ROSTOCK / LONDON (IT BOLTWISE) – In nur vier Wochen wurden laut Messungen etwa sieben Millionen Device-Code-Phishing-Attacken registriert, mit starker Ausrichtung auf Microsoft-Nutzer. Gleichzeitig nehmen KI-gestützte Phishing-Kampagnen zu: Texte wirken passgenau, werden schneller produziert und damit für Filter schwerer. Neben gefälschten QR-Codes erreichen Betrüger mit manipulierten Zahlungsaufforderungen neue Ziele. Dass auch Mobilgeräte angreifbar sind, zeigen Fälle aus Rostock, Ludwigshafen und Bassum, bei denen Betroffene tausende Euro verloren.

Wer heute auf Microsoft-Dienste vertraut, merkt häufig erst spät, dass Angriffe nicht mehr nur auf einzelne E-Mail-Konten zielen. In den letzten Wochen verdichteten sich Hinweise darauf, dass Identitätsdiebstahl zunehmend über Authentifizierungs-Workflows statt über klassische Anhänge läuft. Besonders auffällig ist die Dynamik beim Device-Code-Phishing: Dabei versuchen Angreifer, Nutzer in einen scheinbar legitimen Anmeldeablauf zu lenken, bei dem ein Code angezeigt und dann in einer gefälschten oder kompromittierten Umgebung verwendet wird. Sicherheitsmessungen beziffern innerhalb von vier Wochen rund 7 Millionen solcher Angriffe; 99 Prozent richteten sich gegen Nutzer von Microsoft-Diensten. Für Security-Teams ist das ein Wechsel im Takt: Nicht das „Ob“ des Klicks entscheidet, sondern ob ein Prozessschritt im Authentifizierungsfluss plausibel wirkt.
Die steigende Angriffsqualität lässt sich nicht nur mit mehr Kampagnen erklären, sondern vor allem mit Automatisierung. Berichte im Umfeld von Phishing-Threat-Analysen nennen inzwischen 86 Prozent aller Phishing-Versuche als KI-gestützt. Der Kern des Problems liegt dabei nicht in der Magie der KI, sondern in ihrer Skalierbarkeit: Leistungsfähige Sprachmodelle können Texte in hoher Frequenz produzieren, den Ton von Kollegen oder Portalen nachahmen und so Zielkommunikationen über mehrere Iterationen hinweg „glätten“. Dadurch sinkt die Hürde für komplexere Täuschungen: Statt fertiger Vorlagen entsteht eine Pipeline, die Inhalte an Häufigkeit, Zielgruppe und aktuelle Ereignisse anpasst. Genau deshalb verbreiten sich die Vektoren inzwischen auch über die klassische E-Mail hinaus, etwa über Kalendereinladungen und kollaborative Tools wie Microsoft Teams.
Die Ausbreitung zeigt sich auch in konkreten Trends, die aus Threat-Reports hervorgehen: In den ersten Monaten des Jahres wird eine Zunahme von 49 Prozent bei manipulierten Kalendereinladungen genannt. Daneben sollen Angriffe über Kollaborations-Tools wie Microsoft Teams um 41 Prozent gestiegen sein. Kritisch wird es dort, wo Identität nicht „nur“ im Betreff, sondern im Kontext wirkt. Bei einem beträchtlichen Teil der untersuchten Vorfälle trat Identitätstäuschung interner Teammitglieder in etwa 30 Prozent der Fälle im ersten Quartal auf. Technisch betrachtet verschiebt sich damit die Rolle von Benutzer-Interaktionen: Der Angreifer „verpackt“ die Täuschung so, dass der Empfänger nicht gegen das System, sondern gegen sein eigenes Erwartungsbild arbeitet. Für Unternehmen bedeutet das: Awareness reicht als alleiniger Schutz nicht mehr, weil die Täuschung zunehmend in legitimen Arbeitsabläufen stattfindet.
Parallel dazu gewinnen Formate an Boden, die Filtersysteme vor neue Probleme stellen. Beim „Quishing“, also Phishing über QR-Codes, werden gefälschte Codes etwa auf Parkuhren oder in Speisekarten platziert, um Nutzer auf manipulierte Webseiten zu lotsen. Auch bei Bezahldiensten wie PayPal werden neue Muster beobachtet: Angreifer versenden echte Zahlungsaufforderungen, die jedoch über manipulierte Betreffzeilen und den Einsatz von Kleinstüberweisungen so „getarnt“ werden, dass Sicherheitsfilter leichter ausweichen. Das ist eine Strategie, die man als Kombination aus Social Engineering und Prozessausnutzung beschreiben kann: Man nutzt vertrauenswürdige Kanäle und versucht nicht, jeden technischen Filter zu „überlisten“, sondern die Erwartung des Menschen zu steuern. Für die Praxis heißt das, dass Schutzmaßnahmen nicht nur Nachrichten-Inhalte prüfen sollten, sondern auch Zahlungs- und Link-Routen konsequent absichern.
