LONDON (IT BOLTWISE) – Der BIP-110-Upgrade-Mechanismus ist nach dem Start der verpflichtenden Signalisierungsphase gescheitert. Obwohl die Miner-Unterstützung nur 2,53% erreichte, lehnten die durch BIP-110 Regeln erzwingenden Knoten nicht signalisierende Blöcke sofort ab. Dadurch entstand zwar eine Minderheitskette, doch sie blieb direkt nach dem Fork hinter dem Mainnet zurück. Im frühen Verlauf fehlte damit vor allem eine nachhaltige Hashpower-Basis, um die abweichende Kette wirtschaftlich relevant zu machen.

Der Bitcoin-Block bei 961.632 markiert aktuell einen besonders ungleichen Fork-Verlauf: In der Theorie ist BIP-110 als Soft Fork gedacht, in der Praxis zeigte sich nach dem Beginn der verpflichtenden Signalisierungsphase am 7. August eine einseitige Abspaltung. Laut den im Text genannten Monitoring-Werten lag die Miner-Unterstützung zu diesem Zeitpunkt bei lediglich 2,53% und damit deutlich unter dem vorgegebenen Schwellenwert von 55%. Der entscheidende Punkt dabei ist weniger die Existenz eines zweiten Zweigs, sondern die Geschwindigkeit, mit der die enforcing Nodes nicht signalisierende Blöcke verworfen und damit früh den Wettbewerb um die „zentrale“ Kette faktisch entschieden haben.
Technisch wird das Problem über das Signaling-Design greifbar. Soft-Fork-Deployments nutzen üblicherweise Mechanismen, bei denen Miner über ein bestimmtes „Marker“-Signal in den Blockheadern anzeigen, dass sie die neue Regel unterstützen. Bei BIP-110 kommt eine Variante eines BIP9-ähnlichen Deployments zum Einsatz: Unterstützt die Mehrheit in einem freiwilligen Zeitraum die Änderung nicht genügend, wird eine „mandatory signaling phase“ aktiviert. In dieser Phase akzeptieren durch die Spezifikation erzwingende Knoten nur noch Blöcke, die das erforderliche Versionsbit (im Artikel explizit „versionbit 4“) tragen; Blöcke ohne Marker gelten unmittelbar als ungültig. Dadurch wird aus einer Upgrade-Diskussion ein Durchsetzungsmechanismus, bei dem Knotenaktivierung und Miner-Hashpower zwingend zusammenpassen müssen.
Die konkrete BIP-110-Änderung zielt auf die Begrenzung bestimmter Datenanteile im Konsens-Layer: Laut Beschreibung soll das Protokoll unter anderem die Länge der Output-Skripte begrenzen (z. B. „Limit most new output scripts to 34 bytes“), die Größe von OP_RETURN-Ausgaben reduzieren („OP_RETURN output limit: 83 bytes“) sowie Teile von Daten Push und Witness-Einträgen auf „256 bytes“ beschränken. Zusätzlich werden bestimmte Taproot-Funktionen zeitweise eingeschränkt, während UTXOs, die vor Aktivierung entstanden sind, ausgenommen bleiben. Diese Restriktionen sollen nach Angaben im Text ab Block 965.664 greifen und nach 52.416 Blöcken wieder aufgehoben werden. Genau hier entsteht ein Spannungsfeld: Die Regeländerung lässt sich zwar im Konsens durchsetzen, aber nur, wenn ausreichend Miner die erforderliche Signalisierung dauerhaft liefern.
Dass es nicht dazu kam, sieht man im Fork-Tempo. Der erste abweichende Block wird im Artikel als Block 961.632 beschrieben, der durch AntPool produziert wurde: Dieser Block signalisierte das BIP-110-Versionbit nicht, wurde aber vom Mainnet akzeptiert, während enforcing Nodes ihn gemäß BIP-110-Regeln direkt ablehnten. Bis 10:00 Uhr Taiwan-Zeit führte das zu einem Auseinanderlaufen, bei dem die Mainchain auf Block 961.659 kam, die BIP-110-Kette jedoch bei 961.633 festhing. Damit lag die Minderheitskette zu diesem Zeitpunkt 26 Blöcke hinter dem Mainnet zurück und konnte zwar sofort einen zweiten Block „nachlegen“, insgesamt aber nicht in die Spur des Mainnets finden. Solche Abstände wirken sich in der Praxis doppelt aus: Erstens erschwert die verzögerte Blockproduktion den Aufbau einer breiten Adoption, zweitens steigt mit jeder weiteren Mainnet-Blockreihe der „psychologische“ Druck auf Wallet- und Infrastrukturbetreiber.
