LONDON (IT BOLTWISE) – Coldcard-Kunden berichten über vier Diebstahl-Wellen: Laut On-Chain-Analyse wurden dabei mehr als 5.200 Adressen betroffen. Insgesamt sollen Angreifer rund 1.816 Bitcoin im Gegenwert von fast 116 Millionen US-Dollar von den Wallets abgezogen haben. Die Ursache hängt mit einem Problem in einer Coldcard-Softwareaktualisierung aus dem Jahr 2021 zusammen, das die Generierung von Recovery Phrases zu vorhersagbaren Mustern gemacht habe. Coinkite rät betroffenen Nutzern inzwischen, ihre Mittel schnellstmöglich zu verlagern.

Der Zwischenfall trifft genau die Zielgruppe, die Hard-Wallets in den vergangenen Jahren besonders attraktiv gemacht hat: Besitzer von Bitcoin, die ihre Schlüssel möglichst offline in einem kleinen Hardware-Device verwahren. Seit Donnerstag sind laut einer On-Chain-Auswertung der Analysefirma Galaxy Research vier Diebstahlswellen bekannt geworden, die insgesamt mehr als 5.200 einzelne Adressen erfasst haben. Die Daten deuten darauf hin, dass Angreifer bereits etwa 1.816 Bitcoin aus diesen Coldcard-Wallets abgezogen haben, was nahezu 116 Millionen US-Dollar entspricht. Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Betrag, sondern auch die Konsequenz: In mehreren schnellen Abflüssen verschwinden Gelder, ohne dass das Gerät selbst im laufenden Angriff physisch kompromittiert werden muss.
Unklar bleibt derweil, wer hinter dem Hack steckt. Zwar ordnet die Kryptoszene größere Diebstähle häufig Staaten oder staatlich unterstützten Gruppen zu, etwa mit Verweisen auf Akteure aus Nordkorea oder Russland, doch die Ermittlungen hätten laut Quelle bisher keine belastbare Verknüpfung zu einem konkreten Akteur ergeben. Für Betreiber von Krypto-Infrastruktur heißt das: Selbst wenn eine technische Ursache identifiziert wird, bleibt die Frage nach der operativen Angriffslogik und der möglichen Reichweite für weitere Wallets offen. Gerade weil Hardware-Wallets als Sicherheitsanker gelten, ist die Abgrenzung zwischen einem gezielten Exploit und einem breiter ausgerollten Software-Fehler entscheidend für das Risikoprofil anderer Gerätegenerationen und Firmwarestände.
Technisch führt die Spur in die Recovery-Mechanik. Coldcard, gefertigt von der kanadischen Firma Coinkite, ist dafür bekannt, dass die privaten Schlüssel offline bleiben und Nutzer ihre Wallet über eine Recovery Phrase wiederherstellen können. Genau diese Phrase ist jedoch die Grundlage für die Wiederherstellung der kryptografischen Zustände. Nach einem Bericht der Bitcoin-Engineering- und Security-Teams bei der Finanztechnologie-Firma Block liegt die Schwachstelle in einem Software-Update aus dem Jahr 2021: Die Implementierung änderte die Art, wie der Wallet-Seed bzw. die Recovery Phrase erzeugt wird. Statt stark, wirklich unvorhersehbar generierter Zufallswerte soll ein Prozess zum Einsatz gekommen sein, der Muster verfolgt, wodurch Angreifer die Phrase zumindest teilweise rekonstruktionsartig nachbilden konnten.
Das Risiko entsteht dabei nicht in erster Linie dadurch, dass Recovery Phrases an sich „kaputt“ sind, sondern weil die Sicherheit dieser Phrases von echter Entropie abhängt. Wenn die Generierung nicht mehr den erwarteten Charakter starker Unvorhersagbarkeit erfüllt, sinkt die effektive Suchlänge für Angreifer dramatisch. Block beschreibt sinngemäß, dass die Geräte nicht mehr zuverlässig „starke“ Zufälligkeit verwenden, sondern einen Shortcut-Prozess abwickeln, der sich durch das Erlernen der Muster auch auf eigenen Systemen spiegeln lässt. Gelangen Angreifer so in die Lage, viele potenzielle Recovery Phrases durchzuprobieren und zu testen, welche davon tatsächlich echte Wallets entsperren, können sie Gelder abziehen, ohne jemals auf das Gerät zuzugreifen. Für Nutzer bedeutet das eine harte Verschiebung der Annahmen: Offline-Design verhindert zwar das Auslesen der Keys, kann aber nicht automatisch verhindern, dass die Entropie-Quelle im Erzeugungsprozess schwach war.
