LONDON (IT BOLTWISE) – Markowitz’ Portfoliotheorie zeigt: Diversifikation ist nur dann wirksam, wenn sich Risiken über Korrelationen hinweg reduzieren lassen. Meir Statman kam bereits 1987 zu dem Ergebnis, dass 30 bis 40 Titel das idiosynkratische Risiko weitgehend eliminieren. Für ETF-Anleger folgt daraus aber kein Freifahrtschein für endloses “Mehr ist besser”. Entscheidend wird vielmehr, ob zusätzliche ETFs wirklich neue Renditequellen mit anderer Risiko-Korrelation ins Portfolio bringen.

Effizienzgrenze bei ETFs: Ab wann weitere Titel kaum noch nützen
Effizienzgrenze bei ETFs: Ab wann weitere Titel kaum noch nützen (Foto: IT BOLTWISE)
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„Wie viele ETFs brauche ich, bis mein Portfolio wirklich diversifiziert ist?“ Genau diese Frage steckt hinter der Effizienzgrenze nach Markowitz. Die moderne Portfoliotheorie beginnt bei einer scheinbar simplen Annahme: Ein einzelnes Asset betrachtet man nicht isoliert, sondern bewertet seinen Beitrag zum Gesamtportfolio über Risiko, Rendite und vor allem über die Korrelation zu anderen Positionen. Daraus folgt die Effizienzgrenze als Kurve, auf der sich bei einem gegebenen Risiko die maximal erreichbare Rendite ablesen lässt. Dass Harry Markowitz dafür 1990 gemeinsam mit William Sharpe und Merton Miller den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, ist historisch gut belegt; wichtiger für die Praxis ist jedoch, dass das Konzept die eigentliche Ursache von Diversifikationswirkung sichtbar macht: Nicht die Anzahl der Titel senkt Risiko, sondern deren gemeinsame Bewegungsmuster.

Meir Statman lieferte 1987 in seinem vielzitierten Paper „How Many Stocks Make a Diversified Portfolio?“ eine frühe, empirische Antwort auf die Frage nach der „genug“-Grenze: In einem diversifizierten Portfolio ist das idiosynkratische Risiko – also das Risiko, das aus spezifischen Umständen einzelner Unternehmen entsteht – bei rund 30 bis 40 Aktien weitgehend eliminiert. Die heutige Fondsrealität nimmt diese Schwelle auf erstaunlich einfache Weise vorweg: Ein breit gestreuter Aktien-ETF enthält je nach Indexlogik oft Hunderte oder sogar Tausende Einzeltitel. Damit ist der von Statman beschriebene Effekt für den typischen Anleger in der Regel bereits durch das erste passende Produkt erreicht. Die Folge ist fast schon unbequem: Wer nur „mehr ETFs“ kauft, arbeitet möglicherweise an einem Problem vorbei, weil das idiosynkratische Risiko längst aus dem Portfolio herausdiversifiziert wurde.

Der eigentliche Engpass verschiebt sich damit von der Titelfrage zur Strukturfrage. Wenn ein einzelner breit gestreuter Aktien-ETF das Einzeltitelrisiko bereits weitgehend neutralisiert, bleibt als Hebel vor allem die Korrelation zwischen den Bausteinen. In Markowitz’ Sprache bedeutet das: Weitere ETFs verändern die Lage auf der Effizienzgrenze nur dann spürbar, wenn sie die erwarteten Rendite-Risiko-Kombinationen und die Abhängigkeiten im Portfolio tatsächlich neu formen. Genau hier liegt der Unterschied zwischen „mehr Positionen“ und „besserer Diversifikation“. Solange neue ETFs im Kern ähnliche Risikofaktoren bedienen – etwa denselben Wachstums- oder Marktdruck, dieselbe Währungs- und Zinsumgebung oder ähnliche Sektor- und Regionseinflüsse – verschiebt sich die Effizienzgrenze oft kaum. Dann gilt: gleiches Risiko, kein echter Renditegewinn (oder zumindest kein sauber messbarer), während Komplexität und Kosten zunehmen.

