ROM / LONDON (IT BOLTWISE) – In Rom treffen sich israelische und libanesische Regierungsvertreter zu direkten politischen Gesprächen, um die Umsetzung eines Sicherheitsabkommens voranzubringen. Im Zentrum der Diskussionen stehen Berichten zufolge erneut unterirdische Strukturen der Hisbollah, insbesondere ein weit verzweigtes Tunnelsystem. Gleichzeitig laufen die gegenseitigen Vorwürfe weiter: Israel setzt seine Angriffe im Süden des Libanon fort, während die Hisbollah nach Angaben des Berichts seit Beginn der jüngsten Waffenruhe keine Angriffe gegen Israel unternommen haben soll. Damit bleibt offen, wie sich Rückzug und Entwaffnung praktisch umsetzen lassen.

Die Gespräche in Rom wirken auf den ersten Blick wie ein klassischer diplomatischer Schritt: Israel und der Libanon sprechen seit Mitte April erstmals seit Jahrzehnten wieder direkt miteinander, vermittelt von den USA. Doch die inhaltliche Klammer der Runde zeigt, warum der Weg zu einer stabilen Sicherheitsarchitektur so zäh ist. Laut den Angaben aus libanesischen Regierungskreisen soll die weitere Umsetzung des Sicherheitsabkommens vor allem an einem sehr konkreten Knotenpunkt hängen: am unterirdischen Tunnelsystem der Hisbollah. In einem Umfeld, in dem beide Seiten ihre militärischen Zwänge betonen, wird aus „Verhandlungen“ schnell „Betrieb unter Beschuss“ – und genau dieses Spannungsfeld steht in Rom gerade im Fokus.
Technisch betrachtet ist ein Tunnelnetzwerk weniger ein einzelner Ort als ein logistisches Gesamtsystem. Über Jahrzehnte hat die Hisbollah nach Einschätzung von Beobachtern und Experten eine unterirdische Militärstruktur aufgebaut, die Israel als Bedrohung einstuft. Dazu zählen laut der Darstellung Kommandozentren, Waffenlager, Abschusspositionen, Versorgungskorridore sowie geschützte Verbindungen, die Kämpfern Bewegungen unter der Erde ermöglichen. Der Libanon-Experte Nicolas Blanford ordnete das Tunnelnetz als „äußerst wichtigen“ Bestandteil der militärischen Infrastruktur ein und beschreibt den Wirkraum als mehrere Landesteile bis in den nördlichen Abschnitt der Bekaa-Ebene; zugleich heißt es, das Netzwerk sei nicht landesweit miteinander verbunden. Für die operative Planung bedeutet das: Nicht nur Zugänge sind relevant, sondern auch die Art, wie Teilnetze die Handlungsfähigkeit bei Luftangriffen aufrechterhalten sollen.
Während das Tunnelnetzwerk die Beweglichkeit und den Schutz verbessern soll, beschreibt der Bericht auch, wie stark das israelische Vorgehen in den letzten Jahren gezielt auf die Zerstörung solcher Strukturen gerichtet war. In mehreren Orten seien Sprengungen und die „gezielte Zerstörung“ erfolgt, wie die staatliche Nachrichtenagentur NNA berichtete. Der technische Kern liegt auf beiden Seiten in unterschiedlichen Annahmen über Wirksamkeit: Israel will Tunnel als militärische Infrastruktur ausschalten, während die Hisbollah offenbar auf Tarnung, Ausweichrouten und die Aufrechterhaltung von Betrieb auch unter intensiven Luftangriffen setzt. Das Gefährdungspotenzial liegt dabei nicht nur in der Reichweite der Infrastruktur, sondern auch in der Frage, wie schnell sich aus dem Untergrund heraus Angriffe koordinieren lassen und ob sich Kräfte über Tage hinweg bewegen können, ohne dauerhaft sichtbar zu werden.