Der zeitliche Verlauf macht deutlich, wie schnell sich solche Schwächen monetarisieren lassen. Laut Galaxy Research wurde am 30. Juli bei der Zuordnung der Geldflüsse zur ursprünglichen Coldcard-Verletzbarkeit innerhalb von nur 41 Minuten die Entleerung von 1.196 Adressen beobachtet; dabei sollen rund 1.083 Bitcoin, also etwa 70,2 Millionen US-Dollar, abgeflossen sein. Bereits am nächsten Tag deuten spätere Auswertungen darauf hin, dass ein großer Teil der frühen Verluste – ungefähr 594 Bitcoin im Wert von 38 Millionen US-Dollar – in einem einzigen 25-Minuten-Sweep aus etwa 500 Single-Signature-Wallets erfolgte. Eine dritte Welle sei zwischen Freitagmittag und Samstagmorgen gelaufen, wobei 208 Bitcoin von 1.912 Adressen abgezogen wurden. Am Montagmorgen wurde schließlich die vierte Welle erkannt, die den geschätzten Gesamtschaden auf 1.816 Bitcoin ansteigen ließ.
Coinkite reagierte bereits mit einer offenen Empfehlung an Nutzer. In einem veröffentlichten Schreiben riet das Unternehmen, dass alle Personen, die einen Wallet-Seed auf Coldcard-Geräten erzeugt hatten, ihre Mittel so schnell wie möglich verlagern sollten. Die Kernaussage ist damit nicht nur „Verhalten ändern“, sondern eine konkrete Sicherheitsmaßnahme: Wenn die Recovery-Phrase als Angriffsoberfläche durch schwache Zufallsgenerierung faktisch angreifbar wurde, hilft späteres Reagieren zu spät. Dass es sich in der aktuellen Betrugssaison um keinen Einzelfall handelt, untermauern weitere Zahlen aus der Branche: Laut TRM Labs gab es in den ersten sechs Monaten 207 separate Angriffe, die in dieser Zeitspanne im jeweiligen Halbjahreszeitraum als Rekord gelten, während die Gesamtverluste bei etwa 972 Millionen US-Dollar lagen. Gleichzeitig bleibt die Preisreaktion von Bitcoin und Ethereum laut Quelle insgesamt gedämpft, beide hätten seit Donnerstag weniger als 1% nachgegeben.
Über die Technik hinaus verschärft der Vorfall eine Debatte, die Bitcoin seit Jahren begleitet: Selbstverwahrung (Self-Custody) vs. zentrale Plattformen. Die Quelle beschreibt, dass Crypto-Twitter und einzelne Marktakteure die Implikationen diskutieren, weil die Erwartung „offline = sicher“ durchbrochen wurde. Einige halten weiter an der Idee fest, dass Self-Custody zwar Verantwortung erfordert, aber langfristig die richtige Sicherheitsphilosophie bleibt; andere sehen in dem Vorfall ein Argument für die „Übersichtlichkeit“ großer Plattformen, etwa Dienste wie Binance oder Coinbase. Auch Changpeng Zhao (CZ), Gründer von Binance, wird mit der Aussage zitiert, er glaube an Self-Custody, betone aber zugleich, dass das Modell die Verantwortung beim Nutzer verlagere. Für Unternehmen, die Krypto verwalten oder Rechnungen mit Bitcoin-Assets abwickeln, ist damit klar: Prozesse rund um Firmware-Updates, Seed-Erzeugung und Wallet-Wechsel müssen ebenso als Sicherheitskontrollpunkte verstanden werden wie die Backend-Infrastruktur selbst.
Für die Praxis zeigt der Zwischenfall vor allem, wie eng die Sicherheit von Wallets mit „kleinen“ Implementationsdetails zusammenhängt. Recovery-Phrasen sind ein Standardkonzept, doch ihre konkrete Zufallsquelle entscheidet, ob ein Seed kryptografisch robust bleibt oder ob Angreifer eine praktisch machbare Suchstrategie entwickeln können. Die nächsten Schritte liegen deshalb weniger in „neuen Regeln für Self-Custody“, sondern in überprüfbaren technischen Kontrollen: etwa die schnelle Migration betroffener Seeds, das konsequente Aktualisieren von Wallet-Firmware nach bestätigten Fixes und die Prüfung, ob der eigene Wallet-Prozess wirklich die erwartete Entropie bereitstellt. Damit verschiebt sich der Fokus von der Frage „Welches Gerät ist sicher?“ hin zur Frage „Wie genau wird bei uns ein Seed erzeugt, dokumentiert und abgesichert?“
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