SAN DIEGO / LONDON (IT BOLTWISE) – In San Diego haben Familien von Besatzungsmitgliedern die Navy-Spitze in einem angespannten Treffen zu Bedingungen auf der USS Lincoln befragt. Sie kritisierten unter anderem Belastungen für die psychische Gesundheit, Probleme rund um die Bordverpflegung sowie Unterbrechungen im Post- und Lieferverkehr. Gleichzeitig verwiesen die Führungskräfte auf Maßnahmen wie Human-Factors-Councils, die Versorgung mit Beratungs- und Seelsorgekapazitäten sowie einen noch nicht konkret terminierten Entlastungszeitpunkt durch eine zweite Carrier-Strike-Group. Für viele Betroffene bleibt damit vorerst eine Rückkehr „ohne Datum“, obwohl intern ein Zeitfenster für den Umzug in Erwägung gezogen wird.

US-Navy: Streit über Versorgung, Mental Health und Rückkehr der USS Lincoln
US-Navy: Streit über Versorgung, Mental Health und Rückkehr der USS Lincoln (Foto: IT BOLTWISE)
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Am Donnerstagabend in San Diego trafen auf dem Marinestützpunkt Naval Air Station North Island vor allem eines aufeinander: die Erwartung von Familien an klare Antworten und die realen Grenzen militärischer Einsatzplanung. Rund 200 Angehörige drängten im Rahmen einer breit besuchten Präsenzveranstaltung den kommissarischen Navy-Sekretär Hung Cao zu Aussagen über anhaltend schwierige Bedingungen an Bord der USS Lincoln. Im Raum ging es nicht um abstrakte Schlagworte, sondern um Alltagsthemen, die sich direkt auf Gesundheit, Sicherheitsgefühl und Belastbarkeit auswirken: mentale Erschöpfung, Sorgen um die Sicherheit auf dem Deck und die Frage, wann die Mannschaft überhaupt zurückkehren kann.

Die USS Lincoln befindet sich seit dem 21. November von San Diego aus im Einsatz und hatte laut Angaben am Freitag bereits 259 Tage auf See hinter sich. Besonders schmerzhaft ist dabei die fehlende Planungssicherheit für Familien: Nach der Rückkehr soll es zwar eine 58-tägige Phase geben, um den Umzug in das neue Heimathafen-Umfeld in Bremerton, Washington, vorzubereiten; als „time frame“ wurde dabei zugleich der 31. Dezember als mögliches Ziel genannt. In den Schilderungen aus dem Treffen und dem späteren virtuellen Austausch fehlte jedoch eine konkrete Heimkehr-Ansage. Die Entlastung durch die nächste Carrier-Strike-Group, namentlich die USS Theodore Roosevelt, wurde zwar als vorbereitet beschrieben, ein genauer Zeitpunkt blieb aber aus Sicherheitsgründen offen.

Technisch und organisatorisch verdichteten sich die Gespräche vor allem an zwei Themenfeldern: menschliche Faktoren an Bord und Logistik unter Krisenbedingungen. Bei der psychischen Gesundheit rückten nach Aussagen der Führungskräfte Human-Factors-Councils in den Fokus. Vice Adm. Joseph Cahill führte aus, dass das Konzept darauf zielt, Risiken für das Wohlbefinden innerhalb des Kommandos zu überprüfen und vor allem präventiv zu arbeiten: „It’s about the unit understanding and sitting down with sailors individually on their Human Factors Councils and having a conversation about where they’re at in their moment in time, “ sagte Cahill. Gleichzeitig verwiesen die Verantwortlichen auf Deployment-Resilience-Counselors und Chaplains als Teil des Unterstützungsansatzes, ergänzt durch eine Kommunikation über ein Team aus Fleet- und Family-Support-Centern.

Parallel dazu wuchs die Kritik an Versorgungslücken, wobei die Familien nicht nur über Essen und Wasser sprachen, sondern auch über die Kette vom Nachschub bis zum ankommenden Brief oder dem Paket als Ausdruck von Normalität. Vice Adm. Douglas Verissimo ordnete im virtuellen Austausch die Lage in den Kontext umgeleiteter Routen ein: „When Bahrain was no longer a port for logistics, food and mail … all of the gear that was there when the shooting started got stuck there, “ erläuterte er. Die Folge seien zunächst große Rückstände gewesen, die man unter „contested logistics“ priorisiert abarbeiten musste. In der Reihenfolge der Prioritäten nannte Verissimo zuerst die Versorgung mit Lebensmitteln, danach Artikel für den Shop an Bord wie Zahnpasta und Shampoo, und erst anschließend die Post, sobald sich die Logistik für die Zustellung in See hinreichend stabil organisieren ließ. Gerade frische Ware blieb demnach ein wiederkehrendes Problem, weil verderbliche Güter den Weg nicht zuverlässig bis zum Eintreffen überstehen.

