BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Berliner DeepTech-Startup circular.fashion verknüpft Modemarken, Sortierer und Recycler über eine B2B-Software. Im Zentrum steht die circularity.ID: ein scanbarer QR-Code, der Material- und Konstruktionsdaten für die Rückführung speichert. Mit Design-Standards und Echtzeit-Feedback will das Unternehmen faser-zu-faser-Recycling messbar erleichtern. Gleichzeitig rückt die EU-Regulierung gegen die Vernichtung unverkaufter Kleidung ab 19. Juli 2026 näher, was das Thema Rückverfolgbarkeit auf die Agenda bringt.

Der QR-Code auf einem Kleidungsstück wirkt im Alltag schnell wie ein zusätzlicher Claim auf dem Etikett. Bei circular.fashion ist er dagegen der Startpunkt eines digitalen Prozesses, der bei Entwurf und Materialauswahl beginnt und erst am Ende der Nutzungsphase vollständig ausgenutzt werden soll. Das 2017 in Berlin gegründete Startup ordnet sich in Fashion Tech, CleanTech und die Circular Economy ein – und macht aus einem einzelnen Scan eine Art Betriebsdatensatz: Modemarken, die die Plattform nutzen, erhalten einen digitalen Produktpass, Sortier- und Recyclingakteure dagegen eine eindeutige Identifikation der enthaltenen Fasern und der Produktkonstruktion.
Technisch betrachtet liefert die Plattform nicht nur Metadaten, sondern zwei Werkzeuge, die sich im Betrieb gegenseitig verstärken. Zum einen gibt es eine Circular-Design-Software (CDS): Eine Materialdatenbank enthält geprüfte Stoffe und Zutaten, die für faser-zu-faser-Recycling geeignet sein sollen. Zum anderen kommt ein Produktkonfigurator hinzu, der Designern in Echtzeit Rückmeldungen zur Recyclingfähigkeit gibt. Damit verschiebt sich die kritische Entscheidung, ob ein Kleidungsstück am Ende sortenrein rückgewinnbar ist, von der späten Entsorgungslogik hin an den Entwurfsarbeitsplatz – dort, wo Qualitätsgrenzen im Textilkreislauf eigentlich entstehen.
Entscheidend ist dann die circularity.ID. Jedes über die Plattform gestaltete Produkt bekommt einen scanbaren QR-Code, über den Verbraucherinnen und Verbraucher sowie der Entsorgungs- und Recyclingkontext auf unterschiedliche Informationen zugreifen können. Für Konsumenten geht es um Transparenz: Herkunft und ökologischer Fußabdruck werden nachvollziehbar, und der QR-Code soll anzeigen, wo das Kleidungsstück zurückgegeben werden kann und wie die anschließende Verwertung geplant ist. Für Altkleidersortierer ist die Logik praktischer – denn hochwertiges Recycling scheitert in vielen Fällen daran, dass Etiketten fehlen, unleserlich oder ausgewaschen sind und damit nicht eindeutig klar wird, aus welchen Materialien ein Produkt besteht. Indem die Plattform diese Informationen als strukturierten Produktpass in den Rückführungsprozess bringt, adressiert sie eine der typischen Ursachen für Qualitätsverluste in der Sammlung.
Auch die wirtschaftliche Einbettung ist klar auf B2B ausgelegt: Modemarken zahlen für den Zugang zur Software, für Workshops und für Zertifizierungen. Gespeist wird das System über ein Netzwerk aus Materiallieferanten, Sortierern sowie Recyclingunternehmen, das nach Angaben des Startups als durchgängiges Ökosystem funktionieren soll. Genau hier setzt die Reverse-Supply-Chain-Intelligence an: Die Plattform soll Rückführungskanäle so vernetzen, dass ausgemusterte Kleidung nicht in Sackgassen wie Deponie, Verbrennung oder dem Export in Entwicklungsländer landet, sondern als Rohstoff für neue Fasern wieder auftaucht. Dass in der Branche noch immer ein kleiner Teil der Kleidung wirklich hochwertig recycelt wird, wird in der Darstellung des Startups mit Zahlen aus dem EU-Kontext untermauert; das Argument zielt darauf, die Lücke zwischen Bedarf nach Kreislauffähigkeit und realer Recyclinginfrastruktur zu schließen.
Berlin ist dabei nicht nur geografischer Rahmen, sondern auch Talent- und Netzwerkstory: Hinter dem Unternehmen steht Ina Budde, ursprünglich Modedesignerin, die laut Unternehmensdarstellung während des Studiums erkannte, dass nachhaltige Einzelprodukte ohne Systemänderungen zu kurz greifen. Gemeinsam mit Mario Malzacher – Wirtschaftsinformatiker mit Erfahrung in Logistik und Prozessmanagement – baute sie zunächst ein Netzwerk mit Materialherstellern und Textilrecyclern auf und brachte das Thema über Lehre an internationalen Hochschulen in die Fachdebatte. 2019 folgte ein wichtiger Vertrauensanker durch den Global Change Award der H&M Foundation; das Preisgeld von 200.000 Euro soll das Team genutzt haben, um Branchenexpertise einzukaufen und die Technologie weiterzuentwickeln.
Der Markt kontert bereits in einzelne Teilbereiche: Reverse Resources kartiert und handelt mit Textilabfällen, CircularFabrics setzt auf Technologien für das Recycling von Nylon aus gemischten Textilabfällen, und Refiberd nutzt KI, um die Faserzusammensetzung in Kleidungsstücken zu identifizieren. Der Anspruch von circular.fashion wirkt dagegen wie eine Koordinationsleistung über die gesamte Kette hinweg: Designstandards, Zertifizierung, digitaler Produktpass und die Verknüpfung zu Rückführungs- und Recyclingwegen sollen aus einem Puzzleteil ein System machen. Genau diese Breite wird in der aktuellen Politikentwicklung besonders relevant: Die EU hat laut Darstellung des Startups neue Regeln gegen die Vernichtung unverkaufter Kleidung und Schuhe beschlossen, mit Pflichten ab dem 19. Juli 2026. Für Unternehmen heißt das praktisch, dass Rückverfolgbarkeit, planbare Rückführung und dokumentierte Kreislaufmodelle stärker in den operativen Alltag rutschen – und nicht erst am Ende der Saison diskutiert werden.
Ob circular.fashion damit tatsächlich zum Branchenstandard wird, hängt letztlich an zwei Punkten: erstens daran, ob der digitale Produktpass in genug Werkstätten, Sortierstationen und Recyclinglinien sauber genutzt wird, und zweitens daran, ob die Datenqualität über Produktlebenszyklen hinweg stabil bleibt. Neben den bestehenden Pilotprojekten mit Modelabels aus Berlin und Hamburg arbeitet das Startup an Initiativen wie „Closing the Footwear Loop“ mit Fashion for Good, um Kriterien für zirkuläres Schuhdesign zu strukturieren. Parallel soll die circularity.ID skaliert und ID-basierte Sortierstationen in Recyclinganlagen ausgerollt werden. Gelingt dieser Transfer, könnte das QR-basierte Datenmodell genau die Lücke schließen, an der Kreislaufwirtschaft im Textil bislang oft scheitert: nicht an der Idee, sondern an der technischen Durchgängigkeit vom Entwurf bis zur Faser-Rückgewinnung.
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