LONDON (IT BOLTWISE) – Infrastrukturinvestitionen profitieren zwar oft von langfristigen Programmen in Energie, Digitalisierung und Verkehr. Laut Lazard-Portfoliomanager Bertrand Cliquet ist der Trend allein jedoch keine Renditegarantie. Er plädiert für eine dezidiert selektive Titelauswahl, bei der Geschäftsmodellqualität und realistische Bewertung im Zentrum stehen. Besonders regulierte Infrastruktur mit planbaren, vertraglich abgesicherten Erlösen rückt damit stärker in den Fokus.

Infrastrukturinvestments wirken auf den ersten Blick wie ein klassischer Langfrist-Trade: Stromnetze, Wasserwege und Verkehrsachsen werden über Jahre hinweg ausgebaut, weil der Bedarf praktisch strukturell wächst. Für Anleger entsteht daraus schnell das Gefühl, man könne sich einfach dem nächsten „Megatrend“ anschließen und damit automatisch attraktive Ergebnisse erzielen. Lazard Asset Management widerspricht dieser Gleichung über den eigenen Lead-Portfoliomanager Bertrand Cliquet: Infrastruktur sei zwar grundsätzlich ein bevorzugtes Anlagefeld, aber keineswegs homogen und schon gar nicht automatisch ein gutes Investment, nur weil die Richtung langfristig stimmt.
Im Kern geht Cliquet auf die Logik von Risiko, Bewertung und Cashflow-Planbarkeit zurück. Entscheidend sei nicht der allgemeine Rückenwind aus Bereichen wie Digitalisierung, Elektrifizierung und dem Ausbau erneuerbarer Energien, sondern die konkrete Ausprägung der Geschäftsmodelle dahinter. Planbare Einnahmen entstehen typischerweise dort, wo Regulierungsrahmen und vertragliche Strukturen Cashflows verstetigen, während politische Entscheidungen, regulatorische Eingriffe oder Fehlentwicklungen einzelner Projekte die Ertragsprofile spürbar verändern können. Gerade weil Infrastrukturinvestitionen „realwirtschaftlich“ wirken, aber wie Aktiengesellschaften gehandelt werden, muss der gezahlte Preis als Erfolgsfaktor verstanden werden, nicht als Nebensache.
Besonders scharf setzt Cliquet an der Idee an, Investitionen primär über Hype-Themen zu definieren, etwa über KI-Entwicklung oder Rechenzentren als Nachfrageimpuls. Selbst wenn solche Entwicklungen zusätzliche Aktivität in Teilen der Infrastruktur anstoßen, folgt daraus laut seiner Argumentation nicht zwangsläufig eine attraktive Rendite. Als Gegenbeispiel nennt er den Aufstieg und anschließenden Einbruch vieler Aktien im Bereich erneuerbarer Energien: Der langfristige Trend kann bestehen bleiben, während einzelne Unternehmen oder Bewertungsniveaus im Zeitverlauf stark enttäuschen. Das macht die Auswahllogik weniger „Story-getrieben“ und mehr „bilanz- und cashflowgetrieben“.
Aus dieser Perspektive konzentriert sich das Team auf b Börsennotierte Aktienunternehmen mit langfristig sichtbaren und möglichst planbaren Einnahmen. Cliquet nennt dabei mehrere Kategorien, die im Anlageprozess typischerweise eine vergleichbare Struktur haben: regulierte Strom-, Gas- und Wassernetze, Mautstraßen und Flughäfen sowie monopolähnliche Schieneninfrastruktur und Telekommunikationsinfrastruktur. Das klingt für manche Anleger „langweilig“, ist aber gerade deshalb aus Sicht des Portfoliomanagements ein Vorteil, weil weniger Ergebnisvolatilität aus dem Geschäftsmodell kommt. Zusätzlich beschreibt Cliquet eine weitgehende Inflationsbindung der Cashflows als weiteres Element, das die Ertragsqualität stützen kann.
Gleichzeitig verweist er auf die Grenzen einer breiten Segmentabdeckung. Statt breit über mehrere Infrastruktursegmente zu streuen, bevorzugt das Team einen konzentrierten Auswahlprozess, in dem Fundamentaldaten und Bewertungslogik dominieren. Das kann dazu führen, dass der Portfoliobestand zeitweise deutlich von Branchenindizes abweicht, was in der Performance-Vergleichslogik zunächst „unbequem“ wirkt. Aktuell sieht Cliquet insbesondere in Europa Chancen bei regulierten Versorgern, die trotz steigender Investitionen in Stromnetze und Elektrifizierung weiterhin mit Bewertungsabschlägen gehandelt werden. Seine Kernaussage: Diese Unternehmen wachsen und investieren massiv, weisen aber zugleich Bewertungen auf, die im Verhältnis zur Perspektive weniger stark angedreht sind als in anderen Marktphasen.
Für die Investitionsstrategie leitet Cliquet daraus ab, dass aktives Management in einem heterogenen Infrastrukturuniversum nicht optional ist. Ziel ist demnach nicht, an jedem Aufschwung unbeschränkt teilzunehmen, sondern den Kapitalerhalt über Marktzyklen hinweg zu betonen und risikoadjustierte Erträge zu erzielen. Praktisch bedeutet das eine präzise Unterscheidung: Welche Infrastrukturunternehmen liefern dauerhaft stabile Erträge, und wo sind die Risiken in Form von Regulierungssprüngen, politischen Entscheidungen oder technologischen Umbrüchen eingepreist oder unterschätzt? Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob Infrastruktur in der Portfolio-Praxis tatsächlich als defensiver Baustein funktioniert – oder ob der nächste Sektorboom zwar reale Investitionen auslöst, aber an der Börse zu falschen Einstiegspreisen führt.
Für Unternehmen und Investoren, die Infrastruktur als „Risikoprämie“ verstehen wollen, verschiebt sich damit auch der Blick auf die Due-Diligence-Frage nach dem Bewertungsanker. Langfristige Investitionsbedarfe bleiben zwar bestehen, doch die Rendite entsteht erst dort, wo Cashflows nicht nur geplant, sondern auch gegen Ergebnisrisiken abgesichert sind. Der selektive Ansatz von Lazard macht zudem deutlich, dass Diversifikation in Infrastruktur nicht automatisch über die Breite der Segmente erreicht wird, sondern über die Qualität der Geschäftsmodelle und die Plausibilität der Bewertung. Wer das berücksichtigt, kann die strukturellen Wachstumsimpulse nutzen, ohne gleichzeitig die typische Falle von Megatrend-Reflexen zu übernehmen.
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