ENGLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neues Risikobewertungstool zeigt, dass die aktuellen Kriterien für Brustkrebsvorsorge unter 50 einen großen Teil der gefährdeten Frauen nicht erfassen. Die NICE-Leitlinien stützen sich dabei stark auf vererbte Risiken und Familiengeschichte, während andere Faktoren wie Lebensstil und reproduktive Vorgeschichte kaum berücksichtigt werden. Mit dem Rechner Boadicea würden deutlich mehr Betroffene für eine weitere Abklärung eingeplant. Gleichzeitig warnen Forschende und Unterstützer vor zusätzlicher Belastung für das Gesundheitssystem sowie vor unnötiger Angst durch mehr Screenings.

In der Brustkrebsfrüherkennung klafft bei Frauen unter 50 offenbar eine strukturelle Lücke: Nach Berechnungen auf Basis eines Risikorechners würden deutlich mehr Patientinnen als bislang unter die Schwelle fallen, ab der eine weitergehende Abklärung empfohlen wird. Hintergrund ist, dass die derzeitigen Screening-Kriterien in England vor allem auf genetisch vererbte Risiken und damit eng verknüpfte Familienkonstellationen fokussieren. Für viele Frauen in der genannten Altersgruppe trifft dieser Ansatz aber nicht zu, obwohl sie in den kommenden Jahren dennoch erkranken können.
Die Studie nutzt dafür nicht nur die Familienanamnese, sondern kombiniert mehrere Einflussgrößen zu einem Risikoscore. Der Ansatz basiert auf Boadicea, einem Rechner, der Faktoren wie die Familiengeschichte, Aspekte des Lebensstils, die reproduktive Vorgeschichte sowie genetische Informationen zusammenführt. Die Forscherinnen und Forscher kommen dabei zu dem Ergebnis, dass bei einer hypothetischen Anwendung für alle Frauen unter 50 etwa 26,5% als überdurchschnittlich risikobelastet eingestuft und an eine weitere Bewertung verwiesen würden. Wichtig ist: Diese Gruppe ist nicht nur „statistisch größer“, sondern deckt auch einen spürbaren Anteil derjenigen ab, die tatsächlich innerhalb von zehn Jahren Brustkrebs entwickeln.
Im Vergleich zur aktuellen NICE-Logik wird der Unterschied besonders deutlich. Die NICE-Kriterien würden in der gleichen Altersgruppe nur 1,4% der Frauen in die nächste Stufe (weitere Abklärung) lenken. Dadurch werden nach den Studienannahmen nur 4,4% der späteren Erkrankungen in dieser Alterskohorte mit dem bisherigen Pfad erfasst. Der Hauptgrund für die Diskrepanz liegt laut den Forschenden darin, dass 73% der unter-50-jährigen Frauen, die innerhalb eines Jahrzehnts Brustkrebs bekommen, keine familiäre Vorbelastung aufweisen. Der bisher zentrale Hinweis aus der Familienanamnese wirkt damit in der Praxis wie ein Filter, der viele Fälle „unter der Schwelle“ durchlässt.
Technisch betrachtet ist das Problem damit weniger eine Frage der Bildgebung als der vorgelagerten Selektion. Ältere Frauen erhalten in vielen Systemen routinemäßige Mammografie-Screenings, während Unter-50-Jährige ohne starke Familiengeschichte keine generelle Vorsorge erhalten. Die neue Risikobewertung will diesen Selektionsschritt durch ein multifaktorielles Scoring ersetzen oder zumindest ergänzen. Das könnte die Zahl der „entdeckten“ Risikofälle erhöhen, ohne dass dafür automatisch jede Person dieser Altersgruppe sofort in ein Screening-Programm überführt wird. Zugleich sind Risikorechner wie Boadicea nicht identisch mit einem Diagnoseverfahren; sie stellen Wahrscheinlichkeiten bereit, die dann klinisch weiterverarbeitet werden müssen.
Die Diskussion schwenkt deshalb schnell von der Modellgüte hin zur Umsetzung: Lead researcher Dr Juliet Usher-Smith plädiert dafür, die Kriterien im Licht der Ergebnisse zu überprüfen, weist aber zugleich darauf hin, dass zusätzliche Verweise mehr Arbeitsbelastung auslösen und auch Frauen treffen könnten, die dadurch unnötig zusätzliche Untersuchungen, Kontrollen und damit verbundene Unsicherheit erleben. Auch Dr Sowmiya Moorthie, von Cancer Research UK, die die Arbeit finanziert hat, betont in einem direkten Zitat, dass Änderungen zugänglich und gerecht sein müssen und die psychologische Wirkung zusätzlicher Überweisungen berücksichtigt werden soll („Any changes must be accessible and equitable, taking into consideration the anxiety that extra referrals might cause for women.“). Damit wird klar: Der Trade-off zwischen Sensitivität (mehr potenziell Gefährdete) und Spezifität (weniger Fehlalarme) entscheidet am Ende über Akzeptanz, Aufwand und Versorgungsrealität.
Auf Systemebene verweist der Text außerdem auf den Bewertungs- und Evidenzrahmen, in dem NICE arbeitet. NICE sagt, man begrüße die Befunde und erkenne das Potenzial multifaktorieller Tools zur Risikobewertung an, sieht aber aktuell keine ausreichende Grundlage, um die Leitlinien für Brustkrebs-Screening zu verändern. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn Risikorechner wissenschaftlich überzeugende Signale liefern, braucht es belastbare Evidenz dafür, dass die daraus abgeleiteten neuen Wege zu besseren Ergebnissen führen, ohne den Versorgungsalltag unverhältnismäßig zu überlasten. Begleitend wird auch betont, dass das nationale Screening-Programm in Großbritannien regelmäßig evaluiert wird und dass Frauen grundsätzlich dazu angehalten sind, auffällige Veränderungen an der Brust ärztlich abklären zu lassen.
Für Unternehmen und datengetriebene Gesundheitsprojekte liegt die Relevanz vor allem in der konkreten Logik moderner Risikomodelle: Multimodale Risikoerfassung statt einzelner Trigger, etwa „Familiengeschichte ja/nein“. Solche Konzepte kennen Entwickler aus dem Machine-Learning-Umfeld bereits als Kombination heterogener Signale, nur dass hier die Ausgabe als klinischer Entscheidungsinput in existierende Workflows übersetzt werden muss. Wenn Gesundheitssysteme künftig häufiger auf Risikoscores setzen, wird nicht nur das Modell selbst wichtig, sondern auch die Integration in Prozesse, die Erklärbarkeit gegenüber Patientinnen und die Gewährleistung fairer Zugänge. Genau dort entscheidet sich, ob KI-gestützte Ansätze in der Breite tatsächlich zu weniger verpassten Fällen führen.
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