LONDON (IT BOLTWISE) – Der BIP-110-Zwangsbetrieb hat bei Bitcoin die nächsten Protokollgrenzen erreicht und löst damit faktisch einen Chain Split aus. In den ersten Stunden bauen Miner überwiegend auf der bestehenden Hauptkette weiter, während die „enforcing“-Variante kaum vorankommt. Für Nutzer bleibt vor allem das Replay-Risiko relevant, weil Transaktionen trotz der Spaltung unter Umständen auf beiden Seiten gültig sind. Gleichzeitig bleibt unklar, ob es zu einer klar terminierten Aktivierung kommt oder ob der Vorschlag als Fallback weitergereicht wird.

Mit dem Wechsel von „Signaling“ in den Zwangsbetrieb wird BIP-110 bei Bitcoin nicht mehr nur diskutiert, sondern technisch durchgesetzt: Knoten, die die Vorgaben des Vorschlags während des definierten Fensters erfüllen müssen, lehnen Blöcke ab, die in diesem Zeitraum ein bestimmtes Versionsbit nicht setzen. Laut den verfügbaren Monitoringdaten begann diese enforcing Phase nach Erreichen von Block 961.632 am 8. August; ab dann wurden auf der enforcing-Seite Blöcke ohne gesetztes Bit 4 verworfen. Die Konsequenz ist weniger eine plötzliche, dramatische Block-Reorganisation als vielmehr eine langsame, aber messbare Trennung zweier gültiger Zustandsräume, die sich in den nächsten Checkpoints unterschiedliche Proof-of-Work-Arbeitspfade aufbauen.
Unmittelbar nach dem Start zeichneten die Daten ein klares Bild: Während die dominante Hauptkette bereits bis auf Block 961.731 vorlief, kam die enforcing-Branch zunächst nur sehr zögerlich voran. In einem Snapshot am 9. August lag der enforcing-Zweig nach dem Verwerfen der „falschen“ Kandidaten bei Block 961.633 und hatte damit lediglich zwei Blöcke produziert, also faktisch „eingefroren“ im Vergleich zur parallelen, nicht-enforcing Sicht. Diese Lücke war zu diesem Zeitpunkt 98 Blöcke groß. Ebenfalls auffällig ist, dass in den ersten 100 Blöcken der neuen Difficulty-Periode auf der dominanten Kette kein BIP-110-Signaling auftauchte, was das Muster stützt, dass die Miner-Hashpower aktuell nicht in Richtung der enforcing-Variante gelenkt wird.
Technisch liegt die Ursache im Deploy-Mechanismus selbst: BIP-110 legt während des mandatory signaling window unterschiedliche Validitätsregeln an. Enforcing-Knoten müssen Blöcke innerhalb der Höhen 961.632 bis 963.647 ablehnen, wenn Bit 4 nicht gesetzt ist. Normale Bitcoin-Knoten kennen diese Zusatzbedingung nicht und folgen deshalb weiterhin Kandidaten, die das Bit nicht tragen. Genau diese Asymmetrie macht den Split praktisch: Sobald ein Teil des Netzes nach enforcing-Regeln prüft, sind Blöcke auf der einen Seite zwar „aus Sicht“ der anderen weiterhin fortsetzbar, werden aber auf der enforcing-Seite gar nicht als gültige Fortsetzung akzeptiert. Dass der Mining-Operator „Roughnecks“ (pseudonym, Mining über OCEANs DATUM-System) die ersten BIP-110-Blöcke 961.632 und 961.633 erzeugte, zeigt immerhin, dass das Regelwerk grundsätzlich erreichbar ist. Der anschließende Stillstand für etwa 15 Stunden im zuletzt beobachteten Zeitraum deutet jedoch darauf hin, dass die reale Hashrate auf dieser Seite zu niedrig ist.
Die beobachtete Verlangsamung ist weniger ein „technischer Fehler“ als eine klassische Folge der PoW-Mechanik: BIP-110 startet mit einem identischen Mining-Difficulty-Umfeld, aber die enforcing-Branch erhält nur einen kleinen Bruchteil der gesamten Hashpower. Ohne ausreichend Miner, die auf diese Validitätsvariante umschalten, muss der enforcing-Zweig folglich deutlich länger warten, bis die nächste „harte“ Lösung gefunden wird. Wichtig ist dabei die nüchterne Abgrenzung: Dass ein Zweig bisher keine ausreichende Geschwindigkeit erreicht, löscht ihn nicht automatisch aus der Welt. Mehr Hashpower könnte jederzeit umgeleitet werden, und dann könnte die enforcing-Branch wieder Anschluss gewinnen. Allerdings liefern die bislang produzierten Blöcke gerade keine Evidenz dafür, dass genügend Miner den Schritt vollziehen, um den aufgebauten Proof-of-Work-Vorsprung der Hauptkette aufzuholen.
