BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Berliner Fintech Moss hat erstmals eine Milliardenbewertung erreicht und dafür 30 Millionen Euro eingesammelt. Der neue Kapitalpuffer soll vor allem die KI-gestützte Automatisierung in Finanzabteilungen weiter beschleunigen. Moss betreibt dafür eine Plattform rund um Firmenkreditkarten, Ausgabenmanagement und Buchführung. Ein Börsengang bleibt langfristig möglich, steht laut CEO Ante Spittler aber nicht unter Zeitdruck.

Für B2B-Finanzsoftware ist Moss’ jüngste Bewertung mehr als ein Branding-Werkzeug: Mit der erstmals genannten Milliardenbewertung reiht sich das Berliner Startup in eine Gruppe ein, die bei Investoren für „Category Leadership“ steht. Gleichzeitig zeigt die Finanzierungsrunde über 30 Millionen Euro, dass sich Kapital in Deutschland und Europa trotz zuletzt gedämpfter Stimmung im Wagniskapitalumfeld weiterhin gezielt in Wachstumsstorys lenken lässt. Firmenchef und Mitgründer Ante Spittler beschreibt die Runde dabei als „gewissermaßen opportunistisch“ und koppelt den zusätzlichen Spielraum direkt an Investitionen.
Operativ kombiniert Moss zwei Bausteine, die in der Praxis oft getrennt sind: Ausgabensteuerung über eine Firmenkreditkarte und die digitale Buchhaltungs- bzw. Finanzbuchhaltungsinfrastruktur. Das 2019 gegründete Unternehmen richtet sich dabei vor allem an Mittelständler, die ihre Finanzprozesse vereinheitlichen wollen, ohne sofort ganze ERP-Landschaften umzubauen. Damit erklärt sich auch, warum Moss nach eigenen Angaben seit einiger Zeit den KI-Einsatz verstärkt: Die Plattform soll nicht nur Informationen sammeln, sondern Routinearbeit in den Finanzteams reduzieren und Entscheidungen schneller vorbereiten.
Die Runde wurde laut Quelle von Portage, dem Fintech-Investmentarm des Asset-Managers Sagard, initiiert; außerdem beteiligt ist der Bestandsinvestor Cherry Ventures. Portage-Manager Dan Ballen stellt dabei heraus, dass die KI-gestützte Technologieplattform von Moss sich „in kurzer Zeit zu einer erstklassigen Lösung für Finanzabteilungen in ganz unterschiedlichen Märkten entwickelt“ habe. Als weiterer Hintergrund taucht ein Muster auf, das viele Fintechs seit 2022 kennen: Moss konnte sich frühzeitig genug Liquidität sichern, sodass das Unternehmen über die kritische Phase bis zur geplanten Gewinnschwelle kommen sollte. Spittler hatte den Fokus bereits 2021 von stärkerem Wachstum auf Effizienz verschoben und dabei auch Personal abgebaut.
Technisch spannend wird es bei den KI-Agenten, die Moss in die Buchführungs- und Kontrollprozesse integriert. Laut Spittler können Finanzteams die Agenten nach eigenen Vorstellungen einsetzen, Ergebnisse nachvollziehen und anschließend nach Wunsch bestimmte Prozessschritte freigeben. Auffällig ist dabei der Fokus auf Governance im Arbeitsablauf: Die Agenten schlagen bei Vorgängen Alarm, etwa wenn Ausgaben für interne Events nicht mit den Richtlinien des Unternehmens vereinbar sind. Im Kern verbindet sich ein Agent über Schnittstellen mit den relevanten Datenquellen des Unternehmens – also Buchführung, Bankkonten sowie Wareneingang und -ausgang – und führt Plausibilitätschecks durch, beispielsweise indem er Rechnungen und Kontobewegungen abgleicht.
Für die Wirtschaftlichkeit liefert Moss eine klare Kennzahl: Bei Firmen, die die KI-Agenten bereits nutzen, übernimmt der Agent „80 Prozent der Routinearbeiten rund um die Erstellung von Monatsabschlüssen“. Das ist keine Kleinigkeit, denn Monatsabschlüsse sind in der Regel ein Engpass mit hoher Taktung und vielen manuellen Abstimmungswegen. Wenn ein KI-Agent dabei einen Großteil der Standard-Routinen übernimmt, bleibt dem Team mehr Zeit für die Steuerung des Unternehmens und für komplexere Einzelfälle. Spittler positioniert das nicht als Ersatz für Controller, sondern als Verschiebung der Arbeitsteilung: von wiederkehrender Datentranskription hin zu Management-Entscheidungen und Ausnahmebehandlung.
Auch die Marktstory folgt einem konkreten Segment: Moss fokussiert weiterhin Unternehmen mit weniger als 1000 Beschäftigten, adressiert aber inzwischen auch größere Kunden. Als Beispiele nennt die Quelle Firmen wie Flink, Gusto und Auto1. In der geografischen Aufstellung ist Moss bereits in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und Großbritannien aktiv; für das nächste Jahr kündigt Spittler den Markteintritt in zwei weitere europäische Länder an. Wettbewerb kommt unter anderem von Pleo aus Skandinavien und Spendesk aus Frankreich – beide stehen für andere Ausprägungen von Spend-Management und Kredit-/Karten-Ökosystemen, während Moss die Brücke zur Buchhaltungsautomatisierung stärker betont.
Unterm Strich stützt sich die höhere Bewertung auf Wachstum: Spittler nennt rund 300 Beschäftigte und berichtet, dass sich der wiederkehrende Umsatz seit Anfang 2022 in etwa verzwanzigfacht habe – auf 70 Millionen Euro. Zusätzlich wächst der Umsatz pro Jahr um rund 65 Prozent, was erklärt, warum ein Einhorn-Status aktuell so plausibel wirkt. Beim Ausstiegsszenario bleibt die Richtung offen: „Mittelfristig kann ich mir einen Börsengang gut vorstellen, aber wir haben dabei keine Eile“, sagt Spittler. Für die Aufnahme in einen Auswahlindex brauche es schließlich mehr als 500 Millionen Euro Umsatz; bis dahin erwartet er noch mehrere Jahre. Ebenso wahrscheinlich wie ein Börsengang sei perspektivisch ein Verkauf an einen strategischen Interessenten, etwa aus der Buchhaltungs- oder ERP-Welt, was für den Markt eine klare Implikation hat: KI-gestützte Finanz-Workflows können langfristig auch als Add-on in größere Software-Suiten wandern.
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