LONDON (IT BOLTWISE) – Tausende Coldcard-Wallets sind Berichten zufolge binnen kurzer Zeit geleert worden, weil beim Erzeugen privater Schlüssel ein Zufallsproblem auftrat. Dabei ging es nicht um einen Angriff auf das Bitcoin-Netzwerk, sondern um eine Schwäche in der internen Software der Geräte. Betroffen waren mehr als 4.500 Adressen, von denen insgesamt über 1.300 Bitcoins abflossen. Entscheidend bleibt: Nutzer können ihre Exponierung nicht allein am Wallet-Modell festmachen, sondern müssen die konkrete Seed-Erstellung und die Version prüfen.

Kaltwallet-Bug kompromittiert tausende Bitcoin-Adressen: Was hinter dem Zufallsfehler steckt
Kaltwallet-Bug kompromittiert tausende Bitcoin-Adressen: Was hinter dem Zufallsfehler steckt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Sicherheitsdebatte um Cold Wallets bekommt mit dem Vorfall rund um Coldcard eine neue Schärfe: Nicht das Bitcoin-Netzwerk selbst wurde kompromittiert, sondern die Gerätekomponente, die eigentlich genau das verhindern soll – das verlässliche Erzeugen privater Schlüssel aus einer Seed-Phrase. Laut der beschriebenen Analyse wurden in mehreren koordinierten Angriffswellen mehr als 1.367 Bitcoins im Wert von ungefähr $88 Millionen aus 4.585 Adressen gestohlen, die mit Coldcard-Hardware-Wallets erstellt wurden. So groß die Zahl in der Öffentlichkeit wirkt, technisch bleibt die Mechanik nachvollziehbar: Wenn der Zufallsanteil beim Schlüsselmaterial schwankt oder reduziert ist, sinkt die Hürde, aus öffentlichen Informationen wieder auf die passenden privaten Schlüssel zu schließen.

Der Kern des Problems liegt in der Kryptografie-„Zufallskette“. Beim Wallet-Setup erzeugt das Gerät eine Backup-Phrase, die Seed Phrase. Aus dieser Wortkombination werden anschließend die privaten Schlüssel abgeleitet, die die Coins kontrollieren. Die Sicherheit hängt dabei direkt von sehr hoher Zufälligkeit ab: Je größer der möglicherweise sichere Suchraum, desto unwahrscheinlicher wird es, dass ein Angreifer eine Seed-Kombination oder einen Schlüssel effizient erraten kann. In der vorliegenden Darstellung soll in Coldcard eine Konfigurations- beziehungsweise Implementierungsstörung dazu geführt haben, dass der Hardware-Zufallszahlengenerator nicht wie vorgesehen arbeitete. Stattdessen nutzte die Software dann einen schwächeren Generator, der unter anderem auf Daten wie der Seriennummer des Chips und der internen Uhr als Startpunkt basierte.

Damit wird aus dem sonst praktisch nicht ausrechenbaren Geheimnis ein angreifbarer Raum. Die Seriennummer und der Zeitbezug sind für einen Angreifer nicht „geheim“ im Sinne von „unbekannt“, sondern lassen sich typischerweise eingrenzen oder anderweitig ableiten. Mit dieser Information kann ein Angreifer den Suchraum reduzieren, umfangreiche Berechnungen durchführen und schließlich nach passenden Treffern auf existierende Adressen in der Blockchain scannen. Berichtet wird zudem, dass der Fehler in Version 4.0.0 eingeflossen sein soll, die im März 2021 veröffentlicht wurde, und anschließend über weitere Versionen hinweg bestehen blieb. Gerade diese „Verweilzeit“ ist sicherheitspraktisch relevant, weil sie die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Nutzer über Jahre hinweg Wallets erzeugten, ohne den Zufallsdefekt zu bemerken.