Wie stark solche Maschen ins Privatleben durchschlagen, zeigen die genannten Fallbeispiele. In Rostock verlor ein 65-Jähriger den Zugriff auf sein Konto, nachdem er auf eine gefälschte Abstimmung reagierte; Täter kontaktierten anschließend seine Kontakte, was in Summe einen Schaden von über 3.000 Euro verursachte. In Ludwigshafen gelangte ein 83-Jähriger mit einem Fernwartungs-Trick um rund 19.000 Euro. Ein 53-Jähriger in Bassum wurde durch eine gefälschte Zahlungsbestätigung um etwa 5.000 Euro betrogen. Diese Fälle illustrieren weniger „Einzelfallglück“, sondern eine wiederkehrende Dynamik: Sobald Zugang oder Vertrauen gekapert sind, lassen sich weitere Ziele automatisiert nachziehen. Dass die Angriffsfläche beim Smartphone besonders hoch ist, liegt nahe: Geräte bündeln Identität, Zahlungsfunktionen, Kommunikationskanäle und Authentifizierung in einem einzigen Endpunkt.
Die Angriffsseite nutzt zudem gezielt technische Schwachstellen als Einfallstore. Als Beispiel wird eine Sicherheitslücke in Outlook Web Access, CVE-2026-42897, genannt, die bereits aktiv angegriffen wird. Ebenfalls als hochriskant beschrieben wird CVE-2026-66066 in Ruby on Rails mit einer Bewertung von 9,5 auf der Risikoskala. Entscheidend ist dabei die Verknüpfung aus Exploit-Verfügbarkeit und sozialer Täuschung: Aus der Security-Praxis wird die Beobachtung aufgegriffen, dass professionelle Akteure Schwachstellen häufig innerhalb von 24 Stunden nach der Veröffentlichung eines Proof-of-Concept nutzen. Für Unternehmen heißt das: Patch-Zyklen dürfen nicht nur „irgendwann“ greifen, sondern müssen operative Dringlichkeit bekommen, sobald technische Indikatoren auf Angriffe hindeuten. Gleichzeitig sollte Multi-Faktor-Authentisierung nicht als Häkchen verstanden werden, sondern als korrekt implementierte Härtung; Passwort-Manager helfen, weil sie starke, einzigartige Secrets fördern, während konsequente Vorsicht bei unaufgeforderten Kontaktanfragen auch dann gilt, wenn Absender „bekannt“ wirken.
Auch auf Endgeräten und besonders auf Android verschiebt sich das Bild: Sicherheitsforscher berichten von „PromptSpy“, einer ersten Android-Malware, die generative KI nutzt. Ergänzend werden Betrugsmaschen über Messaging-Dienste wie WhatsApp genannt, was die Relevanz von Kanal-Hygiene unterstreicht. In der Gesamtschau ergibt sich damit ein Muster, das IT-Verantwortliche sowohl technisch als auch prozessual adressieren müssen: Device-Code-Phishing, Quishing und manipulative Zahlungsrouten zeigen, dass Authentifizierung und Interaktion die zentralen Hebel sind. Ein sinnvoller Startpunkt ist deshalb, die gesamten Anmelde- und Zahlungsprozesse in Logik-Checks und Monitoring zu überführen: Welche Schritte sind kritisch, welche Abweichungen müssen Alarme auslösen, und welche „Sicherheitsversprechen“ sind nur scheinbar durch UI-Elemente abgedeckt? Wenn KI die Produktionsgeschwindigkeit erhöht, steigt der Wert der zweiten Verteidigungslinie: Erkennung, die auch bei neu variierteren Texten greift.
Für die nächsten Wochen sollten Security-Teams vor allem die Kombination aus KI-gestützten Täuschungen und schnellen Exploitketten als Planungsannahme betrachten. Praktisch bedeutet das, dass sich die Priorität von reinem E-Mail-Schutz hin zu identitäts- und endpunktbezogenen Kontrollen verschiebt: Device-Code-Interaktionen müssen überwacht und ungewöhnliche Logins sichtbar gemacht werden; QR-gestützte Abläufe brauchen klare Richtlinien und im Zweifel technische Prüfungen. Daneben lohnt es sich, die Benutzerkommunikation realistisch zu üben: Nicht als allgemeines „Klick nicht“, sondern als „Wie erkennst du Abweichungen im Prozess?“. Der Vorteil solcher Übungen ist messbar: Sie trainieren das Entscheidungsverhalten an genau den Stellen, an denen KI die Optik verbessert. So lässt sich die Angriffswucht dämpfen, solange die Bedrohung weiter schneller wird als jede einzelne Vorlage.
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