BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Sandra Wollner erzählt in „Everytime“ Trauer und Verlust so leise wie präzise: Die Sonne bleibt dabei nicht Symbol, sondern Beobachtungsfläche. Der Film beginnt in Berlin mit dem Tod von Jessie und springt anschließend in den Alltag ihrer Familie zurück. Erst auf Teneriffa lösen sich die Erinnerungen aus dem Inneren und mischen sich mit Gegenwart. Im Anschluss an die Handlung wirkt es, als müsste das Universum trotz Schmerz kurz innehalten.

„Everytime“ startet nicht mit einer Erklärung, sondern mit einer Stimmung, die sich sofort ins Kopfkino schiebt: Die Sonne wirkt plötzlich eckig, als wäre sie aus einer anderen Wirklichkeit ausgeliehen. Genau dieses Spiel mit Perspektive und Unwirklichkeit prägt Sandra Wollners Film, der Trauer nicht als abgearbeitetes Ritual vorführt, sondern als etwas zeigt, das den Alltag weiterzieht – nur eben unter anderen Wahrnehmungsbedingungen. Die Kamera nimmt dabei die Logik der Erinnerung ernster als die Logik der Chronologie. So entsteht eine Geschichte, in der Verlust nicht „abgehakt“ wird, sondern in Fragmenten weiterlebt: in Blicken, Gesprächen, Gesten am Grab und in der Art, wie Licht auf Oberflächen fällt.
Bevor die Handlung auf Teneriffa wechselt, richtet Wollner den Blick auf Berlin und auf eine alleinerziehende Mutter, Ella, die mit zwei Töchtern versucht, eine Normalität zu halten, die sich jeden Tag anfühlt wie ein Missverständnis. Birgit Minichmayr spielt Ella als Figur, die keine Zeit für den klassischen Trauerverlauf zu besitzen scheint. Das zeigt sich nicht in großen Ausbrüchen, sondern in Beweglichkeit: Sie gießt Blumen am Grab und telefoniert zugleich. Ihre Welt besteht aus parallelen Handgriffen, als könnte die Gegenwart nur dann überleben, wenn sie produktiv bleibt. Auch die Schwestern tragen die Situation unterschiedlich in ihren Alltag hinein: Jessie und Melli streiten um Privatsphäre, sie ziehen sich in Räume zurück, die zugleich Schutz und Kontrollversuch sind.
Der Einschnitt kommt nach einer Party – und wirkt genau deshalb so heftig, weil der Film ihn nicht als abgemessene Dramatik aufbereitet. Jessie stirbt nach einer Tragödie, und Wollner inszeniert den Moment so still und unvermittelt, dass das Geschehen im Körper der Zuschauenden nachzittert. Besonders auffällig ist, wie schnell der Film die Zeit im Kopf verschiebt: Während Ella und Melli den Sonnenaufgang auf dem Dach eines Hochhauses beobachten, „verunglückt“ Jessie in der erzählerischen Logik, als würde die Realität plötzlich die Regeln wechseln. Von dort an zeigt Wollner bewusst nicht den Weg von Tod bis Beerdigung als Abfolge emotionaler Stationen. Stattdessen setzt der Film dort an, wo Trauer im Alltag ansetzt: ein Jahr später wird die Gegenwart mit Überresten der Vergangenheit durchmischt – mit (Camcorder)-Bildern, alten Chats auf dem Handy und Szenen, in denen Melli Erinnerungen als eine Mischung aus Trost, Bestrafung und Selbstgespräch betrachtet.
In diesen Passagen wird die technische Handschrift besonders spürbar, ohne dass sie sich in den Vordergrund drängt. Filmisch arbeitet „Everytime“ stark mit Beobachtung und Nähe, mit einer Bildsprache, die Wärme zulässt und gerade dadurch die Beklommenheit nicht aufhebt, sondern verstärkt. Für die visuelle Gestaltung arbeitet Wollner mit Gregory Oke zusammen, der auch bei „Aftersun“ für die Kamera verantwortlich war. Der Vergleich mit Charlotte Wells’ Film liegt nahe: Beide setzen auf eine sensorische Qualität von Sommer und Licht, die nicht nur „Atmosphäre“ ist, sondern eine emotionale Argumentationshilfe. Oke gelingt es, gleißende Sonne und sommerliche Stimmung in warmen Farbtönen zu fassen, während die Kamera häufiger still beobachtet als sie „erklärt“. Das gibt den Figuren Raum für Momente, in denen sie funktionieren wollen, ohne zu wissen, ob Funktion in diesem Zustand überhaupt möglich ist.
Als Lux auftaucht, verändert sich nicht nur die Handlung, sondern auch der psychologische Takt. Ella entscheidet sich, einen zuvor mit den Töchtern geplanten Urlaub nachzuholen, und damit verlegt der Film den Schwerpunkt von Berlin in eine Umgebung, in der Unterdrücktes schneller an die Oberfläche drängt. Auf Teneriffa wirken Erinnerungen weniger wie Rückblenden und mehr wie ein zweiter, parallel laufender Wahrnehmungskanal: Gespräche, Stimmungen und Bilder kommen zusammen, statt sich sauber zu trennen. Gerade im letzten Drittel entlädt sich die Beklommenheit, die den Film durchzieht: Gegenwart und Aufnahmegerät-Erinnerung greifen ineinander und lassen das Surreale nicht als Stilmittel erscheinen, sondern als logische Folge eines Trauerzustands. Es ist nicht „nur“ Verlust, der bleibt, sondern auch die Frage, warum das Leben weiterfließt, während innen etwas stehenbleibt.
Diese Grundidee formuliert Wollner selbst in einem Gedanken, der wie eine These über Universen wirkt: Sie interessiert die Frage, wie die Sonne nach einer Tragödie einfach weiter scheinen kann – als Gleichgültigkeit des Kosmos. In dem Film, so scheint es, ist genau diese Ungerechtigkeit nicht als moralischer Schrei gebaut, sondern als Beobachtung, die sich nicht wegdrücken lässt. Einer Stelle bleibt dabei besonders im Gedächtnis: Wollner bringt die Sonne als Bild der ahnungslosen Unschuld auf den Punkt und lässt sie am Ende nicht „untergehen“. Stattdessen bleibt das Motiv präsent und durchbricht für einen Augenblick die Erwartung, dass ein Abschluss die Wirkung von Leid glättet. „Everytime“ bleibt dadurch nicht im Tod stecken, sondern zeigt Trauer als etwas, das sich in Licht, Zeit und Erinnerung verfängt – und das Ende eher als Fortsetzung lesbar macht.
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