Die Dynamik der Angriffe macht sichtbar, wie stark ein solcher Zufallsfehler automatisierbar ausgenutzt werden kann. In der ersten Welle sollen innerhalb ungefähr 25 Minuten Hunderte Bitcoins aus getrennten Wallets abgezogen worden sein, wobei die Transaktionen in eine geringe Anzahl von Netzwerkblöcken gepackt wurden. Das deutet auf ein Vorgehen hin, bei dem der Angreifer zuvor Adressen vorab scannte, die voraussichtlich vulnerable Schlüssel erzeugten, anschließend die korrespondierenden privaten Keys berechnete und dann automatisiert auszahlte. In einer frühen Phase konzentrierten sich die gestohlenen Mittel auf wenige Adressen, was die Nachverfolgung durch Blockchain-Research zwar erleichtert, für den Angreifer aber gleichzeitig bedeutet, dass „hohe Trefferwahrscheinlichkeit“ besonders profitabel ist. Später soll das Muster gewechselt haben: In der dritten Welle wurden zusätzlich rund 208 Bitcoins aus 1.912 Adressen gestohlen, allerdings mit deutlich kleineren Beträgen pro Opfer – ein Hinweis darauf, dass zuerst „reiche“ Treffer abgearbeitet wurden und danach systematisch auch kleinere Restbestände abgefragt wurden.

Für Anwender ist besonders wichtig, dass die Exponierung nicht automatisch „nach Modell“ erledigt ist. Laut den vorliegenden Schätzungen sank die effektive Zufallsqualität in den Mk2- und Mk3-Modellen besonders deutlich. In neueren Geräten wie Mk4, Q und Mk5 soll zusätzlich eine Sicherheitskomponente eingebaut sein, die den Prozess weiter absichert. Coinkite wird dabei als Herstellerangabe zitiert, dass diese Ergänzung den Schutz wesentlich verbessert; die Forschungslage wird jedoch vorsichtiger beschrieben: Auch in neueren Modellen könne weiterhin eine Einschränkung bestehen, wie die zusätzliche Zufallsquelle verarbeitet wird. Das bedeutet in der Praxis: Selbst „neue“ Geräte sind nicht automatisch immun, und die Annahme „mein Modell ist sicher“ ersetzt keine Überprüfung, wie und wann die Wallet erstellt wurde.

Trotz der Schlagzeilen ist der Vorfall aus Sicht des Bitcoin-Protokolls kein Netzwerk-Hack. Die beschriebenen Abflüsse wären dennoch möglich, weil die Angreifer am Ende gültige Transaktionen signieren konnten. Wenn sie die privaten Schlüssel rekonstruieren konnten, wird die Blockchain diese Signaturen akzeptieren, weil sie kryptografisch korrekt sind. Genau hier liegt auch die strategische Lehre: Selbst Verwahrung auf eigene Verantwortung endet nicht mit dem Kauf einer Cold Wallet. Sie setzt zusätzlich Vertrauen in Herstellerqualität, Codebasis, die Umsetzung der Schlüsselgenerierung und in die Nutzerdisziplin voraus, Warnhinweise ernst zu nehmen und im Ernstfall schnell auf eine neue Wallet umzusteigen. In diesem Sinne wirkt der Vorfall weniger wie ein Bruch der Blockchain als vielmehr wie eine Schwachstelle in der Lieferkette des Sicherheitsversprechens – vom Zufallsquelle-Design bis zur konkreten Seed-Erzeugung.

Für die Markt- und Architekturperspektive ist der Fall ein deutlicher Hinweis auf ein dauerhaftes Problem der „letzten Meile“ bei Hardware-Wallets: Krypto ist nur so stark wie die Implementierung der Zufallsquellen. Gleichzeitig zeigt sich, warum Metriken zur Zufallsqualität und unabhängige Verifikationswege in der Praxis so viel Gewicht bekommen, gerade wenn Geräte über Jahre hinweg im Umlauf sind. Unternehmen und technische Teams, die für Dritte Wallets verwalten oder selbst Custody-Prozesse betreiben, sollten die Ereignislogik deshalb als Risiko-Muster lesen: Hardware-Selbstverwahrung ist keine Garantie gegen Softwarefehler, sondern verlagert das Sicherheitsmodell auf Herstellercode, Firmwareversionen und den konkreten Erzeugungszeitpunkt von Seeds. Ob und wie groß das tatsächliche Ausmaß pro Nutzer ist, bleibt damit zunächst offen; klar ist aber, dass die Verantwortung für die Sicherheitsprüfung nicht „automatisch“ durch die Bauform Cold Wallet endet.


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