Aus dieser Logik ergibt sich eine praktische Faustform, die eher nach Portfoliodesign als nach Stückzahl klingt: Diversifikation heißt, unterschiedliche Assetklassen, Regionen und Risikofaktoren zu kombinieren. Dazu gehören beispielsweise unterschiedliche Konjunktur- und Inflationssensitivitäten oder auch andere Treiber als reines Aktien-Beta. Wenn ein zusätzlicher Baustein aber keine neuen, weniger korrelierten Renditequellen erschließt, bleibt das Portfolio zwar „größer“, aber nicht effizienter. Die Effizienzgrenze ist dabei kein abstraktes Lehrbuchbild, sondern eine reale Grenze des Portfoliodesigns: Sobald sich die Korrelationsstruktur durch weitere Positionen nicht mehr wesentlich verändert, wird der Diversifikationsnutzen fraglich. In der Praxis merkt man das häufig nicht an dramatischen Fehlschlüssen, sondern an einer schleichenden Erwartungslücke – das Risiko bleibt ähnlich, die Renditeverbesserung bleibt aus oder ist nur gering.

Welche Konsequenz hat das für ETF-Anleger konkret? Die Antwort führt weg von einem rein quantitativen Ansatz und hin zu einer inhaltlichen Prüfung: Welche Risikotreiber stecken in den jeweiligen ETFs, wie bewegen sie sich in unterschiedlichen Marktphasen, und wie stabil ist das Korrelationsergebnis über Zeit? Der Übergang ist dabei weniger akademisch als es klingt. Ein Portfolio aus wenigen, sorgfältig ausgewählten Positionen kann näher an der Effizienzgrenze liegen als eine „Sammlung“ aus vielen ähnlichen Produkten. Zusätzliche Bausteine erhöhen dann meist vor allem die Zahl der Kennzahlen, die Abstimmungs- und Rebalancing-Aufwände sowie die Kostenstruktur – und genau diese Reibungsverluste konkurrieren direkt mit dem potenziellen Diversifikationsgewinn. Gerade für Anleger, die nicht täglich Anlagevergleiche durchführen, ist das ein relevanter Punkt: Komplexität ist nicht nur mentaler Aufwand, sondern schlägt sich auch in der Umsetzung nieder.

Interessant ist außerdem, dass diese Diskussion die historische Entwicklung der Portfoliotheorie im Blick behält: Von der ursprünglichen Idee, Risiko und Rendite im Kontext zu betrachten, bis hin zur heutigen Index- und ETF-Logik hat sich vor allem die praktische Zugänglichkeit verändert. Während Statman 1987 noch über Aktienanzahl argumentieren musste, lösen ETFs die „Mindestbreite“ häufig bereits technisch ein. Übrig bleibt die Frage, die Markowitz’ Effizienzlogik am stärksten betont: Was ist die Wirkung auf die Korrelationen? Wenn Markus Maier in seinem Beitrag sinngemäß darauf hinweist, dass Mehr Bausteine selten mehr Effizienz schaffen, sondern vor allem Komplexität und Kosten erhöhen, lässt sich das mit der MPT-Mechanik sauber begründen: Nur Bausteine mit anderer Risikostruktur liefern eine echte Verschiebung entlang der Effizienzgrenze. Wer diese Logik beherzigt, kann mit einer kleineren, aber besser abgestimmten Auswahl meist näher an ein robustes Rendite-Risiko-Profil heranreichen.

Für die Planung bedeutet das letztlich: Statt die Anzahl der ETFs zum Ziel zu erklären, sollte die Portfoliozusammensetzung als System verstanden werden. Ein sinnvoll kleines Set kann die Effizienzgrenze effizienter ausnutzen, wenn es die relevanten Risikofaktoren und Regionen sinnvoll abdeckt. Neue Positionen sollten daher nicht „nachkaufen, weil Platz da ist“, sondern nur dann, wenn sie die Korrelationsstruktur plausibel verbessern. Dann kann ein Portfolio auch in der Praxis das liefern, was die Theorie verspricht: bei gegebenem Risiko eine möglichst hohe erwartete Rendite. Und genau darin liegt der Kern der abnehmenden Grenzerträge: Sie setzen nicht bei „zu wenig ETFs“ ein, sondern dort, wo zusätzliche ETFs die entscheidende Verbindung – die Korrelation – kaum noch verändern.


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