LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) kommt zu dem Ergebnis, dass das AfD-Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt bei einer Alleinregierung finanziell nicht umsetzbar wäre. Den bezifferbaren Vorhaben fehlt demnach ein Betrag von mindestens 2,2 Milliarden Euro pro Jahr. Konservativ gerechnet summieren sich die Kosten mit geplanten Einsparungen und der bereits eingeplanten Neuverschuldung auf rund 2,5 Milliarden Euro jährlich. Gleichzeitig gilt die Berechnung als konservativ, weil viele Maßnahmen mangels Daten nicht eingerechnet wurden.

Im Vorfeld der Landtagswahl am 6. September rückt das Thema Regierungsfähigkeit in Sachsen-Anhalt in den Fokus – und zwar nicht über das übliche Streittempo zwischen Parteien, sondern über eine detaillierte Finanzierungsfrage. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) beziffert, was das AfD-Regierungsprogramm bei einer Alleinregierung an finanziellen Lücken hinterlassen würde. Entscheidend ist dabei der Unterschied zwischen der Anzahl von Vorhaben und dem, was sich belastbar in Euro darstellen lässt: Das Programm umfasst laut den Autoren 136 kostenwirksame Maßnahmen, doch verlässlich beziffern lassen sich nur 28 davon.
Rein rechnerisch entsteht daraus ein Bild, das selbst bei optimistischen Annahmen eng wird. Für die 28 bezifferbaren Maßnahmen nennt die Untersuchung Kosten von rund 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Die Studie stellt außerdem darauf ab, dass die AfD zugleich darauf abzielt, auf neue Schulden zu verzichten. In der Logik der Haushaltsrechnung würde damit jedoch die im Landeshaushalt bereits eingeplante Neuverschuldung zusätzlich zum Finanzierungsbedarf hinzukommen – daraus ergibt sich laut IWH ein Bedarf von rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr.
Die Spannbreite wird durch den Umgang mit Einsparungen zusätzlich sichtbar. Der Studie zufolge reichen belegbare Einsparungen von etwa 243 Millionen Euro nicht annähernd aus, um die Kostenlücke zu schließen. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass die Berechnungen eher konservativ seien: Viele Maßnahmen seien mangels belastbarer Daten nicht eingerechnet worden. Genau dieser Punkt ist wichtig, weil er die Aussagekraft für ein politisches Entscheidungskalkül erhöht – das Ergebnis spricht dann nicht nur für eine kurzfristige Unterdeckung, sondern auch für eine grundsätzlich schwierige Planbarkeit.
Auch langfristig bleibt die Finanzierung in der IWH-Bewertung problematisch. IWH-Präsident Reint Gropp ordnet die Studie so ein, dass das Wahlprogramm der AfD selbst mittelfristig nicht finanzierbar sei. Für den Fall einer Alleinregierung hält er es für wahrscheinlich, dass sich die Partei zunächst auf symbolische Maßnahmen aus dem 100-Tage-Programm konzentrieren würde. Gerade hier wird der Konflikt sichtbar: Symbolpolitik kann kurzfristig durchgesetzt werden, ersetzt aber keine strukturellen Haushaltsentscheidungen, und eine aggressive Linie gegen Zuwanderer könne laut IWH starke negative wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen, die sich im Vorfeld allerdings nur schwer beziffern lassen.
Während die Debatte über Kosten und Haushaltsrealitäten läuft, ändern sich parallel die politischen Kräfteverhältnisse. Laut der jüngsten Infratest-dimap-Umfrage für MDR, WDR sowie weitere regionale Medien liegt die AfD mit 41 Prozent weiterhin deutlich vor der CDU mit 24 Prozent. Die Partei strebt in Sachsen-Anhalt an, erstmals den Ministerpräsidenten eines Bundeslandes zu stellen. Umfragen bilden dabei nur das Meinungsbild zum Zeitpunkt der Befragung ab und liefern keine Prognosen für den Wahlausgang, sie setzen aber den Rahmen: Je näher ein Wahlergebnis rückt, desto schneller wird aus wirtschaftlichen Argumenten ein Umsetzungs- und Zeitplanungsproblem.
Für Unternehmen und Kommunen ist diese Frage weniger Parteitaktik als Planungsgrundlage. Wenn ein Regierungsprogramm sich nach einer Analyse nicht aus dem bestehenden Finanzrahmen heraus realisieren lässt, verschiebt sich die Wahrscheinlichkeit, dass politische Prioritäten umgebaut werden: etwa durch Tempoanpassungen, nachgelagerte Umsetzungszeiträume oder die Suche nach Ersatzfinanzierungen. Gleichzeitig zeigt die IWH-Methodik, wie wichtig die Qualität von Daten und Kostenannahmen für spätere Beschlüsse ist – 28 bezifferbare Maßnahmen sind weniger als ein Drittel der genannten 136, und genau diese Lücke entscheidet im Zweifel darüber, ob sich politische Ziele in die Haushaltswirklichkeit übersetzen lassen.
Unabhängig davon, ob sich die AfD nach der Wahl in Regierungsverantwortung oder in der Opposition wiederfindet, bleibt die Debatte um Finanzierungstransparenz ein Belastungstest. Künftige Programme werden sich daran messen lassen müssen, ob sie Kosten nicht nur behaupten oder versprechen, sondern auch in eine belastbare Budgetlogik überführen. Für die politische Praxis bedeutet das: Je stärker Vorhaben im Kernhaushalt verankert werden sollen, desto höher wird der Druck, Annahmen offen zu legen und Wirkungszusammenhänge sauber zu rechnen. In diesem Kontext spielt auch die Digitalisierung von Verwaltungs- und Planungsprozessen eine Rolle: KI-gestützte Prognosemodelle können helfen, Szenarien konsistenter zu vergleichen, ersetzen aber nicht die Haushaltsentscheidung selbst.
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