LONDON (IT BOLTWISE) – Ed Zitron, CEO von EZ Primary Research, stellt die Nachhaltigkeit der milliardenschweren KI-Ausgaben von Microsoft und Amazon infrage. Er argumentiert, dass die steigenden Kapitalausgaben weniger einen breiten, tragfähigen Markt schaffen, sondern vor allem die Infrastruktur von OpenAI und Anthropic stützen. Damit verlagert sich die Debatte von technologischer Euphorie hin zu Rentabilität, Skalierbarkeit und Bewertungslogik. Für Investoren wird die nächste Due-Diligence-Runde damit weniger über Schlagzeilen und mehr über belastbare Ertragsmodelle laufen.

Die Diskussion um Künstliche Intelligenz kippt selten von heute auf morgen – meist schiebt sich irgendwann die Frage nach dem Geschäftsmodell in den Vordergrund. Genau diesen Mechanismus beschreibt Ed Zitron, CEO von EZ Primary Research, mit Blick auf die KI-Investitionspläne von Microsoft und Amazon. In einer Phase, in der die Technologieriesen ihre Ergebnisse präsentieren und zugleich aggressiv in KI vorstoßen, kommt Skepsis aus einer ungewohnten Richtung. Zitron stellt dabei weniger die Leistungsfähigkeit der Modelle als die Finanzierungsidee in Frage: Seiner Argumentation zufolge werden im KI-Bereich vor allem Strukturen aufgebaut, die zwar technisch funktionieren, aber wirtschaftlich noch nicht die nötige Nachhaltigkeit zeigen.
Technisch betrachtet treffen bei solchen Ausbauwellen mehrere Kostenblöcke aufeinander: Rechenleistung für Training und Inferenz, Netzwerk- und Speicherressourcen, außerdem der Engineering-Aufwand rund um Datenpipeline, Deployment und Monitoring. Gerade deshalb kann der Eindruck entstehen, dass Kapitalausgaben automatisch zu einem wachsenden, profitablen Ökosystem führen. Zitron widerspricht dieser Annahme, indem er die Wirkung der Kapitalausgaben anders interpretiert. Laut seiner Einschätzung erzeugen die Investitionen nicht in erster Linie einen vielfältigen und langfristig tragfähigen Markt, sondern konzentrieren die monetären Vorteile stark auf die Infrastruktur zweier KI-Lieferanten, nämlich OpenAI und Anthropic. Im Kern läuft das auf eine Diskussion über Wertschöpfung hinaus: Wer monetarisiert die Nachfrage, wer trägt die Kosten, und wer entscheidet über die Margenstruktur?
Für Investoren ist das ein heikler Punkt, weil die Börsenlogik bei KI oft von der Verbindung zweier Größen lebt: Wachstumsgeschwindigkeit und Erwartungsdiskont. Wenn Unternehmen kurzfristig große Summen in KI ausgeben, kann das in den Quartalszahlen wie ein Beschleuniger wirken – etwa über Umsatzwachstum aus KI-nahem Produkt- oder Cloud-Geschäft. Gleichzeitig steigt aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Teil des Investitionsvolumens nicht in belastbare Rentabilität übersetzt. Zitron formuliert genau diese Sorge: Bleibt das eingesetzte Kapital hinter den Erwartungen zurück, drohen Enttäuschungen bei Aktionären. Entscheidend ist dann nicht nur, ob die Nachfrage nach KI-Angeboten wächst, sondern ob sie zu Preisgestaltung, Wiederholkäufen und nachhaltigen Kostenstrukturen führt – also zu einem Modell, das auch bei abgeschwächter Euphorie trägt.
Die Implikation reicht dabei über einzelne Unternehmen hinaus. Denn wenn Microsoft und Amazon weiterhin umfangreich in KI investieren, prägen sie indirekt auch den Wettbewerb: Sie setzen Maßstäbe für Skalierung, stellen Kapazitäten bereit und treiben damit sowohl Anbieter als auch Kunden in ein Tempo, das wirtschaftlich nicht jede Alternative synchronisiert. Aus Sicht der Marktmechanik entsteht so die Gefahr, dass sich der Wettbewerb stärker um Ressourcenverfügbarkeit als um tragfähige Ertragshebel dreht. Zitrons Kritik zielt damit auf eine mögliche Marktverzerrung: nicht als technisches Problem, sondern als Kapitalallokationsproblem. Investoren müssen abwägen, ob die hohe Ausgabenrate am Ende den Aktionärswert erhöht oder ob sie vor allem einen kurzfristigen Schub für Unternehmen liefert, die – nach Zitron – nicht ausreichend profitabel oder nicht langfristig tragfähig sind.
In einem Sektor, in dem die Einsatzhöhe hoch und die potenzielle Belohnung groß ist, wird die Bewertungsarbeit anspruchsvoll. Nicht jede KI-Investition ist automatisch „schlecht“, aber nicht jede Ausgabensteigerung ist automatisch „wertschaffend“. Die entscheidende Frage lautet: Welche Teile der Wertschöpfung bleiben dauerhaft bei den Investierenden, und welche wandern in Richtung derjenigen, die die grundlegenden KI-Fähigkeiten und die zentrale Infrastruktur bereitstellen? Die Auseinandersetzung um OpenAI und Anthropic bringt diese Verteilungsfrage besonders sichtbar auf den Tisch. Während der Ausbau von Modell- und Infrastrukturkompetenz kurzfristig Wettbewerbsvorteile schaffen kann, entscheiden mittelfristig Abrechenbarkeit, Kundenbindung und Kostenkurven darüber, ob sich aus Investitionen echte, nachhaltige Unternehmensgewinne entwickeln.
Damit bekommt die klassische Due Diligence im KI-Bereich eine neue Gewichtung. Zitrons warnender Ton lässt sich als Aufforderung lesen, Investitionen nicht nur als strategische Vision zu betrachten, sondern sie an messbare Kriterien zu koppeln: Beitrag zur Rentabilität, Effizienzgewinne bei Training und Inferenz, klare Kundenwertversprechen und belastbare Nachfrageannahmen. Wer in KI investiert, sollte daher noch genauer prüfen, wie sich die Kapitalausgaben in wiederkehrende Umsätze oder in Kostenreduktionen verwandeln – und ob das Geschäftsmodell auch unter weniger günstigen Marktbedingungen funktioniert. In der Konsequenz könnte die Debatte den Blick schärfen: weg von Reizwörtern wie „KI-Rennen“ hin zu einer nüchternen Unterscheidung zwischen echten Wachstumschancen und kurzfristigen Trends.
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