HOUSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – In vielen Online-Buchläden häufen sich Berichte über extrem große Bestellungen gebrauchter Bücher, darunter auch Restbestände von Fach- und Nachschlagewerken. Die Debatte entzündet sich daran, dass bereits dokumentiert ist, wie KI-Modelle physische Bücher für Trainingszwecke verwenden. Gleichzeitig bleibt unklar, wer hinter den aktuellen Einkaufsspitzen steckt und ob die Exemplare am Ende wirklich zerstört werden. Für den Kulturbereich ist die Lage vor allem deshalb brisant, weil sie an ein historisches Muster erinnert: Zugang zu Wissen wird zum strategischen Hebel.

Wer kauft derzeit massenhaft gebrauchte Bücher für KI – und was passiert mit ihnen?
Wer kauft derzeit massenhaft gebrauchte Bücher für KI – und was passiert mit ihnen? (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Empörung wirkt wie ein vertrauter Reflex, diesmal aber mit einer neuen technischen Ursache. In Online-Diskussionen und Medienbeiträgen wurde zuletzt behauptet, KI-Firmen würden „die Bücher der Welt zerstören“ – konkret durch das Abschneiden von Buchrücken, um Seiten leichter zu scannen. In manchen Berichten tauchte dabei sogar die Sorge auf, dass gerade noch vorhandene Exemplare von vergriffenen Titeln vernichtet werden. Trotzdem verläuft die Debatte bislang im Nebel: Kaufhistorien lassen sich schwer nachverfolgen, Beteiligte schweigen, und die entscheidende Frage lautet nicht nur „Warum werden Bücher gekauft?“, sondern „Wer legt welche Route fest und was geschieht nach dem Scannen?“

Technisch betrachtet ist der Kern des Streits relativ gut verständlich, weil er an der Logik moderner KI-Entwicklung ansetzt. Für das Training großer Modelle brauchen Teams riesige Textmengen – und sie bevorzugen Daten, die möglichst wenig kosten, aber möglichst breit abdecken. Ein zusätzlicher Punkt kommt nach 2022 hinzu: Viele Fach- und Nachschlagewerke, die vor dem Launch von ChatGPT erschienen, enthalten sehr wahrscheinlich keine KI-generierten Texte. Genau dieser Zeitraum ist für Vorhaben attraktiv, weil KI-Output, wenn er wieder in Trainingsdaten zurückfließt, das Qualitätsniveau senken kann – Stichwort „model collapse“. Dass solche Trainingspipelines auch physische Materialien nutzen, ist dabei nicht nur Spekulation: In Dokumenten, die im Frühjahr 2024 in einem Rechtsstreit gegen Anthropic offengelegt wurden, wird beschrieben, dass ein großer Player Millionen neuer und gebrauchter Bücher gekauft, zerstört und anschließend die Seiten gescannt habe, um damit KI-Modelle zu trainieren.

Während diese technische Grundlage das „Warum“ erklärt, liefert sie allein keine Antwort auf das „Wer“ der aktuellen Kaufwelle. Berichten zufolge kauft offenbar mindestens eine – möglicherweise mehrere – Akteursgruppe(n) massive Mengen gebrauchter Bücher aus Geschäften weltweit. Ein Bücherhändler aus Houston, Charlie Becker, beschreibt für die Zeitspanne, in der Bestellungen über eine seiner Online-Verkaufsschienen liefen, ein auffälliges Muster: 95 von 100 der vergangenen Bestellungen seien an einen einzigen Käufer gegangen, darunter Aufträge mit 70 Titeln. Becker nennt dabei nicht den Namen des Käufers, um die Bedingungen seiner Plattform einzuhalten. Entscheidend ist außerdem, dass die gekauften Bücher in vielen Fällen nicht dem gängigen Popkultur-Bild von „seltenen“ Manuskripten entsprechen: Nach Bechers Darstellung und den von ihm referenzierten Online-Erfahrungen handelt es sich überwiegend um Non-Fiction, häufig zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren, und in mehreren Sprachen. Solche Titel können trotzdem „selten“ im Sinne kleiner Restbestände sein – sie sind aber teils auch fachlich veraltet oder für Leser weniger attraktiv, sodass der Versand das Wiederverkaufsinteresse sogar übersteigen kann.

Damit verschiebt sich die Bewertung: Es ist zwar plausibel, dass die Auswahl nicht nach bibliophilem Prestige funktioniert, sondern nach Trainingsdatenlogik. Analystisch bleibt jedoch offen, warum einzelne Akteure möglicherweise dennoch spezifische Titel ansteuern könnten: Wenn es darum geht, Trainingsdaten zu gewinnen, die Wettbewerber nicht in vergleichbarer Menge besitzen, können auch hochwertige Randkataloge attraktiv werden. Genau diese Möglichkeit schürte die Intensität der Debatte. Der Investor und KI-Skeptiker Michael Burry bezeichnete die Praxis, für KI-Trainingszwecke seltene Bücher zu opfern, als „evil incarnate“. Elon Musk wiederum meldete sich öffentlich und schrieb sinngemäß, er habe die Ingenieure bei xAI angewiesen, „rare Bücher in einer Bibliothek zu bewahren und den Hard-Way zu scannen“ – auch wenn dadurch nicht geklärt ist, wie häufig oder in welcher Form in der Praxis tatsächlich konservierende Scan-Workflows statt Zerstörung genutzt werden.

