN-Hauptsitz in Genf präsentierten Bericht eines internationalen Expertengremiums schwere Vorwürfe. Dazu zählen laut Darstellung u. a. Mord, die Inhaftierung von Kindern, Folter, sexuelle Gewalt und erzwungenes Verschwinden. Der Notstand bringt zudem wesentliche Grundrechtsgarantien außer Kraft, etwa den Anspruch auf Rechtsbeistand, die 72-Stunden-Grenze für administrative Inhaftierungen und den Schutz der Unverletzlichkeit privater Kommunikation; außerdem erlaubt er Massenverhaftungen ohne vorherige richterliche Anordnung. In diesem Rahmen, so heißt es, übernehme das Militär (FAES) eine führende, permanente Rolle, die die nach den Friedensabkommen von 1992 gezogenen Grenzen zwischen Verfassungsrecht und Sicherheitsvollzug verwische.

Für Entscheider in Unternehmen, die in Lateinamerika investieren oder Lieferketten und Betriebsstandorte dort planen, wird in dem Bericht vor allem eins deutlich: Der Weg zur Stabilisierung wird weniger von der sichtbaren Stärke der Einsatzkräfte bestimmt als von der Fähigkeit, Beweise sauber zu erheben, Haftbedingungen rechtsstaatlich zu kontrollieren und Ermittlungen in funktionierende Gerichtsprozesse zu überführen. Wo militärische Strukturen zunehmend administrativ und operativ Aufgaben übernehmen, verschiebt sich außerdem die Machtbalance zwischen Exekutive, Polizei und Justiz – und damit auch die Anreizstrukturen für Transparenz, Rechenschaft und Kontrolle. Der Text zeichnet somit nicht nur eine regionale Debatte nach, sondern liefert ein praktisches Argument für den Aufbau von Institutionen: Wenn Sicherheitsarbeit dauerhaft wirken soll, brauchen Systeme der Strafverfolgung nicht nur Durchsetzungskraft, sondern vor allem Verlässlichkeit in Verfahren, Ausbildung und gerichtsfester Dokumentation.


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