LONDON (IT BOLTWISE) – Die Hyperglobalisierung ist als Deflationsmotor am Ende: Unternehmen bauen Lieferketten künftig redundanter auf und zahlen dafür spürbar mehr. In neuen Quartalsberichten zeigt sich diese Kurskorrektur bereits in den Begriffen von Resilienz und Redundanz statt Lean und Just-in-Time. Der Wechsel von Just-in-Time zu Just-in-Case bindet Kapital im Lager, verschiebt Kosten in Richtung Betriebskapital und drückt die Rendite. Für die nächsten Jahre bedeutet das ein dauerhaft höheres Inflations- und Zinsniveau, das Staaten und Unternehmen gemeinsam stabilisieren müssen.

Das Ende der billigen Lieferketten: Warum Geopolitik Inflation festschreibt
Das Ende der billigen Lieferketten: Warum Geopolitik Inflation festschreibt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Logik billiger Lieferketten funktioniert nur so lange, wie Geografie als günstige Abkürzung zählt. Michael C. Jakob beschreibt die Hyperglobalisierung der vergangenen Jahrzehnte als deflationäres Projekt: Industrielle Wertschöpfung wanderte dorthin, wo Arbeit und Skaleneffekte vergleichsweise günstig waren, während im Westen Konsumgüterpreise relativ niedrig blieben. Das entspannte nicht nur die Preisentwicklung, sondern senkte auch die Hürden für niedrige Zinsen, weil der Handel als „automatischer Inflationsdämpfer“ wirken konnte. Wenn dieses System jedoch durch geopolitische Spannungen und nationale Sicherheitsprioritäten erodiert, kippt der Mechanismus: Effizienz weicht Absicherung, und Absicherung ist selten billig.

Genau an dieser Stelle wird die Sprachänderung in den Management-Statements mehr als Rhetorik. In den Quartalsberichten beschreibt Jakob eine Verschiebung von Lean Management, Just-in-Time-Produktion und Offshoring hin zu Redundanz, Resilienz und Friendshoring. Das Muster ist dabei technisch gut nachvollziehbar: Wer heute produziert, verlagert nicht mehr primär nach dem günstigsten Standort, sondern nach dem Risiko-Profil der Region. Jakob nennt als Beispiel, dass Unternehmen Fertigung von der Volksrepublik China nach Vietnam, Indien oder Mexiko umordnen – nicht, weil diese Wege automatisch effizienter wären, sondern weil die Lieferkette dadurch weniger anfällig für geopolitische Zugriffe wird. Das Ergebnis ist eine Kostenstruktur mit höherem Sockel: An Logistik- und Produktionskosten stehen laut Jakob 15 bis 30 Prozent mehr im Raum, während Unternehmen bewusst weniger Rendite akzeptieren, um systemische Lieferabrisse zu minimieren.

Technisch zeigt sich der Preis dieser Strategie im Übergang vom schlanken Betrieb zur gepufferten Versorgung. Just-in-Time setzt auf minimale Lagerbestände, schnelle Taktung und ständige Neulieferung; es ist eine Logistikarchitektur, die an stabile Routen und planbare Zoll- und Transportbedingungen gekoppelt ist. In Jakobs Darstellung wird dieser Ansatz durch Just-in-Case ersetzt: Doppelbeleferung, zusätzliche physische Pufferbestände und parallel laufende Lieferantenbeziehungen werden zum Normalfall. Damit steigt nicht nur der Aufwand in der Beschaffung, sondern auch die Kapitalbindung im Working Capital – und genau diese Kapitalbindung ist bilanztechnisch ein Renditekiller. Unternehmen müssen höhere Gesamtkosten über Preise oder Margenpolitik abfedern; gelingt das nicht, sinken Ergebnis und Investitionsspielraum. Für die kommenden Jahre entsteht dadurch ein Umfeld, in dem Unternehmen ihre Preissignale stärker am Kostendruck ausrichten, statt ihn über Kostenvorteile aus dem Ausland langfristig zu neutralisieren.

Jenseits der Produktions- und Logistikschicht verschiebt sich außerdem die Risikolandkarte in die Rohstoffbasis. Jakob spricht von Ressourcen-Nationalismus als Inflationstreiber, weil geopolitischer Egoismus nicht beim fertigen Produkt endet, sondern die Vorstufen erfasst. Wenn Staaten Exportkontingente festlegen oder Verstaatlichungen beziehungsweise strengere Kontrolle ankündigen, entsteht Knappheit – und Knappheit schlägt direkt auf Inputpreise durch. Das betrifft besonders jene Bereiche, die ohnehin im Zentrum der Modernisierung stehen: Energiewende und Digitalisierung brauchen Materialmengen, etwa für EV-Batterien, Windkraftanlagen und Halbleiter. Selbst wenn die Endnachfrage nicht sprunghaft steigt, können höhere Inputpreise und instabilere Lieferbedingungen die Kostenkurve strukturell nach oben ziehen und damit Inflation in die Realwirtschaft „zementieren“.

Auch auf der Nachfrageseite verändert sich die Mechanik: Subventionen und Industrieprogramme sollen den Umbau finanzieren und heimische Kapazitäten aufbauen. Jakob beschreibt eine Subventionsspirale, die zusammen mit Staatsverschuldung eine problematische Kombination bildet: Während das Angebot oft nur langsam hochgefahren wird, überhitzt die staatlich gestützte Nachfrage kurzfristig die Preise. Das ist weniger ein politisches Sektiererthema als eine klassische makroökonomische Reibung zwischen Timing von Investitionen und Timing von Nachfrageimpulsen. Wenn Regierungen für den Lieferkettenumbau über Schulden Kaufkraft in bestimmte Sektoren lenken, entsteht ein Umfeld, in dem persistente Inflation nicht nur möglich, sondern strukturell wahrscheinlicher wird. Am Ende steht dann nach Jakobs Logik die soziale Verstetigung über Finanzrepression – also über eine Konstellation aus negativen Realzinsen oder ähnlichen Mechanismen, die reale Lasten in Richtung der Sparer verlagern können.

Der Ausblick, den Jakob daraus ableitet, ist vor allem ein Regimewechsel: In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren erwartet er eine Welt mit strukturell höherer Inflation und einem höheren Zinsniveau. Die deflationären Kräfte der 2010er Jahre – billige Arbeitskräfte im Osten, billiges Kapital im Westen, reibungsloser Handel – seien damit nicht nur temporär, sondern systemisch „verpufft“. Zentralbanken stehen dabei in einem Dilemma: Wenn sie die Zinsen deutlich erhöhen, um geopolitisch verursachte Inflation zu drücken, riskieren sie eine Rezession in der Industrie; wenn sie es nicht tun, steigt die Inflationspersistent weiter. Für Kapitalallokation leitet Jakob daraus die Abkehr von der „TINA“-Logik ab, die lange Zeit Aktien als alternativlos betrachtete. In einer fragmentierten, stärker interventionistisch geprägten Ökonomie rücken nach seiner Einschätzung Immobilien, Rohstoffe, Infrastruktur und hartes Kapital stärker in den Fokus – weil Sicherheit im Zweifel nicht kostenlos ist, sondern sich in Preise, Renditeanforderungen und Risikoprämien übersetzt.


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