MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – BMW verschärft in der Ertragskrise die Sparpolitik bei seinen Leistungsträgern: Ab dem 1. April 2027 sollen pauschal nur noch 35-Stunden-Verträge angeboten werden. Betroffen sind laut Berichten mehr als 5.000 Beschäftigte, die bisher freiwillig über der regulären Zeit lagen und dafür mehr Geld bekamen. In der Größenordnung werden Einbußen von bis zu 14.000 Euro pro Jahr genannt. Gleichzeitig plant der Konzern weitere Stellenstreichungen in Verwaltung und Entwicklung, während die Produktion zunächst stabil bleiben soll.

BMW begründet die aktuelle Runde der Einsparungen mit einer klaren Botschaft an die Belegschaft: Kosten müssen sinken, ohne den operativen Kern der Produktion sofort anzutasten. Im zweiten Quartal meldete der Konzern laut dpa ein Minus von 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Umsatz fiel von 34 auf 31 Milliarden Euro, und das operative Ergebnis im Automobilgeschäft sackte um mehr als 60 Prozent auf 629 Millionen Euro. Damit verdiente BMW im abgelaufenen Quartal mehr mit Finanzdienstleistungen als mit dem Bau von Autos – ein Hinweis darauf, wie stark die Ergebnisrechnung derzeit von nicht-operativen Puffer-Positionen abhängt.
Der arbeitsrechtliche Hebel, den BMW nun ansetzt, trifft dabei weniger die breite Masse im 35-Stunden-Modell, sondern gezielt jene, die bislang freiwillig länger gearbeitet haben. Ab dem 1. April 2027 will der Konzern pauschal nur noch Verträge mit 35 Stunden anbieten. Grundlage ist eine bestehende Konzernregelung, nach der Fachkräfte mit besonders gefragten Qualifikationen ihre tarifliche Arbeitszeit freiwillig von 35 auf bis zu 40 Stunden pro Woche erhöhen können. Laut Berichten sind diese Verträge üblicherweise auf zwei Jahre befristet und wurden nach Ablauf verlängert – BMW ändert jedoch die Logik: Statt die Vereinbarungen aktiv zu kündigen, lässt der Konzern sie auslaufen. Wer zuvor 38 oder 40 Stunden arbeitete, rutscht dadurch automatisch auf 35 Stunden zurück, was als mögliche Gehaltseinbuße mit bis zu 14.000 Euro pro Jahr beziffert wird.
Für viele Unternehmen klingt die Maßnahme zunächst wie ein klassischer Kostenhebel. In der Praxis verschiebt sich damit jedoch nicht nur die Stundenbasis, sondern auch die Planbarkeit von Arbeitslast, Schicht- und Projektmanagement sowie die Frage, wie viel Komplexität weiterhin von einer kleineren „Arbeitskapazität“ getragen werden muss. Genau darauf verweisen Berichte über die Betroffenheit: Mehr als 5.000 Beschäftigte sollen von der Anpassung erfasst sein. Besonders Spezialisten werden genannt, deren Aufgaben sich in der regulären 35-Stunden-Woche offenbar nicht ohne Weiteres abbilden lassen. Dazu passt die zeitliche Einordnung: Die ersten spürbaren Einsparungen erwartet BMW ab 2028, während das Abfindungsprogramm erst im Oktober 2026 startet und zunächst auf freiwilliger Basis laufen soll.
BMW fährt damit nach eigenen Angaben nicht zum ersten Mal eine ähnliche Linie. Bereits 2019 senkte der Konzern bei mehreren Tausend Mitarbeitern die Arbeitszeit von 40 auf 38 Stunden; laut Berichten protestierte der Betriebsrat damals scharf. Auch damals lagen die Gehaltseinbußen den Angaben zufolge im Bereich von 10.000 bis 14.000 Euro pro Jahr, und die strategische Zielgröße war, durch die Maßnahme knapp 100 Millionen Euro zu sparen. Der Plan geriet jedoch in eine unerwünschte Gegenreaktion: Beschäftigte häuften offenbar massenhaft Überstunden an, wodurch die erwartete Entlastung wieder teilweise verpuffte. 2021 ruderte BMW zurück und kündigte eine „generelle Rückkehr auf 40 Stunden“ an – ein Prozess, der zeigt, wie sensibel Arbeitszeitpolitik im industriellen Umfeld ist, wenn Tempo, Liefertermine und Projektabhängigkeiten stark von interner Mehrarbeit abhängen.
Parallel zur Arbeitszeitkomponente sieht BMW weitere strukturelle Änderungen vor. Rund 8.000 Stellen in Verwaltung und Entwicklung sollen bis Ende 2027 wegfallen, bei insgesamt etwa 85.000 Beschäftigten in Deutschland. Damit verschiebt sich der Fokus weg von unmittelbar sichtbaren Einschnitten in der Produktion – zumindest im ersten Schritt. Berichtet wird, dass die Produktion im Gegensatz zu anderen Wettbewerbern, bei denen ganze Werke vor dem Aus stehen, vollständig unangetastet bleiben soll. Diese Differenzierung ist für die Marktposition relevant, weil sie das Risiko reduziert, die Fertigungskapazitäten kurzfristig zu destabilisieren, aber gleichzeitig die indirekten Kosten in Backoffice und Engineering stärker bearbeitet.
Aus Markt- und Strategieperspektive lässt sich die Maßnahme als Versuch lesen, die Kostenbasis zu senken, ohne das Absatzprofil drastisch neu zu framen. Analyst Daniel Schwarz vom Bankhaus Metzler wird in den Berichten so eingeordnet, dass BMW die Kosten senken müsse, sich aber anders als bestimmte Wettbewerber nicht auf ein niedrigeres Absatzvolumen einstellen würde. Der Zusammenhang ist entscheidend: Arbeitszeitverkürzungen wirken nur dann dauerhaft, wenn Unternehmen Aufgaben nicht lediglich „umverteilen“, sondern realistisch priorisieren. BMWs Chef Milan Nedeljkovic stellte der Belegschaft zudem Herausforderungen in der gesamten Automobilindustrie in Aussicht und forderte schlankere und agilere Prozesse. Finanzvorstand Walter Mertl ergänzte, das Ziel sei weniger Komplexität und eine niedrigere Kostenbasis.
Für die Technologie- und Organisationsseite im Unternehmen ist das vor allem eine Frage der Ausführbarkeit: Wenn Leistungsträger – also genau die Rollen, die in komplexen Projekten oft Engpässe überbrücken – ihre Stundenbasis reduzieren müssen, steigen die Anforderungen an Prozessdisziplin, Tooling und belastbare Kapazitätsplanung. Auch die Interaktion mit dem freiwilligen Abfindungsprogramm, das ab Oktober 2026 startet, kann Auswirkungen darauf haben, wie stabil kritische Know-how-Bereiche in Entwicklung und Spezialfunktionen bleiben. In der Übergangsphase bis 2028 dürfte BMW deshalb besonders daran arbeiten müssen, Überstundenmuster nicht erneut anzutreiben – aus dem bisherigen Verlauf 2019 bis 2021 ist der Konzern offenbar die unerwünschte Nebenwirkung bereits bekannt. Ob die aktuelle Linie diesmal „durchläuft“, entscheidet sich damit weniger an der Tarifzahl 35, sondern an der Fähigkeit, Arbeitspakete, Liefer- und Qualitätsanforderungen und die Projektpipeline innerhalb der neuen Kapazitäten zu halten.
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