SÜDFRANKREICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Startup-Gründer und Investoren beschreiben ihre Urlaubspläne als Mischung aus Entspannung und klaren Regeln für die digitale Distanz. Carsten Maschmeyer setzt dabei auf einen Hof in Südfrankreich mit Eseln und sagt zugleich, der Ort helfe seiner ganzen Familie beim Abschalten. Andere nennen Reiseziele wie die Côte d’Azur, die kroatische Adria oder den Himalaya – und betonen, dass „Detox“ bei ihnen oft konkrete Rituale braucht. Gleichzeitig bleibt bei mehreren: Der Laptop wird nicht komplett aus dem Gepäck gestrichen, sondern nur in seiner Rolle begrenzt.

Wer in der Startup-Welt „Urlaub“ sagt, meint selten nur Nichtstun. Die Urlaubsgrüße aus der Gründer- und Investorenszene zeichnen eher ein Muster: Abschalten ja, aber mit Haltung. Carsten Maschmeyer verweist in seinem Beispiel auf einen Bauernhof in Südfrankreich, auf dem seine Esel inzwischen Nachwuchs bekommen haben. Für ihn ist das kein dekoratives Beiwerk, sondern ein Mechanismus, der die Familie vom Tagesrhythmus löst: Weg von Termindruck, hinein in einen Ort, der körperliche Reize (Tiere, Garten, Alltagswege) statt Push-Nachrichten in den Vordergrund rückt.
Diese Idee wird bei anderen ähnlich, nur mit anderen „Triggern“. Auf der Côte d’Azur und in Nizza wird die Entschleunigung vor allem über das Wechselspiel aus Aktivität und Erlebnissen beschrieben: Vivien Wysocki kombiniert einen Strandtag mit Tauchen oder Surfen, weil das eine den Kopf beruhige und das andere Aufmerksamkeit so stark bündele, dass man für eine Weile automatisch an nichts anderes denke. Nikita Fahrenholz tauscht den sonst eher „schnellen“ Modus gegen Temperaturen, Essen und eine Luftmatratze ein, plus die pragmatische Erkenntnis: Nicht jede Phase im Jahr muss nach dem Vollgas-Prinzip funktionieren. Technisch betrachtet lässt sich das als bewusste Steuerung von Aufmerksamkeit interpretieren – nicht als Verzicht, sondern als Wechsel des Input-Kanals. Wenn Gespräche, Wasseroberflächen oder Unterwasserbewegung dominieren, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn ständig nach digitalen Kontext-Signalen sucht.
Dass „Digital Detox“ in der Praxis oft nicht vollständig ausfällt, zeigt ein weiterer Schwerpunkt der Aussagen: viele nehmen den Kontaktkanal nicht komplett heraus, begrenzen aber das Timing und die Art der Interaktion. Lukas Petrasch nimmt zwar den Laptop mit, beschreibt dann aber eine klare Regel: Er checke zweimal am Tag E-Mails und chatte bei Bedarf, während Termine und Telefon tabu seien. Eine solche Festlegung ist im Unternehmensalltag mehr als eine nette Lifestyle-Note. Sie entspricht einem Arbeitszeitmodell, das Unterbrechungen reduziert und damit den „Switch Cost“ im Kopf senkt – also die mentale Umlernarbeit, wenn man zwischen Kontexten springt. Simon Bauer formuliert es spiegelbildlich: Auch am Strand bleibt die Beobachterrolle an, nur mit leichterem Gewicht. Markenauftritte, Hotels oder Restaurants dienen als Inspiration, aber die Energie fließt nicht in operative Entscheidungen, sondern in spätere Produkt- oder Marketingideen. Dadurch wird Urlaub weniger zur reinen Regeneration „ohne System“, sondern zu einer Phase mit klar abgesteckten Aufgabenarten.
