LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes erreicht die psychische Überlastung des pädagogischen Personals neue Rekordwerte. Fast die Hälfte der Lehrkräfte fühlt sich hoch belastet, während der Krankenstand steigt und damit die Unterrichtsversorgung unter Druck gerät. Besonders auffällig: 44 Prozent arbeiten in Teilzeit, und jeder dritte Lehrende ist 50 Jahre oder älter. Gleichzeitig wächst der Anteil an Quer- und Seiteneinsteigern, um Lücken zu schließen, obwohl auch die Belastungsfaktoren im Alltag klar benannt werden.

46 Prozent Lehrkräfte berichten hohe psychische Belastung
46 Prozent Lehrkräfte berichten hohe psychische Belastung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Zahlen zeichnen ein zunehmend widersprüchliches Bild: Der Schulbetrieb braucht Stabilität, gleichzeitig berichten immer mehr Lehrkräfte von hoher psychischer Belastung. In den Daten für das Schuljahr 2024/2025 wird das Problem nicht nur psychologisch, sondern auch strukturell greifbar. Von 752.100 Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen arbeiten 44 Prozent in Teilzeit – der höchste Stand seit 2009. Dieser Befund passt zu der Entwicklung, die das Schulbarometer 2024 mit 35 Prozent „hoch belastet“ beschreibt und im Frühjahr 2026 bereits 46 Prozent erreicht: Die Überlastung scheint sich zu verfestigen, statt sich wie eine kurzfristige Spitzenbelastung wieder abzubauen.

Damit verschiebt sich auch die Frage „Wer unterrichtet morgen?“ von einer rein organisatorischen Debatte in Richtung Personal- und Altersplanung. Die Altersstruktur ist dabei ein zentraler Treiber: Jeder dritte Lehrende ist 50 Jahre oder älter, in Sachsen-Anhalt liegt der Anteil sogar bei 51 Prozent. In einem System, das ohnehin unter Personalmangel leidet, verstärkt das die Risiko-Kurve. Als Gegenmaßnahme setzt das System verstärkt auf Quer- und Seiteneinsteiger: Deren Anteil stieg von 4 Prozent (2014/2015) auf 11 Prozent (2024/2025). Solche Quereinstiege können helfen, aber sie erhöhen auch die Anforderungen an Einarbeitung, Begleitung und fachliche Anschlussfähigkeit im Kollegium.

Die Belastungsfaktoren lassen sich zudem ziemlich konkret zuordnen. Eine Befragung unter 1.020 Lehrkräften im Februar 2026 zeigt: Für 45 Prozent ist das Schülerverhalten der größte Stressfaktor. Administrative Aufgaben nennen 39 Prozent, während 38 Prozent Schwierigkeiten angeben, Beruf und Privatleben sauber zu trennen. Auch die Unterrichtsrealität selbst spielt hinein, denn jede vierte Lehrkraft sieht in heterogenen Lerngruppen eine erhebliche Herausforderung. Dass sich diese Stressoren wiederholen, ist vor allem deshalb relevant, weil organisatorische Schnellkorrekturen zwar Symptome mildern können, die Ursachen aber häufig im Zusammenspiel aus Klassenalltag, Erwartungen und Rahmenbedingungen liegen.

Der Druck endet allerdings nicht an der Klassenzimmertür. Der Schulleitungsmonitor 2026, für den 1.357 Schulleiter befragt wurden, beschreibt eine spürbare Überlastung auf der Leitungsebene: 45,5 Prozent fühlen sich geistig erschöpft, über 43 Prozent arbeiten mehr als 50 Stunden pro Woche. In dieser Konstellation überrascht es weniger, dass 17,6 Prozent überlegen, ihre Leitungsfunktion abzugeben. Das ist für Schulen besonders kritisch, weil Abgabe-Entscheidungen nicht nur einzelne Personen betreffen, sondern Strukturen: Wer Leitungsaufgaben abgibt, entzieht dem System Erfahrung, organisatorisches Gedächtnis und häufig auch Verhandlungskapazität – gerade dann, wenn gleichzeitig Stellen nicht schnell genug nachbesetzt werden.

Auch bei der Stellenbesetzung wird deutlich, wie eng der Zeit- und Planungsrahmen ist. Laut Angaben zur Lage in Südtirol blieben für das Schuljahr 2026/27 von 2.044 angebotenen Stellen 1.130 unbesetzt. Besonders dramatisch wird es in den MINT-Fächern: Für Mathematik und Physik konnten nur 5,9 Prozent der Stellen besetzt werden, in Informatik 11,8 Prozent. Solche Werte wirken nicht isoliert, sondern schlagen auf die Unterrichtsqualität und die Arbeitsbelastung durch. Wo spezialisierte Lehrkräfte fehlen, nehmen Vertretungen zu, Abstimmungsaufwand steigt und die Belastung verteilt sich – oft ungleich – auf diejenigen, die dennoch regulär unterrichten können.

Mit der Digitalisierung kommt zudem eine zweite, neue Belastungsdimension hinzu. 95 Prozent der Lehrkräfte sehen in der Digitalisierung grundsätzlich eine Chance, doch 80 Prozent kritisieren fehlende politische Unterstützung. Bei der KI-Nutzung zeigen sich Fortschritte und zugleich Lücken: 58 Prozent nutzen KI für schulische Zwecke (2024: 51 Prozent), aber nur 46 Prozent haben eine offizielle Schullizenz. Mehr als ein Viertel weicht auf private Konten aus. Das ist technisch und organisatorisch heikel, weil damit Verantwortlichkeiten, Datenschutz- und Nutzungsrahmen auseinanderlaufen können, während Lehrkräfte gleichzeitig Zeit für didaktische Integration und methodische Absicherung bräuchten. Dazu passt auch die Forderung nach verpflichtenden Fortbildungen: 78 Prozent halten sie für notwendig, und 83 Prozent sehen die übermäßige Handynutzung als dringendes Problem im Schulalltag.

Die Folgen der Krise betreffen längst nicht nur das Personal. Berichten zufolge fühlen sich 16 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Schule wenig wohl, 25 Prozent zeigen psychische Auffälligkeiten. Wenn Arbeitsverdichtung steigt, sinkt häufig die Zeit für individuelle Rückmeldungen und für präventive Gespräche – und genau dort entscheidet sich, ob Belastung früh abgefedert wird. Als erste Reformansätze werden etwa in Mecklenburg-Vorpommern verstärkte Praxisphasen in einer Lehramtsreform zum Wintersemester 2026/27 genannt. In Österreich wiederum plant man Hitzeschutzmaßnahmen mit einheitlichen Warnstufen und baulichen Nachrüstungen bis Sommer 2027. Ob solche Schritte den Beruf wieder attraktiver machen, hängt jedoch auch davon ab, wie schnell sich Grundstressoren wie Schülerverhalten, administrative Aufgaben und die Entgrenzung von Arbeit und Erholung in der Praxis tatsächlich verringern lassen.


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