LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung will das Agrarrecht deutlich vereinfachen und die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) anpassen. Öko-Betriebe bis 30 Hektar sollen weniger Bürokratie schultern, unter anderem durch automatischere Einstufungen bei GLÖZ-Standards. Parallel sind zusätzliche Mittel für die erste Säule der Agrarförderung geplant, mit einer möglichen Gesamtsteigerung von bis zu 737 Millionen Euro. Rückwirkend soll die Reform zum 1. Januar 2026 starten, während die EU-Entwaldungsverordnung zugleich neue Pflichten bringt.

Die Reform zielt auf einen doppelten Effekt: weniger Verwaltungsaufwand in der Fläche und mehr Planungssicherheit bei den Fördermitteln. Der konkrete Hebel ist die Anpassung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die seit Anfang August als Gesetzentwurf dem Bundestag vorliegt. Besonders adressiert werden Öko-Betriebe und Höfe mit bis zu 30 Hektar, weil hier häufig wiederkehrende Nachweis- und Kontrollprozesse den größten Anteil der Betriebskosten im Verwaltungsbereich ausmachen. Nach den Angaben des Referentenentwurfs sollen die Änderungen rückwirkend zum 1. Januar 2026 in Kraft treten, was die Umstellung für laufende Förder- und Bewirtschaftungszeiträume zeitlich eng mit der Praxis verzahnt.
Technisch betrachtet ändert sich die Logik der Kontrolle von „prüfen durch regelmäßige Belege“ hin zu „anerkennen aufgrund nachgewiesener Konformität“. Für zertifizierte Öko-Betriebe sollen künftig automatische Einstufungen als konform mit den GLÖZ-Standards 1 sowie 3 bis 7 gelten. Diese GLÖZ-Vorgaben, also Regeln zum guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand der Flächen, bilden in der Förderlogik einen zentralen Prüfanker. Wenn die Verwaltung solche Betriebe ohne zusätzliche Detailprüfungen als erfüllt führt, sinkt der Aufwand nicht nur auf Betriebsseite, sondern auch bei der Landesverwaltung, weil weniger Einzelakte bearbeitet und weniger Vor-Ort-Termine koordiniert werden müssen.
Eine zweite Entlastungsachse betrifft die direkte Kontrolle auf dem Hof. Für Höfe mit maximal 30 Hektar plant die Regierung, auf Vor-Ort-Kontrollen zur Einhaltung des GLÖZ-Standards 7 zu verzichten. Genau dieser Verzicht ist strategisch wichtig, weil Vor-Ort-Termine in der Fläche oft den Betrieb unmittelbar treffen, beispielsweise durch Zeitfenster für Begleitung, Dokumentation und die Bereitstellung von Unterlagen. Auch hier gilt aber: In Krisenfällen sollen regionale Ausnahmen möglich bleiben. Damit bleibt eine Zuständigkeit der regionalen Ebene erhalten, falls Witterung, Schädlingsdruck oder andere Ereignisse die Risikolage verändern und die Standardannahmen nicht mehr als ausreichend gelten.
Finanziell sollen Parallelmaßnahmen die Reform „unterfüttern“. Einem Referentenentwurf vom 6. August zufolge fließen 2027 rund 200 Millionen Euro zusätzlich in die erste Säule der Agrarförderung, insgesamt könnten die Mittel um bis zu 737 Millionen Euro steigen. Die Größenordnung wirkt vor allem deshalb relevant, weil sie die Basisprämie indirekt beeinflusst: Experten rechnen damit, dass die Basisprämie um 8 bis 10 Euro pro Hektar auf etwa 160 Euro steigt. Rund 180 Millionen Euro sollen in die Basisprämie, die Förderung der ersten Hektare, gekoppelte Zahlungen sowie Öko-Regelungen fließen. Zugleich wird das Paket nicht nur erweitert, sondern teilweise neu austariert: Bei den Öko-Regelungen gibt es ein Plus von 20 Millionen Euro, allerdings streicht die Regierung zwei spezifische Öko-Regelungen zur Weidetierhaltung und zu Biotopverbänden; Restmittel will der Bund für die nächste Förderperiode ab 2028 zurückhalten.
Damit steht die Branche in einem Spannungsfeld aus Vereinfachung und gleichzeitig wachsender Komplexität an anderer Stelle. Während das Agrarrecht bürokratisch gestrafft werden soll, kommen für viele Unternehmen durch die neue EU-Entwaldungsverordnung zusätzliche Sorgfaltspflichten hinzu, und zwar mit Blick auf die Lieferketten. In diesem Kontext wird deutlich, dass „weniger Kontrollen“ nicht automatisch „weniger Aufwand“ bedeutet, sondern Aufwand in andere Bereiche verlagert: von standardisierten GLÖZ-Nachweisen hin zu Risikoanalysen, Dokumentationspflichten und Nachvollziehbarkeit entlang der Rohstoffwege. Der politische Fokus auf Vereinfachung in der GAP kann damit gleichzeitig neue Investitionen in Prozesse und Datenmanagement auslösen, die den gesetzlichen Anforderungen der EUDR genügen.
Auch steuerlich werden Entlastungen und Anpassungen diskutiert. Ein Referentenentwurf sieht für 2027 Entlastungen von rund 2,9 Milliarden Euro vor; bis 2028 sollen es knapp 7 Milliarden Euro sein. Dabei steigen der Grundfreibetrag demnach auf 12.900 Euro und das Kindergeld auf 272 Euro. Kritische Stimmen warnen allerdings, dass die Streichung bestimmter Freibeträge für Betriebsinhaber und die sinkende Absetzbarkeit von Handwerkerleistungen die Vorteile für Unternehmer teilweise abschwächen können. Für Bayern wird außerdem eine regionale Reaktion sichtbar: Das Finanzministerium ermöglicht steuerliche Stundungen und Anpassungen bei den Einkommensteuer-Vorauszahlungen, unter anderem mit Blick auf Dürre und wirtschaftlichen Druck in der Schweinehaltung; Agrarverbände fordern darüber hinaus strukturelle Verbesserungen auf Bundesebene, um die Liquidität der Höfe langfristig zu sichern.
Gerade bei der EU-Entwaldungsverordnung zeichnet sich daneben eine weitere Entwicklung ab: Auch dort werden Vereinfachungen geplant, ohne den rechtlichen Rahmen zu lockern. Das Bundesforstministerium soll vorsehen, dass Klein- und Kleinstunternehmen künftig nur ihre Adresse statt präziser Geodaten angeben müssen; außerdem sollen forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse Sammelerklärungen abgeben können. Der Spielraum bleibt dennoch eng, weil bei Verstößen Bußgelder bis 100.000 Euro oder Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren drohen. Für Unternehmen bedeutet das praktisch: Selbst wenn einzelne Datenelemente entfallen, bleibt die Verantwortung für die Sorgfaltsprozesse bestehen. In Summe müssen Betriebe und Verarbeiter die kommenden Regeln also parallel abarbeiten – und zwar so, dass die GAP-Vereinfachungen im Alltag ankommen, während die EUDR-Pflichten in der Lieferkette sauber umgesetzt werden.
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