LONDON (IT BOLTWISE) – Das neue Buch „Defending Taiwan“ von Eyck Freymann argumentiert, dass die Sicherheitslage über der Taiwanstraße nicht mehr mit rein militärischer Abschreckung stabilisiert werden kann. Freymann fordert eine integrierte Strategie, die politische Zusagen und wirtschaftliche Hebel konsequent mit klassischen Streitkräften verknüpft. Dabei rückt er industrielle Engpässe, die Modernisierung der Einsatzlogistik und besonders auch wirtschaftliche Krisenpläne in den Mittelpunkt. Offen bleibt, ob eine solche Vorwärtsstrategie die Krise nicht gerade schneller eskalieren könnte.

„Defending Taiwan“ startet nicht mit einem Szenenwechsel, sondern mit einer Diagnose: Seit Jahren verschiebt sich das Kräfteverhältnis in Ostasien zulasten der USA, und die klassische Logik „mehr Militär bedeutet mehr Abschreckung“ greift zu kurz. Freymann knüpft seine Argumentation an einen konkreten Wendepunkt in der US-Krisenpolitik an, als 2007 der Fokus militärisch stark in Richtung Irak verlagerte und damit Modernisierung und industrielle Erneuerung in den Hintergrund gerieten. Dass die US-Streitkräfte in den folgenden Jahren für neue Konflikte in einer weitgehend anderen Region gebunden waren, wirkt laut dem Buch bis heute nach – gerade dann, wenn es um die Fähigkeit geht, eine Krise über der Taiwanstraße glaubwürdig zu verhindern.
Technisch betrachtet macht Freymann dabei zwei Ebenen sichtbar: Zum einen zeigt er, wie konventionelle Abschreckung erodiert, wenn Produktionszyklen, Nachschublogik und die Vorbereitung des Einsatzraums nicht mit der Geschwindigkeit konkurrierender Aufrüstung mithalten. Er nennt als Beispiele industrielle Defizite in der US-Raketenproduktion, die Herausforderung, in einem langen Konflikt die Infrastruktur für Logistik und Unterstützung bereitzustellen, sowie Kommunikations- und Resupply-Lücken beim Betrieb verteilter maritimer Operationen. Besonders betont wird außerdem, dass die USA ihre Fähigkeit zum massenhaften Einsatz kleiner, günstiger unbemannter Systeme deutlich steigern müssten – nicht als „Nice-to-have“, sondern als Voraussetzung, um in einem Szenario mit hoher gegnerischer Bedrohungsdichte handlungsfähig zu bleiben.
Daneben geht das Buch auf strategische Stabilität ein, weil Abschreckung nicht nur im „unteren“ Eskalationsband stattfindet. Freymann ordnet chinesische Doktrin so ein, dass strategische Abschreckung eng mit konventionellen Konfliktformen verknüpft sei und damit eher als Kontinuum verstanden werde – von Zwang in Friedenszeiten bis hin zu nuklearer Eskalation. Um diese Logik greifbar zu machen, führt er unter anderem Entwicklungslinien in chinesischen Nuklearstreitkräften an: von rund 100 Sprengköpfen vor einem Jahrzehnt hin zu einer erwarteten Größenordnung von über 1.000 bis 2030 und in der weiteren Perspektive etwa 1.500 bis 2035. Auch wenn diese Zahlen im Buch als Prognose bzw. erwartete Entwicklung präsentiert werden, dient ihnen Freymann vor allem dazu, zu argumentieren, dass eine flexible nukleare Haltung die Interventionsfähigkeit der USA in Teilstufen systematisch erschweren könnte.
Für die politische Praxis wird es dann besonders kontrovers, weil Freymann den Schwerpunkt verschiebt: Er will nicht bei „mehr Einsatzbereitschaft“ stehen bleiben, sondern die politischen Rahmenbedingungen der Abschreckung neu justieren. Ausgangspunkt ist, dass die USA in einer Taiwan-Krise zwar militärisch entscheidungsfähig sein müssten, das politische Versprechen jedoch heute zu wenig eindeutig wirke, um allein dadurch zuverlässig zu wirken. Er lehnt eine völlige Umstellung nicht vollständig ab, schlägt aber „structured ambiguity“ vor: Die Politik soll gegenüber Peking zunächst bei einer traditionellen Unklarheit bleiben, aber im Krisenfall klar signalisieren, dass Washington seine bisherige Linie überdenken könnte – bis hin zu der Botschaft, dass ein offensives Vorgehen gegen Taiwan als eklatanter Verstoß gegen die „Three Communiqués“ gewertet werden und dies die „One China Policy“ grundsätzlich betreffen könne. Freymann argumentiert außerdem, dass Washington Taiwan-Führung konsistent und privat daran erinnern müsse, dass die USA einseitige Veränderungen durch Taipeh ablehnen; zugleich bleibt nach dem Buch die offene Frage, wie stark eine solche Mischung aus mehr oder weniger deutlichen Signalen nicht gerade gegenteilige Anreize für Eskalation erzeugen könnte.
