BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Kinofilm „Everytime“ verbindet Trauer in Berlin mit surrealen Erinnerungsbildern und verschiebt dadurch die Wahrnehmung von Zeit. Regisseurin Sandra Wollner erzählt den Verlust nicht linear bis zur Beerdigung, sondern zeigt den Alltag danach als fortlaufende, fast fragmentierte Schleife. Besonders auffällig ist die Bildgestaltung mit Camcorder-Nachbildern, die Gegenwart und Vergangenheit ineinander kippen lassen. Ab Donnerstag startet der Film im Kino und trifft damit direkt auf die emotionale Wirkung, die bereits in Cannes prämiert wurde.

„Everytime“ beginnt nicht mit dem Schock, sondern mit dem Nachhall: Eine Sonne, die zu eckig wirkt, um wirklich in die Realität zu passen, und dennoch einfach weiter scheint. Genau dieses Spannungsfeld aus Wärme und Irritation zieht sich durch den Film von Sandra Wollner und macht deutlich, worum es der Regisseurin geht: Trauer ist hier nicht nur ein Ereignis, sondern eine Wahrnehmungsform. Wenn Wollner die Realität mit Videoaufnahmen und Erinnerungen verschränkt, entsteht ein Effekt, der sich wie eine Gedächtnisschleife anfühlt – wiederkehrend, fragmentarisch und schwer zu „abschließen“. Damit steht der Film überraschend nahe an Prinzipien, die man auch in der digitalen Bildverarbeitung kennt: nicht das lineare Abspulen von Zeit, sondern das rekursive Wiederauftauchen von Signalen.
Bevor die Handlung nach Teneriffa springt, verfolgt der Film zunächst die alleinerziehende Mutter Ella in Berlin. Ihre beiden Töchter Jessie und Melli teilen sich ein Zimmer; die Privatsphäre ist klein, der Alltag eng, die Konflikte häufig und schnell. Dann kippt das Gleichgewicht mit einer Tragödie: Jessie kommt nach einer ausgelassenen Party ums Leben – und ab diesem Punkt erzählt der Film die unmittelbaren Momente nicht als „Sonderfolge“ bis zur Beerdigung. Stattdessen lässt Wollner eine Lücke entstehen und setzt dann an, wie Ella und die jüngere Schwester ein Jahr später versuchen, weiterzufunktionieren. In technischen Begriffen könnte man sagen: Der Film modelliert nicht das Ereignis, sondern die Zustandsänderung im System, die danach dauerhaft wirkt.
So werden Trauerszenen zu Beobachtungssituationen. Ella gießt etwa Blumen am Grab und telefoniert dabei – eine Handlung, die den Schmerz nicht erklärt, sondern nebenbei „mitlaufen“ lässt. Melli liegt abends im Bett, scrollt auf dem Handy durch den alten Chat mit ihrer toten Schwester, schaut sich Kameraaufnahmen von Jessie als Kind an und spielt schließlich ein Videospiel, das sie früher gemeinsam gespielt haben. Diese Mischung ist wichtig, weil sie den emotionalen Gehalt nicht mit Musik-Cues oder Erklärtexten verstärkt, sondern über Kontraste erzeugt: Routine trifft auf Erinnerung. Der Film macht damit sichtbar, wie digitale Alltagsmedien – Chats, Foto- und Videoarchive, Gaming-Interfaces – als zweite Gedächtnisebene funktionieren. Gerade dieser Aspekt dürfte auch technisch versierte Zuschauer interessieren: Die Haptik des „Wiederaufzurufen“ wird filmisch spürbar, als würde sich die Vergangenheit aus der Oberfläche schälen.
Als Lux auftaucht, verändert sich die Dynamik spürbar. Ella entschließt sich, einen eigentlich mit den Töchtern geplanten Urlaub nachzuholen, und reist mit Lux und Melli nach Teneriffa. Dort kommen unterdrückte Gefühle und Erinnerungen wieder an die Oberflache – und die Beklommenheit, die den gesamten Film über im Hintergrund stand, entlädt sich im letzten Drittel. Wollner arbeitet dabei mit einer konsequenten Vermischung von Gegenwart und (Camcorder)-Erinnerungen: Man spürt, wie die Kamera nicht nur „zeigt“, sondern auch zeitliche Ebenen übereinander legt. Das ist kein bloßer Stilgriff, sondern eine dramaturgische Entscheidung. Die Bildsprache behauptet, dass der Verlust nicht nur „stattgefunden“ hat, sondern weiterhin ständig neue Frames erzeugt – ähnlich wie ein System, das aus vorhandenen Daten immer wieder neue Darstellungen generiert, obwohl sich die eigentliche Ausgangslage nicht mehr ändert.