Konkrete Sorgen bezogen sich außerdem auf den Zustand der Infrastruktur an Bord. Die Führungskräfte räumten einen „stubborn clog“ ein, der über längere Zeit dafür gesorgt haben soll, dass Toiletten in einem Bereich nicht funktionierten. Zugleich betonten sie, die Mannschaft sei im Umgang mit solchen Problemen trainiert worden und die meisten nicht betriebsfähigen Toiletten seien zügig wiederhergestellt worden. Bei den Gerüchten um Schimmel in den Duschen verwiesen die Verantwortlichen auf eine andere Erklärung: Es handle sich möglicherweise eher um „mildew“ im Zusammenhang mit schwierigen Lüftungsbedingungen, wobei man gesundheitliche Bedenken ernst nehme und per Industrial Hygienists Messungen und Tests zur Funktionsfähigkeit von Lüftern sowie zum Luftaustausch durchführen lasse. Für die Familien war diese Differenzierung zwar nachvollziehbar gemeint, löste aber nicht die Kernfrage nach Verlässlichkeit und Geschwindigkeit bei der Behebung.

Auch der Informationsfluss wurde zum Streitpunkt. Mehrere Angehörige schilderten, dass Post und Pakete über Monate hinweg ausblieben oder verlorengingen; dadurch fehlten Care Packages in Phasen, in denen für die Kinder, die Paarbeziehung oder die Trauerarbeit zu Hause verlässliche Anker besonders wichtig seien. In der virtuellen Runde kam zudem die Aussage eines „Force Master Chief“ zur Sprache, der offenbar per Textnachrichten Antworten eingeholt hatte. Laut den begleitenden Aussagen sollen die Rückmeldungen ergeben haben, dass es keinen Schimmel gebe, aber funktionierende Klimaanlagen, sauberes Wasser sowie zwei Proteinoptionen für Mahlzeiten. Unklar blieb dabei, an wen genau diese Nachrichten gerichtet waren, doch der Kern bleibt: Die Familien wollten nicht nur Beruhigung, sondern überprüfbare Informationen, die sich in einen Kalender für den Alltag übersetzen lassen.

In der politischen und operativen Einordnung prallten schließlich zwei Realitäten aufeinander. Einerseits betonten die Verantwortlichen die Professionalität und Belastbarkeit der Besatzung. Vice Adm. Joseph Cahill formulierte dies gegenüber den Teilnehmenden in der Präsenzveranstaltung deutlich: „I cannot even tell you how proud we are of them. They have executed with a level of precision and professionalism that just goes to the quality of our people that have chosen to put the cloth of our nation on our shoulder and answer this call, “ sagte er. Andererseits beschrieben Familien ein Gefühl der Dauerverzögerung bis hin zu existenziellen Sorgen; eine Mutter berichtete etwa, ihre Tochter fürchte, sie werde nie zurückkommen und auf dem Schiff sterben. Auch Fragen zur Mission selbst wurden laut: Eine Angehörige sagte, es sei ihr schwer zu fühlen, stolz zu sein, wenn sie den Eindruck hatte, die militärischen Aktivitäten würden „innocent civilians“ treffen, wobei ihre Aussage im Publikum auf Applaus stieß. Unabhängig davon, wie die Einzelpositionen bewertet werden, zeigt der Ablauf vor allem, wie stark die emotionale und soziale Dimension eines langen Einsatzes in jede „Operation“ hineinwirkt.

Für die technische und organisatorische Perspektive auf die Navy lassen sich aus dem Treffen vor allem drei Konsequenzen ableiten. Erstens macht die Logistikabhängigkeit von Häfen und Routen deutlich, wie schnell sich Nachschubketten unter aktiven Kämpfen verschieben können, selbst wenn das Ziel weiterhin „Unterstützung“ heißt. Zweitens wird sichtbar, dass Human-Factors-Konzepte wie die Councils nicht nur psychologisch gedacht sind, sondern auch als Governance-Mechanismus in den Arbeitsalltag integriert werden müssen, damit Erschöpfung nicht „stumm“ bleibt. Drittens ist der Kommunikationskanal zwischen Besatzung, Führung und Angehörigen ein eigenes System mit Latenzen: Wenn Postzustellung, Zeitfenster und Rückkehrdaten unklar bleiben, entsteht eine Art Informations-Engpass, der den gesamten Familien- und Fürsorgebetrieb zu Hause verlängert. Für den konkreten nächsten Schritt bleibt laut den Aussagen der Führungskräfte der operative Entlastungsplan der USS Lincoln zwar vorbereitet, aber zeitlich nicht präzise terminiert; bis dahin bleibt für viele Betroffene vor allem eines: die Arbeit der Fürsorgezentren, die Bitte an die Angehörigen, Ombudsmen einzuschalten, und die Erwartung, dass sich aus dem angekündigten „time frame“ irgendwann ein belastbarer Kalenderpunkt ergibt.


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