LONDON (IT BOLTWISE) – Die Europäische Weltraumorganisation ESA öffnet ihre Hera-Mission für Software-Experimente von europäischen Forschern und Unternehmen. Nach dem Abschluss der primären Planetary-Defense-Aufgaben wird Hera laut ESA zu einem „fliegenden Software-Labor“ in rund 150 Millionen Kilometern Entfernung. Geplant sind Tests für Onboard-Intelligenz, Bildverarbeitung und KI-basierte Betriebs- sowie Autonomie-Ansätze direkt im Flug. Der Zugriff erfolgt dabei geschützt in einer Sandbox, während die kritischen Systeme der Sonde weiterhin abgesichert bleiben.

Die ESA will nicht nur Asteroiden untersuchen, sondern zugleich eine neue Art von Entwicklungsumgebung etablieren: Ab 2027 soll die Mission Hera zeitweise als „fliegendes Software-Labor“ dienen, in großer Distanz zur Erde. Damit verschiebt sich der Fokus der Softwareentwicklung in Richtung echter Raumflugbedingungen – mit der typischen Mischung aus begrenzter Kommunikationsfähigkeit, langen Signalwegen und strikten Anforderungen an Zuverlässigkeit. Für europäische Teams entsteht dadurch eine seltene Gelegenheit, Experimente für Onboard-Intelligenz und Autonomie nicht erst im Labor oder in Simulationen zu validieren, sondern während des Flugbetriebs auf der Raumsonde selbst.
Technisch bildet dafür das Bordrechnen die Grundlage: Laut ESA nutzt der Bordcomputer von Hera einen europäischen entwickelten Dual-Core-Prozessor vom Typ LEON3. Die Trennung ist dabei entscheidend für den „Sandbox“-Gedanken. Ein Core übernimmt die eigentliche Steuerung und den Betrieb der funktionskritischen Systeme, während der zweite Core eine gesicherte Umgebung bereitstellt, in der Gastsoftware laufen kann. Die ESA beschreibt den Zugriff auf Instrumente und Subsysteme als vollständig erleichtert, gleichzeitig soll die Gastsoftware jedoch nur jeweils für zwei bis drei Stunden aktiv sein – und im Fehlerfall sofort abgeschaltet werden. Genau diese zeitliche Begrenzung und die harte Abschaltlogik adressieren das Kernproblem vieler Onboard-Experimente: Wie testet man neue KI- oder Steuerungsansätze, ohne den nominalen Missionsbetrieb zu gefährden?
Der Zeitplan knüpft an das Missionsprofil der Planetary-Defense-Phase an. Mitte 2027 soll Hera laut ESA ihre primären Ziele rund um die Asteroiden Didymos und Dimorphos abschließen. Anschließend übernimmt die Sonde eine zweite Rolle: Sie wird für Experimente verfügbar, die „onboard intelligence“, Bildverarbeitung und KI-basierte Betriebs- und Autonomie-Logik direkt im Flug testen. Der Abstand zur Erde wird dabei mit etwa 150 Millionen Kilometern genannt. Damit rückt vor allem die Frage in den Mittelpunkt, wie robust KI-gestützte Entscheidungs- und Prozessketten in Umgebungen mit geringer Echtzeit-Kommunikation funktionieren – und wie sich neue Routinen in das Missions-„Alltagsleben“ integrieren lassen, ohne die Flugkritikalität zu erhöhen.
Die Einladung richtet sich explizit an europäische Innovatorinnen und Innovatoren: Gesucht werden gezielte Experimente, die Onboard-Intelligenz über heutige prozedurale Grenzen hinaus entwickeln, aber gleichzeitig „safely alongside“ den systemkritischen Funktionen laufen. Laut ESA geht es nicht darum, die Kontrolle über Hera an externe Logik abzugeben, sondern geschützte Tests durchzuführen, die perspektivisch helfen könnten, die Abhängigkeit von Bodensteuerung zu reduzieren, die Resilienz der Mission zu erhöhen und künftige Erkundungsmissionen leistungsfähiger zu machen. In der Praxis heißt das: Teams müssen ihre Ideen so formulieren, dass sie innerhalb der erlaubten Laufzeiten und der definierbaren Schnittstellen an Bord sinnvoll getestet werden können. Interessant ist zudem der organisatorische Ablauf, der den Weg von der Idee bis zum Inflight-Test glättet: Einreichungen erfolgen über die OSIP-Plattform (Open Space Innovation Platform) zunächst über ein Outline-Formular für die erste ESA-Bewertung.
Nach der Auswahl im Zeitraum „mid-October 2026“ sollen die Teams ihre Implementationspakete und den Source Code vollständig einreichen. Die eigentliche geplante Betriebsphase für die Experimente wird für August 2027 angesetzt, mit einem einmonatigen Zeitfenster. Genau diese Trennung – erst Konzeptprüfung, dann Code- und Validierungsphase – entspricht auch dem, was Organisationen im Raumfahrtumfeld benötigen, um Software-Qualität zu beurteilen: Erst wird das Zielbild geprüft, dann folgen detaillierte technische Artefakte, bevor es in den Flug übergeht. Damit ist Hera auch ein Signal an die Entwicklerlandschaft: Nicht jede Innovation ist „onboard“ automatisch willkommen, aber wenn sie in den Sandbox-Rahmen passt, bekommt sie eine echte Bühne.
Im Branchenkontext knüpft die ESA damit an frühere On-orbit-Demonstrationen an, etwa an die Proba-Familie mit Formationsflug bis hin zu Proba-3 sowie an geplante CubeSat-Ansätze für Deep-Space-Exploration. Gerade bei CubeSat-Missionen und Demonstratoren zeigt sich immer wieder, wie schnell sich Softwareparadigmen aus dem Labor in die operative Praxis übertragen lassen. Die OSIP-Logik und das bereits bekannte Muster, dass Entwickler Standardsoftware im Weltraum ausführen wollten, finden mit Hera eine konsequentere Ausprägung: Hera geht über „klassisches Laufenlassen“ hinaus und soll gezielt neuartige Onboard-Intelligenz- und KI-Operationen testen. Für Unternehmen und Forschungsteams bedeutet das zugleich eine strategische Abwägung: Man muss nicht nur ein Modell oder eine Steuerungslogik entwickeln, sondern auch die Architektur für Safety-Mechanismen, kontrollierte Laufzeiten und die robuste Anbindung an die Missionselemente mitdenken.
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