Die vierte Säule ist schließlich wirtschaftliche Abschreckung – und hier wird Freymanns Ansatz besonders konkret. Er entwirft einen Plan für eine „affirmative economic crisis response“, der Sanktionen gegen China ermöglichen soll, ohne am ersten Tag einer Krise die globalen Lieferketten vollständig abzuschalten. Freymann greift dabei eine Lehre aus der Zoll- und Handelskriegspolitik auf: Während die USA und viele Verbündete wirtschaftlich wenig vorbereitet seien, um einen abrupten Bruch zu überleben, sei Chinas exportgetriebene Industriebasis gleichzeitig verwundbar gegenüber einer kontrollierten Form der Entkopplung. Aus dieser Kombination leitet er ab, dass eine „affirmative strategy“ nötig sei, die gleichzeitig Verbund-Resilienz fördert und Chinas Handlungsspielraum schrittweise einschränkt.
Um diese Umsetzung zu organisieren, empfiehlt Freymann die Gründung eines Economic Security Cooperation Board (ESCB). Interessant ist dabei die Mitgliedslogik: Offiziell sollen Länder teilnehmen können – mit Ausschluss von Russland, Nordkorea, Iran und China – um im Krisenfall die wirtschaftlichen Folgewirkungen zu steuern. Der ESCB solle zunächst von den USA und „core allies“ wie dem Vereinigten Königreich, Japan, Kanada und Australien aufgebaut werden, um Unterstützung und wirtschaftliche Stabilisierung bereitzustellen und zugleich die Durchsetzung nationaler Handelspolitiken gegenüber Nichtmitgliedern zu erleichtern. Im Kern geht es um „avalanche decoupling“: nicht sofort vollständige Entkopplung am ersten Krisentag, sondern eine beschleunigte Dynamik über die Zeit, die Chinas exportorientierte Fertigung isoliert – damit potenziell schon die Entscheidung zum ersten Schritt weniger attraktiv wird.
Gleichzeitig arbeitet Freymann, obwohl er viele Herausforderungen überzeugend beschreibt, die strukturellen Fragen nicht vollständig weg. Leserinnen und Leser, die die Realität politischer Entscheidungen kennen, werden sich etwa fragen, ob es dafür überhaupt rechtzeitig reicht, oder ob die USA im Ernstfall tatsächlich die industrielle und operative Basis so schnell umbauen können, wie es ein Deterrence-Ziel erfordert. Auch bleibt offen, wie viele Staaten bereit wären, Entkopplungslasten zu tragen, wenn die wirtschaftlichen Folgen im eigenen Land spürbar würden. Und schließlich stellt sich die strategische Umkehrfrage: Wenn der Aufbau einer nachkrisenhaften Architektur bereits „China marginalisiert“ statt es vom Handeln abzuhalten, kann das – so der denkbare Gegeneffekt, den das Buch zumindest indirekt mit anspricht – dazu führen, dass Peking eher früher eskaliert, statt abzuwarten.
Der Titel „Defending Taiwan“ verweist dabei auf eine weitere Unschärfe, die Freymann nach Ansicht des Textes nicht ausreichend auflöst: „Verteidigung“ kann sich auf die Inseln beziehen, die Taiwan kontrolliert, während andere Gebiete in der Umgebung umstritten sind. Jede Verschiebung in der Zieldefinition – ob es um Inselgruppen entlang der Küste oder um umkämpfte bzw. beanspruchte Areale in anderen Meeresteilen geht – verändert das Eskalationsrisiko erheblich. Ungeachtet dieser offenen Punkte liefert das Buch jedoch einen Nutzen für die nationale Debatte: Es zwingt dazu, Abschreckung als mehrschichtiges System zu begreifen, in dem Streitkräfte, politische Signale und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit gemeinsam wirken müssen. Entscheidend wird sein, ob aus den Ideen robuste Umsetzungsfahrpläne entstehen, die sowohl Wirkung entfalten als auch die Risiken einer ungewollt beschleunigten Krise begrenzen.
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