BERLIN – Der Terrorismusforscher Peter Neumann kritisiert, dass Deutschland bei der Drohnenabwehr über Jahre zu wenig Substanz aufgebaut hat. Er bezieht sich auf die Entdeckung einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle und warnt vor einem uneinheitlichen technischen und rechtlichen Rahmen. Entscheidend sei, dass Abschreckung durch passende Fähigkeiten und eine kluge politische Kommunikation funktioniert. Dabei müsse eine Reaktion auch strategisch so kalibriert sein, dass sie nicht als Einladung zu weiterem Eskalationsverhalten gelesen wird.

Neumann: Deutschland bei Drohnenabwehr bisher nicht ausreichend vorbereitet
Neumann: Deutschland bei Drohnenabwehr bisher nicht ausreichend vorbereitet (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Drohnenabwehr in Deutschland erhält nach dem Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle neuen Druck – und zwar weniger wegen spektakulärer Einzelaspekte, sondern wegen der grundlegenden Lücke zwischen Einsatzpraxis und Systemfähigkeit. Terrorismusforscher Peter Neumann ordnet die Lage dabei als strukturelles Problem ein: Deutschland spreche „seit Jahren“ über Drohnenabwehr, aber es sei bislang „eigentlich nichts“ passiert. Zentral ist für ihn weniger die Frage, ob einzelne Behörden oder Verantwortliche im konkreten Moment reagiert haben, sondern ob das Land verlässlich über Technologien zur Drohnenerkennung und zur erfolgreichen Abwehr verfügt.

Technisch wird in solchen Lagen meist schnell sichtbar, wie anspruchsvoll die Kette von Sensorik, Erkennung und Gegenmaßnahme ist. Eine Sprengstoff-Drohne wurde am späten Mittwochabend in der Nähe ukrainischer Transportflugzeuge entdeckt; anschließend brachte ein Mitarbeiter das Gerät zum Absturz. Unmittelbar danach kam es zu einer Flugbewegung mit Kollision: Ein kurz danach startendes Flugzeug kollidierte mit einem unbekannten kleineren Flugobjekt, das möglicherweise eine zweite Drohne war. Genau dieser Ablauf zeigt, warum Betreiber und Sicherheitskräfte nicht nur auf „ein“ System setzen können, sondern auf Zusammenspiel angewiesen sind – von der detektierenden Sensorik über die Entscheidungslogik bis hin zur gewählten Wirkungskette.

Neumann benennt darüber hinaus den zweiten Engpass: den Kompetenz- und Koordinationsrahmen. Wenn es mehrere Zuständigkeiten für Erkennung, Abwehr und rechtliche Bewertung gibt, entsteht schnell ein Kompetenzwirrwarr, der im Ernstfall Zeit kostet oder zu widersprüchlichen Vorgehensweisen führt. Dazu kommt die von ihm explizit erwähnte Notwendigkeit, einen einheitlichen rechtlichen Rahmen zu schaffen. Für die praktische Umsetzung bedeutet das: Sicherheitsorganisationen brauchen klare Leitplanken, welche Gegenmaßnahmen an welchen Orten und unter welchen Bedingungen zulässig sind, damit technische Möglichkeiten nicht an Unklarheiten bei Verantwortlichkeiten und Verfahren scheitern.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von einem hybriden Anschlagsszenario und führte als Hintergrund „hochprofessionelle Täter“ an. Zugleich schloss er „fremde Mächte“ als Drahtzieher nicht aus. Diese Kombination ist politisch sensibel, weil sie zwei Ebenen miteinander verknüpft: die operative Sicherheitslage und die strategische Kommunikation. Neumann argumentiert hier, dass Deutschland im Fall einer möglichen ausländischen Einwirkung eine Botschaft senden müsse – aber eben so, dass sie keine Überreaktion auslöst und nicht als Schwäche gelesen werden kann. Die Herausforderung besteht nach seiner Darstellung darin, den kommunikativen Punkt zu treffen, an dem Abschreckung tatsächlich funktioniert.

Gerade an Flughäfen wird die Umsetzung solcher Anforderungen besonders sichtbar, weil der Betrieb dort kontinuierlich und die Risikoprofile dynamisch sind. Der Vorfall in Leipzig/Halle spielt sich in unmittelbarer Nähe zu ukrainischen Transportflugzeugen ab; dadurch rückt auch die Frage nach dem „operativen Takt“ in den Fokus, also wie schnell Erkennung in eine belastbare Lageeinschätzung übergeht und wie rasch geeignete Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Wenn dabei zusätzlich mit möglichen Mehrfachobjekten zu rechnen ist, wie es die Kollision nahelegt, steigt der Bedarf an konsistenter Situational Awareness und an Abläufen, die im Ernstfall ohne langes Nachjustieren funktionieren. Neumanns Hinweis auf fehlende Substanz in der Breite zielt damit auf die Wiederholbarkeit ab: nicht nur einmalige Reaktionsfähigkeit, sondern belastbare Fähigkeit unter wechselnden Bedingungen.

Für Entscheider stellt sich damit eine sehr konkrete Frage nach Prioritäten: Welche Fähigkeiten müssen zuerst im Sinne einer „Minimum Viable Defense“ ausgerollt werden, und wie wird verhindert, dass einzelne Bausteine isoliert beschafft, aber nicht zu einem Gesamtsystem integriert werden? Dazu gehören in der Praxis auch Trainings- und Bewertungszyklen, weil Drohnenabwehr nicht nur Hardware ist, sondern eng mit Verfahren, Entscheidungsrechten und Dokumentation verknüpft bleibt. Neumanns Kritik am Kompetenzwirrwarr lässt sich außerdem als Anforderung an saubere Schnittstellen lesen: zwischen Technikverantwortlichen, Sicherheitsdiensten und juristisch verantwortlichen Stellen.

Auf der strategischen Ebene geht es schließlich um die Logik der Abschreckung. Neumann beschreibt, dass „gar nichts tun“ als Handlungsoption politisch gefährlich sein könnte, während eine Reaktion ohne Feintuning wiederum eskalationsfördernd wirken kann. Für die Bundesregierung heißt das, Fähigkeiten und Kommunikation parallel zu entwickeln: technisch, damit die Abwehr im Ernstfall greift; politisch, damit die Reaktion klar signalisiert, dass Angriffe nicht folgenlos bleiben, aber auch die Reaktion nicht als Türöffner für weitere Eskalation verstanden wird. Der Vorfall liefert damit nicht nur eine Momentaufnahme, sondern einen Prüfstein dafür, ob Drohnenabwehr in Deutschland vom Gespräch zur verlässlichen Einsatzrealität übergeht – und ob die dabei entstehende politische Linie kohärent genug ist, um im Zusammenspiel aus Abschreckung und Sicherheit zu funktionieren.


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