BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Berliner Volksbühne eröffnet am Freitag ein temporäres Freibad direkt vor dem Theater. Der Intendant Matthias Lilienthal setzt mit 25-Meter-Bahn, Pommesbude und einem kostenlosen Online-Zeitfensterticket ein sichtbares Zeichen gegen den Zustand öffentlicher Infrastruktur. Das Projekt kostet rund 300.000 Euro und wird bis in den Oktober hinein betrieben. Die Debatte darüber, ob dieses Budget in der Krise eher in kleinere Spielstätten fließen sollte, läuft bereits jetzt.

Vor dem monumentalen Gebäude der Berliner Volksbühne glitzert plötzlich ein tü rkisblauses Becken, als wü rde die Sommerzeit fü r ein paar Wochen in den Stadtraum eingreifen. Was auf den ersten Blick nach einer skurrilen Theaternummer aussieht, ist laut Intendant Matthias Lilienthal bewusst als Protest gerahmt: Er spricht von einem Freibadmangel und von einem tieferen Problem, nä mlich dass wichtige Infrastruktur in Berlin nicht ausreichend funktioniere. Der Clou ist dabei die Inszenierung im ö ffentlichen Raum: Statt die Diskussion nur im Zuschauerraum zu fü hren, verlagert das Haus das Thema in die direkte Nachbarschaft.
Technisch betrachtet ist es ein Ereignis mit Logistik- und Sicherheitsaufwand, der sich nicht mit einem einzelnen Wochenende erklä ren lä sst. Das temporä re Freibad wird mit Umkleidekabinen aufgebaut, Bademeister und Sicherheitskrä fte werden engagiert, und es gibt ein Zeitfensterticket, das online gebucht werden kann. Die Volksbü hne stellt die Nutzung damit nicht nur als symbolische Geste dar, sondern als kontrollierbaren Betrieb – vergleichbar mit den organisatorischen Anforderungen, die auch bei anderen kurzzeitig installierten Anlagen auftreten: Zutrittsmanagement, Aufsicht, Sicherheitsprozesse und eine saubere Umplanung des Publikumsflusses vor und nach den Slots.
Im Zentrum steht die Frage, warum ausgerechnet ein Theaterprojekt ein Schwimmbad auf die Straß e bringt. Lilienthal nutzt die Aktion, um einen sozialen Missstand sichtbar zu machen, der sich seiner Darstellung zufolge nicht nur auf Bä der bezieht, sondern ebenso auf andere Alltagsinfrastruktur wie S-Bahnen und Schulen. Die Kritik fä llt entsprechend zweigleisig aus: Befü rworter sehen ein politisches Signal, das auch Menschen abholen soll, die sonst selten ins Theater gehen. Skeptiker dagegen verweisen auf die knappe Lage im Kulturbetrieb; die SPD-Abgeordnete Dunja Wolff erklä rt in diesem Kontext, sie hä tte sich das Geld fü r kleinere Spielstä tten, insbesondere fü r Jugendtheater, gewü nscht.
Die Kostenangaben machen die Debatte greifbarer. Nach Angaben der Volksbü hne kostet das Projekt rund 300.000 Euro, finanziert aus dem Haushalt des Theaters. Rund 90.000 Euro entfallen dabei auf das Schwimmbecken, etwa 210.000 Euro auf Personal, Projektplanung und Sicherheit; zugleich betont das Haus, die Kosten entsprä chen denen einer groß en Theaterproduktion. Diese Argumentation nimmt der Aktion einen Teil der Ü berraschung, denn sie verknü pft das Freibad nicht mit einem separaten Budget-Topf, sondern mit einer Produktionslogik: Theater ist in dieser Sicht nicht nur Text und Bü hne, sondern auch Planung, Aufbau und Betrieb – nur eben diesmal mit anderer Infrastruktur. Dass die Volksbü hne jä hrlich mit mehr als 20 Millionen Euro bezuschusst wird, liefert zusä tzlich die Folie, auf der sich die Frage nach Prioritä ten abarbeiten lä sst.
Die Volksbü hne selbst hat die Erwartung, dass aus dem Haus heraus nicht nur gespielt, sondern auch provoziert wird. Ein Blick in die Historie zeigt, warum: Der frü here Intendant Frank Castorf prä gte das Theater nach der Darstellung im Umfeld der aktuellen Debatte mit spektakulä ren Mitteln wie Kunstblut, Videokamera und Gebrü ll. Nachfolgende Personalwechsel fü hrten zudem zu Protesten und Verwerfungen – das macht klar, dass der „ Kunstgriff“ vor dem Gebä ude keine reine Ausnahme ist, sondern im Selbstverstä ndnis des Hauses liegt. Gleichzeitig zeigt der Personalfaden, wie sehr sich Programmatik und politische Kultur ü berlagern: Lilienthal folgte als Intendant nach dem Tod von René Pollesch, der seinerseits zuvor auf einem schwierigen, aber kreativen Weg war.
Fü r den laufenden Betrieb ist auch die technische Seite der Kapazitä t festgelegt. Der Wasserbetrieb orientiert sich an Vorgaben nach einer DIN-Norm; genannt wird, dass maximal 46 Menschen gleichzeitig ins Wasser dü rfen. In den kommenden Monaten bis Oktober plant die Volksbü hne mit knapp 20.000 Badegä sten; das Becken wird dafü r gemietet, andere Materialien sollen spä ter fü r Inszenierungen verwendet werden. Genau diese Detaillierung unterscheidet das Projekt von einem reinen PR-Moment: Es geht nicht nur darum, eine Idee aufzustellen, sondern sie im Zeitfenster eines Sommers sicher und planbar durchzufü hren – inklusive eines Programms, das von Kraulkurs bis Synchronschwimmen reicht.
Spannend wird das Ganze zusä tzlich durch den Ursprung der Inspiration. Das Projekt soll von Performance-Kü nstlerin Florentina Holzinger angestoß en sein, die zuvor einen ö sterreichischen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig bespielt hat; die aktuelle Ü bertragung auf das „ Volksbad“ ist damit zugleich eine Form von Ü bertragungstechnologie zwischen Kunstkontexten: Ein Ausstellungskonzept wird in einen Stadtraum gebracht und in ein temporä res Infrastrukturformat gegossen. Bis Oktober bleibt das Becken stehen, und bereits jetzt wird ein zweiter Schritt vorbereitet: Holzinger soll 2028 an der Volksbü hne wieder ein neues Stü ck inszenieren, mit einer Aktion, die zeitlich zum Ende des Freibads geplant ist. Ob diese nä chste Phase als Fortsetzung des Protestgedankens funktioniert oder eher als weiterer Ausdruck der bekannten Volksbü hnen-Provokation gelesen wird, bleibt offen – fest steht nur, dass die Stadt zumindest vorü bergehend ü ber ein Theaterprojekt nicht im ü blichen Rahmen spricht.
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