Für Kritiker ist dieser Verlauf der erwartete Beleg, dass BIP-110 ohne genügend Hashpower nicht tragfähig ist. Adam Back, Co-Founder von Blockstream, wird im Text mit einer klaren Einschätzung zitiert: „This simply won’t work – it breaks multiple mechanisms, lacks both technical consensus and ecosystem consensus, and has all four fatal flaws. Everyone hates bloat, but this isn’t the way; you’ll hurt yourselves.“ Auch Jameson Lopp wird mit einer detaillierten Analyse eingeordnet, in der er BIP-110 als „reckless and doomed to fail“ beschreibt und dabei u. a. Risiken der Fragmentierung, mögliche unspendbare UTXO-Fälle (Taproot edge cases) sowie zusätzliche Kompatibilitätslast für Wallets, Miniscript-Tools und vorab signierte Transaktionen nennt. Michael Saylor wird im Artikel ebenfalls mit Kritik zitiert („Bitcoin does not need guardians of purity; it needs neutral guardians.“) und stellt den Kern seiner Argumentation darauf ab, dass Konsensregeln reale, belegte Bedrohungen adressieren sollten statt vermeintliche „Intentionen“ von Akteuren. Entscheidend ist: Auch wenn die Blockbegrenzung inhaltlich verständlich ist, entscheidet der Konsensmechanismus am Ende darüber, ob es einen gemeinsamen Fortschrittspfad gibt.
Marktseitig blieb die Reaktion im Text vergleichsweise ruhig: Nach der Ankündigung der Abspaltung schwankte der Bitcoin-Preis um rund 65.000 US-Dollar ohne signifikante Volatilität, im Kontrast zur flüssigen Transition bei Taproot im November 2021. Aus technischer Sicht zeigt der Fall zudem eine Kernfrage, die sich bei user-activated Soft Forks immer wieder stellt: Knoten können durchgesetzt definierte Regeln ablehnen, aber „erzwingen“ lässt sich eine neue Kette ohne Minerunterstützung nicht dauerhaft. Der Artikel skizziert deshalb auch ein pragmatisches Abhängigkeitsmodell für die Minderheitskette: Ihre Existenz hängt daran, ob Miner weiterhin nach BIP-110 Regeln signalisieren, und ihre wirtschaftliche Bedeutung daran, ob Exchanges, Wallets und Infrastruktur beide Zweige unterstützen. So lange diese zweite Ebene fehlt, bleibt die Minderheitskette eher ein technisch beobachteter Zustand als ein robustes, handelbares Netzwerk.
In den nächsten Schritten rücken damit weniger ideologische als operative Faktoren in den Fokus. Der Text nennt vor allem drei Beobachtungsfelder: Eine mögliche kurzlebige Stabilität, solange bestimmte Miner (genannt werden Ocean und Roughnecks) weiter minen, die zu erwartenden Difficulty-Anpassungen, die die Blockzeiten auf der Minderheitskette deutlich verlängern könnten, sowie das Risiko von Replay-Angriffen für Exchanges, die beide Ketten parallel unterstützen. Daneben steht als organisatorische Kontingenz eine Diskussion unter BIP-110-Unterstützern Anfang August sowie eine Aktualisierung von Proof-of-Work-bezogener Codebasis, wobei für eine Aktivierung noch kein Datum genannt wird. Unterm Strich bleibt der zentrale Befund aus dem Fork-Verlauf: Ohne Miner-Hashpower ist Konsensänderung gegen den physischen Mechanismus der „heaviest chain“ nicht dauerhaft durchsetzbar.
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