LONDON (IT BOLTWISE) – AMD baut mit Helios eine neue Supercomputer-Architektur für KI-Workloads und plant den Rollout ab 2027. In einem Rack sind 72 Instinct MI455X-GPUs verbaut, die laut Angaben 2,9 Exaflops (FP4) erreichen. Der Konzern koppelt das Hardwareprogramm mit einem 15-Jahres-Abkommen über bis zu 530 Megawatt Rechenleistung bei Core Scientific. Gleichzeitig sollen Anthropic und mehrere Cloud-Anbieter Helios-Kapazität für KI-Inferenz und GPU-Integration nutzen.

AMD stellt mit der Rechnerarchitektur Helios den nächsten großen Angriff auf den KI-Beschleuniger-Markt auf die Beine. Im Mittelpunkt steht ein Systemdesign, das auf extreme Dichte im Rechenzentrum abzielt: Ein einzelnes Rack bringt 72 Instinct MI455X-GPUs unter und erreicht 2,9 Exaflops Rechenleistung bei FP4. Dazu kommen 31 Terabyte HBM4-Arbeitsspeicher, also genau die Art von Speicherbandbreite, die bei heutigen KI-Modellen vor allem beim Durchsatz von Batch- und Sequenzberechnungen über die Leistung entscheidet. Auffällig ist dabei, dass AMD nicht nur „mehr GPUs“ verspricht, sondern die komplette Betriebslogik des Clusters mitdenkt – vom Rack-Layout bis zu den Kühlmechanismen.
Damit Helios in der Praxis auch bei hoher Auslastung funktioniert, spielt die Energie- und Wärmesteuerung eine zentrale Rolle. Pro Rack nennt AMD 140 Kilowatt Leistungsaufnahme, gekühlt wird mit moderner Flüssigtechnik. Ergänzt wird das durch ein Referenzdesign für einen 10,4-Megawatt-Cluster, das gemeinsam mit Schneider Electric vorgestellt wurde: Die Anlage soll einen PUE-Wert von etwa 1,12 erreichen, während die Flüssigkühlung rund 84 Prozent der Abwärme abführen soll. In der Konsequenz verschiebt sich die Engstelle im Betrieb: Statt nur „GPU-Power“ zu planen, müssen Betreiber ihre Infrastrukturplanung konsequent auf Wärmeabfuhr, Pumpen- und Leitungsdesign sowie Wartbarkeit ausrichten.
Auf der Marktebene koppelt AMD die technische Basis an langfristige Kapazitätsverträge und neue Lieferketten. Der Kern des Go-to-Market ist ein 15-Jahres-Deal mit dem Rechenzentrumsbetreiber Core Scientific: AMD sichert sich Zugriff auf rund 530 Megawatt Rechenleistung an fünf Standorten in Alabama, Georgia, Oklahoma und Texas, mit einer erwarteten Größenordnung von mehr als 14 Milliarden Euro an Grundeinnahmen für den Betreiber. Zusätzlich gibt es eine Option, die Kapazität auf bis zu 2,5 Gigawatt auszubauen. AMD positioniert das Timing klar nach vorn: Die ersten Systeme sollen 2027 in Betrieb gehen; für Core Scientific bedeutet das planbare Nachfrage, während AMD die Auslastungsrisiken der frühen Bereitstellung reduzieren kann.
Parallel dazu sucht AMD die Verankerung bei KI-Modellen und Ökosystempartnern. Der Konzern steigt mit bis zu 4,7 Milliarden Euro bei Anthropic ein, dem Unternehmen hinter Claude, und plant im Gegenzug die Verwendung von bis zu zwei Gigawatt an AMD-GPUs des Typs Instinct MI450 Series in Helios-Systemen. Die erste Tranche soll in der ersten Jahreshälfte 2027 ausgeliefert werden; außerdem wollen beide Firmen die AMD-Softwareplattform ROCm gemeinsam mit Hilfe von Claude optimieren. Genau hier wird deutlich, warum diese Ankündigung über reine Hardware hinausgeht: Bei KI-Beschleunigern entscheidet nicht nur die Peak-Rechenleistung, sondern auch die Effizienz im Software-Stack – also wie gut Modelle, Operatoren und Kommunikationsmuster auf die konkrete Plattform abgebildet werden. Hinzu kommt die Preisdimension: Analysten schätzen den Preis pro Helios-Rack auf 4,7 bis 5,2 Millionen Euro, und AMD nennt als Vorteil 15 Prozent mehr FP4-Rechenleistung sowie 50 Prozent mehr Speicherbandbreite gegenüber vergleichbaren Systemen der Konkurrenz.