Für die politische Bewertung des Vorschlags spielt zusätzlich die Prozentmarke des Lock-ins eine Rolle. BIP-110 erlaubt einen früheren Lock-in, sobald 1.109 von 2.016 Blöcken eines Difficulty-Intervals Unterstützung signalisieren – das entspricht 55%. Die Messdaten zum relevanten Ende des Zeitfensters zeigen jedoch nur 51 Signale, also lediglich 2,53% Unterstützung. In der Debatte hatte Michael Saylor bereits vor dem genannten Cutoff argumentiert, die niedrige Signaling-Rate spreche dafür, dass es keine breite Miner-Unterstützung gebe. Seine Formulierung („not miner consensus“) bezog sich dabei auf die Interpretation der Signale, nicht auf eine formale Governance-Entscheidung des Netzwerks. Auf der Gegenseite äußerten Adam Back und Saylor-Befürworter unterschiedliche Bedenken bzw. Gegenargumente: Back warnte vor einer Spaltung, wenn neue Konsensrestriktionen ohne breitere Übereinkunft erzwungen würden, während Unterstützer darauf setzen, dass die Regeln den unmonetären Datengebrauch in knappen Blockgrößen eindämmen sollen. So prallen zwei Leitbilder aufeinander: „Block Space“ als freies, durch individuelle Node-Policies geformtes Gut versus als knapper Ressourcenpool, der durch Protokollregeln enger gefasst wird.
Auch jenseits des reinen „Wer hat welchen Block“ entsteht durch den Split unmittelbare Nutzerrelevanz. Entscheidend ist das Replay-Risiko: Transaktionen, die vor der Fork signiert wurden, können unter Umständen auf beiden Ketten weiterhin gültig sein, weil BIP-110 die Nutzerkonten nicht automatisch in getrennte Prä-Fork-Balances separiert. Wie in der Vorgeschichte von Entwicklerhinweisen beschrieben wurde, könnten so signierte Transaktionen, die auf der Minderheitsseite (enforcing) versendet werden, beim Broadcast auf der dominanten Kette ebenfalls akzeptiert und damit teilweise „doppelt“ fortgeführt werden, sofern die gleiche Transaktion dort gültig bleibt. Das betrifft dabei nicht automatisch die komplette Kontrolle über ein gesamtes Wallet, sondern vor allem die konkreten Transaktionseingänge (Inputs), die in der Replay-fähigen Logik hängen. Praktisch heißt das: Wer Coins in einem aktuell noch sehr frühen Split-Setup bewegen will, sollte vor allem prüfen, ob die eigene Wallet oder der verwendete Dienst die Fork-Situation bereits semantisch sauber behandelt. Mit nur zwei Blöcken auf der enforcing-Seite ist allerdings bisher wenig darauf hindeutbar, dass sich bereits ein eigenständiges Ökosystem herausgebildet hat, das diese Minderheitskette als „handelsfähiges Asset“ in der Breite nutzt.
Unabhängig davon bleibt offen, ob BIP-110 in absehbarer Zeit als geplante Hardfork mit klarer Aktivierungsroutine „durchgezogen“ wird. In der Quelle wird eine weitere Entwicklung beschrieben: Chris Guida rebased experimentellen Code für eine Proof-of-Work-Änderung, der ursprünglich teilweise vom Bitcoin Knots Maintainer Luke Dashjr mitverfasst worden war. Laut Beschreibung umfasst das GitHub-Vergleichsbild 12 Commits auf 19 Dateien, darunter Code, der die Auswahl eines alternativen Proof-of-Work-Algorithmus betrifft. Allerdings liefert dieser Code keinen Hinweis auf eine feste, terminierte Netzwerkänderung. Guida wird mit der Einschätzung („just some code to have in our back pocket“) zitiert und betont, es gebe kein gesetztes Aktivierungsdatum. Damit steht diese Komponente eher als „Fallback“ im Raum als ein angekündigter Fork-Schalter. Für die nächsten Schritte sind ohnehin Blockhöhen maßgeblich: mandatory signaling läuft bis Block 963.647, LOCKED_IN spätestens bis 963.648, ACTIVE bis 965.664. Erst dann würden die reduzierten Regeln für Transaktionsstrukturen greifen, inklusive Beschränkungen für Output-Skripte, OP_RETURN-Outputs sowie Teile von Taproot über den rund einjährigen aktiven Zeitraum des Vorschlags hinweg. Für Beobachter ist deshalb nicht die nächste „Abstimmungs“-Szene entscheidend, sondern ob Miner die Hashpower-Last auf die enforcing-Branch verlagern. Solange das nicht passiert, bleibt der enforcing-Zweig im Hintertreffen – und die Herausforderung, aus dem Zustand der Minderheitskette in die dominierende Kette mit der höchsten kumulierten Proof-of-Work aufzusteigen, wird noch deutlich schwerer.
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