LONDON (IT BOLTWISE) – Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), kritisiert das Ausgabeverhalten von Verteidigungsminister Boris Pistorius. Er wirft ein, dass ein großer Teil der Mittel in veraltete Systeme wie Panzer und Fregatten statt in zukünftige Fähigkeiten fließt. Schularick fordert im Kanzleramt die Einsetzung eines zentralen Koordinators, der Industrie, Start-ups und Ressorts zusammenbringt. Außerdem plädiert er für den Aufbau von Produktionskapazitäten statt kleiner Stückzahlen bei einzelnen Waffensystemen.

IfW-Chef Schularick kritisiert Pistorius: zentrale Koordination für Rüstung
IfW-Chef Schularick kritisiert Pistorius: zentrale Koordination für Rüstung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Kritik von Moritz Schularick zielt weniger auf die Frage, ob Deutschland seine Verteidigung modernisieren soll, sondern darauf, wie die Modernisierung organisatorisch und industriell umgesetzt wird. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) beschreibt das aktuelle Vorgehen aus seiner Sicht als zu wenig zukunftsorientiert: Statt die Mittel – im Raum steht ein Volumen von 700 Milliarden Euro bis 2030 – konsequent in Waffensysteme der Zukunft zu lenken, sehe Verteidigungsminister Boris Pistorius demnach einen großen Anteil für Panzer, Fregatten und andere Technologien vor, die Schularick als veraltet einordnet. Für Unternehmen und Steuerzahler wäre das vor allem dann problematisch, wenn das Programm zwar teuer erscheint, aber die gewünschte Wirkung auf Fähigkeiten, Tempo und Skalierung im Ernstfall nicht erreicht.

In Schularicks Argumentation spielt die Finanzierung die zentrale Bühne, weil er das Milliardenprogramm als potenziellen Wachstumstreiber beschreibt, der bei falscher Allokation jedoch „weitgehend verpuffen“ könnte. Die Grundidee dahinter ist ökonomisch: Rüstungsausgaben können Nachfrage, Beschäftigung und Unternehmensinvestitionen anstoßen – aber nur, wenn sie in produktions- und innovationsfähige Strukturen übersetzen. Schularick verknüpft das mit einer sicherheitspolitischen Zielsetzung, die seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 in Deutschland viel stärker diskutiert wird: Wie lässt sich Verteidigungsfähigkeit aufbauen, ohne parallel eine Wachstumskrise weiter zu verschärfen?

Aus dieser Perspektive setzt er auf einen Umbau des Fähigkeitsmix: Deutschland habe zwar Kapital, industrielles Know-how und in Teilbereichen noch hochmoderne Technologien. Was nach seiner Darstellung fehle, seien hingegen nicht zuletzt Menschen, die „in Panzer steigen und an die Front fahren“ wollen. Daraus leitet er ab, dass der Schwerpunkt künftig stärker auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik liegen müsse. Solche Komponenten unterscheiden sich vom klassischen Beschaffungsmodell nicht nur technisch, sondern auch im Lebenszyklus: Software, Daten, Sensorik und darauf aufbauende Automatisierungssysteme lassen sich potenziell schneller iterieren, während schwere Plattformen häufig an lange Entwicklungs- und Fertigungszeiten gebunden sind.

Besonders deutlich wird Schularick bei der Frage, wer das in Gang setzen soll. Ein einzelnes, zudem „sehr langsames“ Ministerium sei mit der Neuorganisation überfordert, die er mit der Zeitenwende verbindet. Er stellt dabei nicht pauschal die Qualität der Mitarbeitenden infrage, sondern kritisiert die institutionelle Logik: Man arbeite demnach im Kern mit denselben Beamtenstrukturen weiter, die seit Jahrzehnten in Abteilungen und Referaten sitzen. Seine Lösung ist ein zentraler Koordinator im Kanzleramt, ausgestattet mit politischer Macht, der Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenbringt, Friktionen ausräumen und die Aktivitäten auf ein Ziel konzentrieren soll. Als mögliche Profile nennt er dabei unter anderem den früheren Telekom-Vorstandsvorsitzenden René Obermann sowie den Ex-Airbus-Chef Tom Enders.

Wenn der Beschaffungsprozess nicht nur schneller, sondern auch „produktionsfähig“ werden soll, reicht Schularick zufolge nicht die reine Budgeterhöhung. Er fordert, von Beginn an mitzudenken, wie die wirtschaftlichen Prozesse aussehen müssen, damit im Ernstfall die notwendigen Waffensysteme rasch und in ausreichender Menge nachproduziert werden können. Der Kontrast zu einem Bestellmodell in kleinen Stückzahlen ist dabei bewusst: Statt hochkomplexe, maßgefertigte Panzer in geringen Mengen oder etwa 200 Flugabwehrraketen zu ordern, gehe es um den Aufbau von Produktionskapazitäten. Seine Formulierung bringt das Ziel auf den Punkt: Man bestelle nicht allein das einzelne Gerät, sondern „die ganze Fabrik“, die im Fall der Fälle sehr schnell von 200 auf 2.000 Raketen pro Jahr hochfahren könne.

Der Knackpunkt ist laut Schularick die Frage nach der Wirtschaftlichkeit in Friedenszeiten. Eine Fabrik, die im Ernstfall hoch skalieren soll, rechnet sich für Unternehmen üblicherweise nicht automatisch, wenn die Auslastung in Ruhephasen fehlt. Deshalb müsse der Staat eine Prämie zahlen, um die Vorhaltung zu ermöglichen. Als Analogie nennt der IfW-Chef den Corona-Kontext in Europa: Damals wurden demnach Betriebe vorgehalten, die bei einer neuen Pandemie in großen Mengen Impfstoffe herstellen können. Für die Verteidigungsbeschaffung würde das bedeuten, dass politische Steuerung nicht erst beim Vertragsabschluss beginnt, sondern als Investitions- und Strukturpolitik verstanden wird – mit klaren Anreizen für Kapazitätsaufbau und Skalierungsfähigkeit.

Für den Markt und für Start-ups liegt die Implikation auf der Hand: Wenn Beschaffung nicht mehr nur als Abnahme einzelner Endprodukte funktioniert, sondern als Finanzierung von Produktionsnetzwerken, Qualifizierung und Lieferketten, verändern sich auch die Einstiegschancen. KI-, Robotik- und Drohnentechnologien profitieren häufig davon, dass sie in Wertschöpfungsketten eingebettet werden können, in denen Softwareupdates, Testzyklen und industrielle Fertigung parallel laufen. Gleichzeitig wächst der Koordinationsbedarf zwischen öffentlicher Hand, Industrie und neuen Anbietern – genau den Schritt sieht Schularick im Kanzleramt verankert, um Geschwindigkeit, Priorisierung und Prozessdisziplin zusammenzuführen. Ob sich dieses Modell politisch durchsetzen lässt, hängt dabei nicht nur von der personellen Entscheidung ab, sondern davon, ob sich Verfahren, Budgets und Qualitätskriterien so umbauen lassen, dass „Fabrik statt Stückzahl“ in der Praxis tatsächlich messbare Produktionsvorteile erzeugt.


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