BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Verbändebündnis Wohnungsbau warnt in einem Brandbrief vor massiven Kürzungen für den Wohnungsneubau. Für 2027 sollen demnach nahezu 1,4 Milliarden Euro weniger für Neubauvorhaben bereitstehen als im laufenden Jahr. Die Bau- und Wohnungswirtschaft rechnet dadurch mit weiteren Einbrüchen in einem ohnehin angeschlagenen Sektor. Besonders kritisch sehen die Unterzeichner auch Einschnitte bei der Modernisierungsförderung, weil sie CO₂-wirksame Sanierungen in Mehrfamilienhäusern gefährden könnten.

Wohnungsbau in der Krise: Kürzungen 2027 treffen Neubau und Sanierung
Wohnungsbau in der Krise: Kürzungen 2027 treffen Neubau und Sanierung (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Brandbrief kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Branche gerade versucht, Vertrauen zurückzugewinnen: Mitte Juni stand mit dem „X8-BauDialog“ eine Investorenkonferenz im Kalender, auf der Bauministerin Verena Hubertz und Finanzminister Lars Klingbeil Perspektiven für den Wohnungsbau ausloten wollten. Genau dieses Momentum scheint die Bundesregierung nach Ansicht des Bündnisses Wohnungsbau jetzt zu konterkarieren. Denn die Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Detailkorrekturen, sondern gegen „Ad-hoc-Kürzungen“ bei der Finanzierung, die aus Sicht der Bau- und Wohnungswirtschaft wie eine Erschütterung für laufende Bauvorhaben, Sanierungen und Investitionsentscheidungen wirken.

Im Kern geht es um eine Größenordnung, die im Sektor unmittelbar auf Projektkalkulationen durchschlägt: Für 2027 sollen nahezu 1,4 Milliarden Euro weniger für den Neubau zur Verfügung stehen als im laufenden Jahr. Aus technischer und operativer Perspektive ist das relevant, weil Wohnungsbau nicht wie eine Produktlinie kurzfristig skaliert werden kann. Bedarfsplanung, Ausschreibung, Vergabe, Bauausführung und Übergabe bilden eine Kette, in der sich Annahmen über Förderhöhe und Zeitpläne in die Wirtschaftlichkeit der gesamten Wertschöpfung eingraben. Wenn das Förderumfeld dann abrupt kippt, verschieben sich nicht nur Starttermine, sondern oft auch komplette Finanzierungs- und Belegungspläne – mit Folgen für Baufirmen, Zulieferer und am Ende auch für die Versorgung mit Wohnraum.

Das Bündnis macht in seinem Protestbrief außerdem deutlich, welche wirtschaftlichen Nebenwirkungen es erwartet: Es rechnet damit, dass sowohl im Bau als auch in der Baustoffherstellung Kapazitäten reduziert werden müssen. Solche Kapazitätsanpassungen treffen in der Praxis häufig zuerst die personelle Ebene. Wenn Fachkräfte den Sektor verlassen und nicht zurückkehren, entsteht ein Engpass, der später schwer zu schließen ist – selbst dann, wenn die Förderlandschaft wieder stabiler wird. Dazu kommt nach Angaben des Verbändebündnisses die Befürchtung, dass die Zahl der Insolvenzen in den betroffenen Bereichen steigt, weil die Liquiditätspuffer bei vielen Betrieben ohnehin knapp kalkuliert sind und der Mittelabfluss oft zeitversetzt zu den Ausgaben erfolgt.

Die politische Dimension der Kritik ist dabei zweigeteilt: Einerseits mahnt das Bündnis, dem Wohnungsbau keine Mittel zu entziehen, damit der Sektor das derzeit niedrige Aktionsniveau überhaupt halten kann. Andererseits argumentieren die Unterzeichner, dass der Wohnungsbau anders als andere Branchen auf Einschnitte reagiert – nicht nur über Nachfrageeffekte, sondern über real vorhandene Strukturen aus Baukapazität, Fachkräften und Projektpipelines. Als Gegenstück zur Forderung nach Planungssicherheit stellen sie die Logik stabiler Rahmenbedingungen heraus: Investitionen benötigen verlässliche Perspektiven, andernfalls wird aus Aufträgen schnell „Warten“ und aus „Warten“ wird ein Stopp. Genau in diesem Kontext verortet das Bündnis auch die Kritik an einem falschen Signal, das dem Markt Orientierung entzieht.

Im weiteren Teil des Brandbriefs formulieren die Unterzeichner konkrete politische Stellschrauben, die nach ihrer Einschätzung den Wohnungsbau beschleunigen könnten, ohne zusätzlich Haushaltsmittel dauerhaft zu binden. Genannt wird die Einführung des „Gebäudetyp-E-Gesetzes“ zur Senkung der Baukosten, außerdem eine Anpassung der Sonderabschreibung (Sonder-AfA) zugunsten des Wohnungsbaus. Entscheidend ist dabei der vorgeschlagene Effizienzbezug: Die Sonder-AfA soll an den in der Praxis umsetzbaren Effizienzhaus-Standard 55 (EH 55) gekoppelt werden, statt an EH 40. Zudem fordert das Bündnis, Investitionen in die Modernisierung aufrechtzuerhalten, weil Kürzungen hier das Erreichen der Klimaziele gefährden würden.

Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf die Modernisierungsförderung. Die Sorge lautet, dass Einschnitte bei Förderinstrumenten klimawirksame und zugleich sozial sensible Sanierungsprojekte in Mehrfamilienhäusern ausbremsen. Dort sehen die Unterzeichner ein erhebliches CO₂-Einsparpotenzial, weil energetische Maßnahmen häufig auf große Gebäudeflächen wirken und damit pro Investitions-Euro eine hohe Wirkung entfalten können. Wenn die Bundesregierung nach Ansicht des Bündnisses beim energetischen Bauen und Sanieren „auf die Bremse“ tritt, widerspricht das dem im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Ziel der CO₂-Neutralität. Unterzeichnet wurde der Brandbrief laut Text unter anderem von Robert Feiger (IG BAU), Axel Gedaschko (GdW) und Wolfgang Schubert-Raab (ZDB), womit der Appell aus mehreren Teilen der Wertschöpfungskette kommt – vom Bau über die Wohnungswirtschaft bis zu den Baugewerken.

Für Unternehmen und Entscheider in der Branche liegt die praktische Herausforderung damit nicht allein in der Höhe einzelner Förderlinien, sondern in der Planbarkeit über Jahre. Gerade im Bestand, wo Sanierungsfenster, Mieterbelange und Bauzeiten eng koordiniert werden müssen, kann ein Förderstopp oder eine Reduktion den Investitionsrhythmus nachhaltig verändern. Gleichzeitig zeigt der Brandbrief, wie stark finanzielle Entscheidungen auf technische Standards, Bauausführung und Qualifikationsbedarf zurückwirken: Wer Klimaziele erreichen will, braucht eine verlässliche Modernisierungslogik – sonst verlagern sich Projekte in die Zukunft, während Energiekennwerte und Sanierungsbedarfe weiter steigen. Unabhängig davon, wie der politische Prozess weitergeht, wird der Druck auf tragfähige Förderarchitekturen damit größer.


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