LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland erwägen rund 61% bis 63% der Chemie-Doktoranden, ihre Dissertation vorzeitig abzubrechen. Eine Umfrage des Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und seines Jungchemikerforums (JCF) nennt psychische Probleme als häufigsten Auslöser. Unzureichende Betreuung, Konflikte mit Betreuern und Berichte über Machtmissbrauch verschärfen die Lage. Zusätzlich arbeiten viele Promovierende deutlich über 40 Stunden pro Woche, was den Druck auf die Work-Life-Balance erhöht.

Die Zahlen wirken auf den ersten Blick wie ein Einzelfall aus dem Unibetrieb, doch die Studie des Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und seines Jungchemikerforums (JCF) zeichnet ein breiteres Bild: Zwischen 61% und 63% der Chemie-Doktorierenden in Deutschland ziehen einen vorzeitigen Abbruch der Promotion in Erwägung. Grundlage ist eine Befragung von 722 Teilnehmenden, durchgeführt von Dezember 2023 bis März 2024. Damit rückt nicht nur die Frage nach Forschungsresultaten in den Vordergrund, sondern auch nach den Bedingungen, unter denen wissenschaftliche Nachwuchskräfte ihre Arbeit täglich erleben.
Besonders deutlich werden die Ursachen dort, wo mentale Belastung auf strukturelle Rahmenbedingungen trifft. 64% der Befragten nennen psychische Probleme als entscheidenden Grund für Abbruchgedanken. Die Studie stellt dabei einen engen Zusammenhang zwischen der psychischen Belastung und den Rahmenbedingungen an den Lehrstühlen her – ein Hinweis darauf, dass Betreuung, Kommunikation und Zielklarheit nicht als „Soft Factors“ abgetan werden sollten. Auch inhaltliche Hürden spielen eine Rolle: 41% geben gescheiterte Experimente als Motiv an, das die Bereitschaft zum Abbruch erhöht.
Der Ton der Kritik wird konkreter, sobald es um die akademische Begleitung geht. Rund 44% der Teilnehmenden führen eine unzureichende Betreuung als Grund an. Gleichzeitig berichten 41% von konkreten Konflikten mit ihren Betreuern. Neben diesen zwischenmenschlichen Spannungen nennt die Erhebung außerdem einen besonders sensiblen Punkt: 31% der Befragten berichten von Machtmissbrauch im universitären Umfeld. Gerade diese Kombination aus Betreuungsdefiziten, Konflikten und der Wahrnehmung von Machtgefällen legt nahe, dass es nicht allein um Zeitdruck oder einzelne schlechte Projekte geht, sondern um ein wiederkehrendes Muster im Alltag der Promotion.
Damit verschiebt sich die Diskussion auf die Arbeitsrealität während der Promotion. Laut Analyse arbeiten etwa 80% der Doktoranden mehr als 40 Stunden pro Woche. Viele Promovierende sind demnach auf Basis befristeter Verträge nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) angestellt, wobei die vereinbarte Arbeitszeit häufig deutlich unter dem tatsächlichen Pensum liegt. Das erzeugt einen Erwartungs- und Durchsetzungskonflikt: Wer formal „unter 40 Stunden“ arbeitet, aber faktisch dauerhaft darüber liegt, erlebt Zeit zunehmend als knappes Gut – und nicht als planbares Ressourcenbündel. In der Praxis wirkt das dann oft wie ein Verstärker für andere Belastungsquellen, etwa wenn Betreuungstermine, Feedback-Zyklen oder Laborausfälle nicht ausreichend abgefedert werden.
Der Stresspegel zeigt sich auch in der Work-Life-Balance. Die Erhebung beschreibt Überstunden und einen hohen Stressgrad als Auslöser für eine mangelhafte Balance zwischen Beruf und Privatleben. Hinzu kommt die Unsicherheit nach dem Abschluss: Unsichere Karriereperspektiven werden als belastend empfunden und erhöhen spürbar den Druck, bereits während der Promotion „richtig“ zu entscheiden. Wer dauerhaft im Hamsterrad zwischen hoher Anforderung und dem Wunsch nach eigener Zeit steckt, riskiert, dass sich kurzfristige Anspannung in chronische Belastung umwandelt – nicht nur psychisch, sondern auch in Form sinkender Motivation und zunehmender Abbruchbereitschaft.
Für den Industriestandort ist diese Gemengelage mehr als ein HR-Thema. Wenn Promovierende aus der Chemie „herausfallen“, leidet langfristig die Talent-Pipeline – sowohl für die Chemie- als auch für die Pharmaindustrie. In der Studie wird darauf hingewiesen, dass Universitäten zunehmend Kandidaten verlieren. Unternehmen reagieren in solchen Phasen häufig mit verstärkter Rekrutierung, um qualifizierte Nachwuchskräfte früh zu sichern; die Logik ist dabei simpel: Wenn interne Ausbildungssysteme instabil werden, muss externe Absicherung stärker greifen. Das kann kurzfristig helfen, erhöht aber gleichzeitig den Wettbewerb um einzelne Profile – und es kann zugleich die Frage aufwerfen, ob die Lehre die eigenen Zielgruppen weiterhin erreicht.
Für Gegenmaßnahmen nennt die Fachseite mehrere Reformbausteine, die direkt an den identifizierten Ursachen ansetzen: Dazu gehören verpflichtende Trainings für Betreuer, regelmäßige Feedback-Treffen sowie ein Zweitbetreuer-System, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Außerdem fordert die Erhebung klarere Betreuungsvereinbarungen und standardisierte Arbeitszeiten. Ergänzend soll es eine grundlegende Reform der Stipendienmodelle und Arbeitsverträge geben, damit formale Regeln und reale Arbeitsbelastung besser zusammenpassen. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Maßnahme als die Systemwirkung: Wenn Betreuung, Arbeitszeit und Karriereplanung verlässlicher werden, sinkt typischerweise auch das Risiko, dass Konflikte eskalieren oder psychische Belastung zur Dauerlast wird.
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