Stilistisch wird „Everytime“ häufig mit Charlotte Wells’ Filmdrama „Aftersun“ in Verbindung gebracht. Der Vergleich ist nachvollziehbar, auch weil Wollner beim Kameraaufbau mit Gregory Oke gearbeitet hat, der bereits für die Kamera von „Aftersun“ verantwortlich war. Oke verbindet dabei eine auffallend warme, flirrende Bildwelt mit einer beobachtenden Kameraführung: Die Sonne wirkt nicht nur hell, sie scheint den Raum zu „durchdringen“, während die Einstellungen Zeit zum Atmen lassen. Gerade Birgit Minichmayr trägt das durch ihre Darstellung als Ella: Sie wirkt wie eine Frau, die Trauer gezielt „managt“, nicht aus Gefühlskälte, sondern aus Überlebenslogik. Zu sehr ist Ella damit beschäftigt, für ihre jüngere Tochter da zu sein – und Lux zu trösten, dem in der Umgebung schnell Schuld an Jessies Tod zugeschrieben wird. Damit wird auch eine soziale Dimension von Verlust sichtbar: Trauer ist nicht nur privat, sondern trifft auf Erwartungen, Narrative und Rollenbilder.
Interessant wird es dort, wo der Film selbst seine metaphorische Leitidee „Sonne“ technisch auflädt. Wollner beschreibt die Protagonisten als Nachbilder von Menschen, denen sie an bestimmten Punkten ihres Lebens begegnet sei, und erklärt, sie hätten ein Eigenleben entwickelt, dem sie folgen musste. In derselben Denkrichtung passt ihre zentrale Frage, wie die Sonne nach einer Tragödie einfach weiter scheinen kann – als Gleichgültigkeit des Universums, aber auch als stille Verweigerung, dem Ereignis Bedeutung zu geben. Genau diese Spannung löst sie am Ende auf: Die Sonne bleibt am Himmel stehen und geht nicht unter. Im Kino wirkt das wie ein bewusst gesetzter Frame-Stop – als würde die Erzählung nicht mit einer Auflösung enden, sondern mit einem Zustand. Für Unternehmen, die heute mit KI-Systemen arbeiten, ist diese filmische Logik erstaunlich anschlussfähig: Auch KI-Workflows sind häufig darauf ausgelegt, aus fortlaufenden Signalen konsistente Ausgaben zu erzeugen, selbst wenn die „Ereignisdaten“ längst vorbei sind. „Everytime“ übersetzt diese Idee in Emotionen: Man bleibt in der Ausgabe hängen.
Der Kinostart ab Donnerstag bringt den Film nun in die Breite, die seine Cannes-Rezeption bereits vorbereitet hat. Wenn ein Werk mit Un Certain Regard als Nebenreihe so stark wahrgenommen wird, liegt das in der Regel an mehr als nur einer guten Inszenierung: Es ist die präzise Balance zwischen Unwirklichkeit und Alltagsnähe. Bei „Everytime“ entsteht diese Balance durch den Wechsel zwischen stillen Momenten und surrealen Überblendungen, durch das Auslassen der „klassischen“ Trauerchronologie und durch die konsequente Beobachtung von Routinen. Technisch betrachtet steht dabei nicht die Spezialeffektfrage im Vordergrund, sondern die Umsetzung von Wahrnehmungslogik: Welche Bildquellen werden wie verknüpft, wie lange bleibt eine Einstellung stehen, wann kippt Erinnerung in Gegenwart. Wer den Film also als reine Tragödie einordnet, greift zu kurz; er funktioniert auch wie ein kinematografisches Modell dafür, wie Medien – vom Handy-Chat bis zur Camcorder-Szene – die eigene Zeitstruktur stabilisieren oder zerstören können.
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