LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Branchenbündnis aus Stadtwerken und regionalen Telekommunikationsanbietern drängt auf eine freiwillige Öffnung von Glasfaser- und Mobilfunknetzen. Unter dem Namen „Fairplay-Agreement“ sollen Netze zu fairen Bedingungen geteilt werden, statt dass Konkurrenten Leitungen doppelt verlegen. Die Initiative will damit Pläne ausbremsen, den Netzzugang künftig stärker gesetzlich über § 22a TKG und die Bundesnetzagentur zu steuern. Deutsche Telekom sieht darin keinen unfairen Doppelausbau und setzt auf Wettbewerb sowie eigenwirtschaftlichen Ausbau.

Im Streit um Tempo und Kosten beim Glasfaser-Ausbau rückt in Deutschland ein eher unkonventioneller Ansatz in den Fokus: Statt auf neue Gesetze setzen BDEW, Breko und VKU auf eine freiwillige Branchenvereinbarung. Die Idee dahinter ist pragmatisch und gleichzeitig technisch anspruchsvoll, denn „Fairplay-Agreement“ bedeutet im Kern: Netze sollen offener werden, auch wenn die Politik den Zugang bislang vor allem über Wettbewerbsvorgaben und jeweils konkrete Einzelfallentscheidungen steuert.
Im Mittelpunkt steht „Open Access“ als organisatorisches und betriebswirtschaftliches Versprechen, nicht als bloßes Schlagwort. Wenn Festnetzanbieter ihre Glasfaserleitungen zu fairen und gleichen Bedingungen für Konkurrenten freigeben, sinkt die Hürde, auf bestehenden Trassen eigene Endkundenprodukte aufzusetzen. Gerade in Regionen, in denen bislang keine flächendeckende Versorgung erreicht wird, scheitert die Ausbaulogik häufig daran, dass Netze nicht geteilt werden oder dass Konkurrenten Straßen ein zweites Mal aufreißen, um parallele Glasfaserstrecken aufzubauen.
Die Vereinbarung adressiert damit auch ein zweites Engpass-Thema: Mobilfunk- und 5G-Infrastruktur. Die Verbände fordern, dass große Mobilfunknetzbetreiber ihre Masten und 5G-Netze ebenfalls für andere Anbieter öffnen, sodass nahtlose Kombi-Angebote aus Festnetz und Mobilfunk realistisch werden. Aus Kundensicht geht es dabei weniger um technische Details als um die Produktform: Wer über denselben Anschluss sowohl Internet als auch Mobilfunk aus einer Hand erhält, kann je nach Verfügbarkeit und Vermarktungsmodell einfacher wechseln und muss nicht zwischen getrennten Ausbauwelten manövrieren.
Der Vorschlag tritt zugleich in einen politischen Kontext, der genau diese Ausbaupraxis berührt. Die Anbieter reagieren auf Pläne der Bundesregierung, den Netzzugang künftig gesetzlich strenger zu regeln, konkret über § 22a TKG und unter Einbindung der Bundesnetzagentur. Aus Sicht der Verbände entsteht durch eine stärker behördlich gesteuerte Regulierung aber Unsicherheit für Investoren; damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Projekte langsamer geplant oder Finanzierungskonzepte vorsichtiger ausgestaltet werden. Genau diese Investitionslogik ist der Grund, warum die Initiative trotz des Kooperationsgedankens so deutlich auf Freiwilligkeit setzt.
Auch wenn die Deutsche Telekom in dem Papier nicht namentlich genannt wird, gilt der Bonner Konzern als Hauptadressat der Forderungen. Der Hintergrund liegt auf der Hand: Regionale Betreiber wollen verhindern, dass in bereits versorgten Gebieten doppelt ausgebaut wird, und verlangen im Gegenzug einen fairen Zugang zum Telekom-Mobilfunknetz. Die Deutsche Telekom weist den Vorwurf eines gezielten oder unfairen Doppelausbaus regelmäßig zurück und verweist darauf, dass freier Wettbewerb und der eigenwirtschaftliche Netzausbau die beste Infrastruktur sowie die größte Anbieterauswahl für Kundinnen und Kunden sichern würden.
Für die Verbraucherinnen und Verbraucher werden aus Sicht der Verbände vor allem drei Effekte erwartet: mehr Wettbewerb am selben Anschluss, weniger Baustellen in Wohngebieten und ein einfacherer Anbieterwechsel. Wenn Infrastruktur geteilt wird, steigt die Zahl der Internetanbieter, die ohne eigene Tiefbau-Runden auf derselben physischen Glasfaserlinie arbeiten können. Und weil nicht jede Ausbauregion erneut aufgerissen werden muss, lassen sich kurzfristige Verkehrs- und Lärmbelastungen reduzieren. Die Verbände rufen deshalb das Digitalministerium und die Bundesnetzagentur dazu auf, die Verhandlungen zwischen den Marktteilnehmern anzustoßen, damit aus dem freiwilligen Papier möglichst bald belastbare Betriebs- und Zugangsmodelle werden.
Technisch betrachtet hängt der Erfolg solcher Open-Access-Vereinbarungen an sauberen Schnittstellen für Zugang, Betrieb und Abrechnung. Dazu gehört, dass Regeln für „fair und gleich“ nicht nur in Verträgen gut klingen, sondern in Prozessen messbar werden: Welche Übergabepunkte gelten, wie werden Kapazitäten zugeteilt, und wie lassen sich Störungen sowie Skalierungsvorgänge zwischen mehreren Anbietern koordinieren? Gleichzeitig entscheidet die Marktgestaltung darüber, ob Kooperation im Alltag funktioniert oder ob sich am Ende doch wieder Anreize zu parallelem Ausbau durchsetzen.
Für die Branche ist das Fairplay-Agreement damit weniger ein politischer Ersatz für Regulierung als ein Testlauf für gemeinsames Infrastrukturhandeln. Wenn die beteiligten Akteure ihre Bereitschaft zur Öffnung nachweisen und die Zugangsbedingungen so operationalisieren, dass Investitionen nicht aus Unsicherheit zurückgehalten werden, könnte die Vereinbarung den Ausbau beschleunigen, ohne den Gesetzes- und Regulierungsapparat in voller Schärfe zu bemühen. Bis zur Umsetzung bleibt jedoch die entscheidende Frage, ob sich aus freiwilligen Zusagen dauerhaft koordinierte Netznutzung ableiten lässt.
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