Ein weiterer Grund, warum die Diskussionen in Rom so politisch aufgeladen bleiben, ist die strategische Perspektive auf Israels militärische Überlegenheit. Der libanesische Militärstratege Munir Schehadeh betont, Israel sei der Hisbollah überlegen und verfüge über Luftwaffe, Satellitenaufklärung, Drohnen, elektronische Überwachung und präzisionsgelenkte Waffen. In seiner Argumentation ging es über Jahre hinweg darum, eine unterirdische Infrastruktur aufzubauen, die Kämpfer, Waffen und Kommandozentren schützt und zugleich den Betrieb auch bei intensiven Luftangriffen ermöglicht. Gleichzeitig räumt er ein, dass Israel trotz dieser Investitionen in die unterirdische Kriegsführung in den Südlilbanon eindringen konnte und erhebliche Teile der Infrastruktur der Organisation zerstörte; als Beispiel werden Satellitenbilder genannt, die massive Zerstörung in einzelnen Dörfern im Südlibanon zeigen sollen. Diese Gegenüberstellung macht deutlich, warum „Sicherheitsabkommen“ ohne belastbare Mechanik zur Verifikation und ohne Tempo bei der Umsetzung so schwer zu operationalisieren sind.
Dass die Debatte nicht bei Theorie stehen bleibt, wird im Bericht durch konkrete Einsatzbeispiele unterfüttert. Israel habe seit einigen Jahren wiederholt Tunnel der Hisbollah im Libanon zerstört, darunter auch Strukturen, die bis nach Israel gereicht haben sollen; nach libanesischen Angaben wurden dabei wiederholt auch Wohngebäude beschädigt. Zudem heißt es, UN-Friedenstruppen hätten im Sommer 2025 ein umfangreiches Tunnelnetzwerk im Süden des Landes entdeckt. Zuletzt beschreibt der Bericht einen Einsatz im Gebiet der Burg Beaufort: Dort habe die israelische Armee eigenen Angaben zufolge einen Tunnel der Hisbollah im Umfeld der historisch und strategisch wichtigen Festung zerstört, wobei rund 700 Tonnen Sprengstoff eingesetzt worden sein sollen; Libanon und Israel zufolge sei die Burg dabei nicht beschädigt worden, während laut einer libanesischen Nachrichtenagentur ein 1.200 Meter langes Gebiet am südlichen Ende der Burg „vollständig verwüstet“ worden sei. Solche Fakten verschieben die Diplomatie vom Verhandlungstisch in die Realität des Schadensbildes – und damit auch in die Frage, wie Vertrauen entstehen soll, wenn gleichzeitig weiter zerstört wird.
Die politische Einordnung ergänzt die technische: Obwohl es eine Waffenruhe gibt, sei das israelische Militär weiterhin im Südlibanons stationiert und greife auch weiter aus der Luft an. Die Hisbollah hingegen habe seit Beginn der jüngsten Waffenruhe keine Angriffe gegen Israel unternommen. Das Rahmenabkommen sieht sowohl den Rückzug israelischer Truppen aus dem Südlilbanon als auch eine Entwaffnung der Hisbollah durch die libanesische Armee vor; beides sei bislang noch nicht umgesetzt. Israel knüpft den Angaben zufolge seine verbliebene Militärpräsenz an Fortschritte bei der Entwaffnung, während die Hisbollah eine Kooperation an einen israelischen Abzug koppelt. In der Praxis entsteht damit eine wechselseitige Abhängigkeit, die zwar verhandelt, aber nicht allein durch Gespräche gelöst werden kann, solange operative Handlungen auf beiden Seiten weiterlaufen.
Für die Zukunft der Sicherheitsarchitektur entscheidet sich in Rom daher nicht nur, was auf Papier steht, sondern ob die beteiligten Kräfte überhaupt die Kapazität haben, die nächsten Schritte durchzusetzen. Der Bericht verweist darauf, dass die libanesische Regierung über begrenzte Möglichkeiten verfügt: Die Streitkräfte gelten als deutlich schwächer als die Hisbollah, und die Regierung wolle zudem innenpolitische Spannungen vermeiden, falls sie mit Gewalt gegen die Miliz vorgeht. Damit wird das Sicherheitsabkommen faktisch zu einem Belastungstest für den gesamten Staat: Es reicht nicht, Tunnel als Technologie zu beschreiben; entscheidend ist, ob die libanesischen Strukturen die Entwaffnung real durchführen können, ohne in einen erneuten Eskalationszyklus zu kippen. Gerade weil die Gespräche erstmals seit Jahrzehnten wieder direkt stattfinden, zeigt sich hier, wie stark technische Infrastrukturfragen und politische Umsetzungsfähigkeit ineinandergreifen.
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