Zu den konkreten Verdachtsanläufen zählt auch ein Name, der in der Debatte besonders schnell zirkulierte: ISBNdb. In der Ursprungserzählung wurde ein Zusammenhang zwischen einer Datenbankfirma und der Kaufwelle vermutet. Laut dem vorliegenden Kontext gilt aber: Die Geschichte selbst räumt ein, dass kein direkter Beleg verbindet, was Händler zuletzt beschrieben haben, mit den Aktivitäten dieser Firma. Als das Thema an ISBNdb herangetragen wurde, kam eine klare Gegenposition. Ein Kundensupport-Mitarbeiter erklärte per E-Mail, ISBNdb habe „niemals ein Buch gekauft, gescannt oder zerstört – für KI-Training oder irgendeinen anderen Zweck“. Gleichzeitig hatte das Unternehmen zuvor auf der eigenen Website eine Möglichkeit angeboten, bis zu 1 Million Titel pro Bestellung zu beschaffen, allerdings gekoppelt an eine Vertraulichkeitsvereinbarung zur Wahrung der Anonymität. Nach „Besorgnis“ über diese Seite soll die Firma das entsprechende Angebot wieder entfernt haben. In Summe spricht damit eher wenig dafür, dass ISBNdb selbst der große Käufer ist – Händler in den Online-Diskussionen nannten jedenfalls keine Bestellungen von dort als wiederkehrendes Muster.

Stattdessen werden andere Akteure genannt, wobei die Zuordnung in Teilen weiterhin unscharf bleibt. Reddit-User verwiesen unter anderem auf Zoom Books in Kanada, das nach eigenen Angaben „smart logistics“ einsetzt und pro Monat über 2 Millionen Bücher „erwirbt, sortiert und weiterverkauft“. Auch Händler in Deutschland berichten von ähnlichen Bestellungen von Zoom, und ein New-Zealand-Buchhändler schilderte mehrere Aufträge einschließlich eines mit 71 Titeln. Nach Angaben der Branchenberichterstattung tauchte kurz darauf der Vorwurf auf, Zoom kaufe Bücher für KI-Unternehmen; am Folgetag veröffentlichte Zoom eine Antwort und erklärte, es habe „keine Beteiligung an Digitalisierung, Scannen oder Zerstörung von Büchern“ und verkaufe nach eigenem Wissen nicht zu solchen Zwecken. In der weiteren Kette taucht ein Logistik-Umfeld auf: Mehrere Händler sollen Versandadressen auf den Bestellungen gefunden haben, die auf ein Unternehmen namens PrepFort verweisen. PrepFort bereitet Gegenstände für den Verkauf auf Marktplätzen wie Amazon und Walmart vor, kann als Third-Party-Logistics aber auch Bücher zu anderen Zielen routen. Eine Anfrage an PrepFort blieb ohne Details: Ein Mitgründer erklärte, man könne Informationen zu Kundenverträgen wegen Vertraulichkeit nicht teilen. Genau dieses Zwischenhändler-Modell passt zu einer in der Medienbranche bekannten Strategie: Trainingsdaten werden dort häufig über Intermediäre beschafft, um Endverbraucher und Endzwecke zu verschleiern.

Die Debatte weitet sich zudem über die rein kommerzielle Logistik hinaus. Im Juni wurde berichtet, dass niederländische Buchhändler E-Mails von einer Organisation namens 2077AI erhalten haben sollen, die sich damit rühmt, KI-Daten zu „revolutionieren“, unter anderem durch das Erstellen von Datensätzen. Ein Händler habe dazu eine Liste von 3.000 englischsprachigen Titeln erhalten, die das Unternehmen kaufen wolle, darunter akademische Werke wie „Distinct Element Modelling in Geomechanics“ oder „Laser Shock Peening of Advanced Ceramics“. Solche Bücher können tatsächlich „selten“ wirken, weil sie kleine Auflagen haben und Wissen in engeren Fachnischen bündeln. Auch hier gilt aber: Ob diese Titel am Ende wirklich in KI-Trainingspipelines landen und ob dabei zerstört wird, ist nicht eindeutig belegt; 2077AI habe laut Kontext auf eine Anfrage nicht sofort reagiert. Für die Praxis bleibt daher die nüchterne Zusammenfassung: Es werden derzeit sehr viele gebrauchte Bücher gekauft – doch weder Menge noch Zielgruppe lassen sich sicher quantifizieren, und eine Zerstörung einzelner Bestände ist nicht in jedem Fall nachweisbar. Selbst wenn kein „klassisches“ Bücherverbrennen stattfindet, bleibt der Effekt kulturell ähnlich: Wenn aus Autorenarbeit maschinell verwertbare Daten werden, aber der Ursprung verschwindet, entstehen neue Abhängigkeiten davon, welche Informationen in trainierte Modelle eingehen und wie sie später wieder ausgespielt werden.


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