Dass Helios nicht nur im Rechenzentrum der Hardwarepartner, sondern auch in Cloud-Umgebungen sichtbar werden soll, unterstreichen mehrere geplante Integrationen. Microsoft will Helios auf Azure für KI-Inferenz einsetzen und kündigt zudem zwei neue virtuelle Maschinen mit AMDs 6. Generation der EPYC-Prozessoren „Venice“ an; auch Pensando-Datenverarbeitungseinheiten sollen in Azure Boost integriert werden. Meta baut gemeinsam mit AMD seine KI-Infrastruktur auf und nennt Zielgrößen bis zu sechs Gigawatt GPU-Kapazität; als erster Großkunde bei den EPYC-Venice-Chips positioniert sich Meta zudem mit einer eigenen Version der Instinct-MI450-GPU. Der Cloud-Spezialist Vultr hat Vorbestellungen für Helios-Systeme und MI455X-GPUs geöffnet, die allgemeine Verfügbarkeit ist für das vierte Quartal 2026 angekündigt. In Summe zeigt sich: AMD setzt auf mehrere Vertriebsschienen gleichzeitig – Colocation über Core Scientific, Cloud-Delivery über große Anbieter und eine direkte Festlegung der Plattformstrategie über ROCm.
Besonders technologieorientiert wirkt der zusätzliche Ansatz mit Cerebras, der das Thema Inferenz „disaggregiert“ betrachtet. AMD und das Chip-Startup setzen dabei auf eine Aufteilung der Pipeline: AMD übernimmt die rechenintensive Vorverarbeitung („Pre-fill“), während Cerebras’ Wafer-Scale Engine die eigentliche Textgenerierung („Decode“) leisten soll. Laut den ersten Tests soll diese Kombination die fünffache Leistung pro Watt gegenüber Standardkonfigurationen liefern. Für Unternehmen, die KI-Workloads betreiben, kann das mehr als nur ein Benchmark-Thema sein: Wenn sich Energie pro erzeugtem Token verbessert, sinkt der operative Kostendruck in der Skalierungsphase. Intel/AMD-ähnliche Debatten über Beschleuniger waren in den letzten Jahren häufig am Fragezeichen „Software-Reife“ und „Systemeffizienz“ hängen; Helios versucht, diese Punkte mit Clusterdesign, ROCm-Optimierung und klaren Partnerpfaden früh zu adressieren.
Die praktische Übernahme solcher Systeme betrifft aber nicht nur die Technik, sondern auch die Governance im Unternehmen. Mit der zunehmenden Integration von KI-Systemen in Unternehmens-IT steigen Anforderungen an Dokumentation und Risikobewertung; in diesem Kontext wird auch auf Leitfäden zur Umsetzung des EU AI Act verwiesen, um Fristen und Pflichten in der IT- und Rechtsabteilung systematisch abzuarbeiten. Unabhängig davon, ob ein Projekt im ersten Schritt „nur“ Inferenz oder bereits Trainingsanteile umfasst, wird die Hürde oft dort sichtbar, wo Datenflüsse, Modellzwecke und Qualitätsnachweise sauber beschrieben werden müssen. Für Entscheider heißt das: Helios ist vor allem eine Infrastruktur-Entscheidung – und damit auch eine Weichenstellung für Prozesse rund um Betrieb, Monitoring und interne Nachweispflichten.
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