In den Grüßen aus den verschiedenen Regionen wird außerdem sichtbar, wie stark „Abschalten“ von Umgebung und Routinen abhängt. Auf einem Boot an der kroatischen Küste beschreibt Philipp Rouenhoff, dass der Kopf frei wird, sobald er an Bord geht – Wind, Wasser und Gespräche schaffen ein eigenes Taktgefühl. Hans-Christian Stockfisch berichtet sogar davon, nach Jahren ohne echten Urlaub Abstand zu gewonnen zu haben, um im Rückblick den „größten Skalierungsblocker“ seiner Firma besser zu erkennen. Das klingt zunächst nach Business-Kommentar, ist aber im Kern ein Denkprozess: Abstand erzeugt neue Assoziationen, weil vertraute Informationsströme pausieren. Analog dazu wirkt bei Katharina Frie in den Sellrainer Alpen ein „harter Bruch“ mit dem Alltag: gut erreichbar, aber ruhig und ohne Trubel. Der Effekt ist nicht mystisch, sondern psychologisch gut erklärbar: Wenn Routinen brechen, lassen sich mentale Probleme oft neu strukturieren – ohne dass sofort wieder dieselben Meeting-Logiken greifen.
Auch die Beispiele, die auf den ersten Blick wie reine Urlaubsszenen wirken – Himmel, Berge, Märkte, Bootsfahrten – tragen damit eine gemeinsame Botschaft: Gründer schaffen sich ihre Entlastung über konkrete, nicht verhandelbare Regeln. Ole Heine verlagert das Arbeiten vom Empfang in den Offenen Ozean, weil auf offener See „kein Empfang“ ist; statt Meetings werden Bücher genutzt, und selbst das Lesen wird mit einem Lernziel verknüpft, nämlich Verhandeln besser zu verstehen. Ralph de Catelan beschreibt den Himalaya nicht als Hintergrundkulisse, sondern als Umgebung, die spirituell geprägt ist, und hebt dann die überraschende Umkehr hervor: Die anstrengendste Aktivität – die Besteigung des Mount Kanamo mit 6000 Metern Höhe – entpuppt sich als die entspannendste Erfahrung. Die Logik dahinter ist plausibel: Extreme Belastung kann den Kopf so stark in den „Jetzt-Modus“ bringen, dass Routinen für Grübeln und dauernde Verfügbarkeit für kurze Zeit verschwinden.
Für die Branche ist diese Verdichtung aus individuellen Urlaubsritualen mehr als Unterhaltung. Sie liefert ein Bild davon, wie Wissensarbeit in Startups funktioniert: Kommunikation ist ein Betriebssystem, und „Urlaub“ bedeutet folglich nicht nur Ortswechsel, sondern eine bewusst hergestellte Betriebsruhe. Gleichzeitig ist auffällig, wie wenig in den Aussagen von „perfektem Nichtstun“ die Rede ist. Stattdessen geht es um kontrollierte Interaktion: zweimal täglich Mails, kein Telefon; Ideen sammeln statt Teamsitzungen; Bücher statt Kalender. Für Unternehmen und Führungskräfte ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Wenn man Abschalten erreichen will, braucht es weniger Appell („Tu dir etwas Gutes“) und mehr Gestaltung („In welcher Form darfst du erreichbar sein, und wann nicht?“). Das lässt sich organisatorisch übertragen, etwa durch definierte Kommunikationsfenster, klare Verantwortlichkeiten während Abwesenheit und einen Umgang mit Eskalationen, der nicht auf ständige Verfügbarkeit setzt.
Am Ende sind es die kleinen, sehr konkreten Bilder, die hängen bleiben: Esel auf einem Hof, Mantarochen vor Indonesien, ein Markt mit „bestem Gemüse“, eine feste Route zwischen Strand und Tauchen, ein Boot ohne Empfang oder die Alpenwege südlich von Innsbruck. Sie zeigen nicht nur, wohin Menschen reisen, sondern wie sie sich selbst „entkoppeln“ – und zwar so, dass dennoch genug Energie für die Rückkehr bleibt. Genau darin liegt der Kern der Urlaubsgrüße: Abschalten ist nicht zwingend ein Ende von Leistungsfähigkeit, sondern ein Neustartmodus, der die nächste Arbeitsphase wieder anschlussfähig macht.
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