LONDON (IT BOLTWISE) – Der BDI warnt vor einem „China-Schock 2.0“: Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, staatlich induzierte Überkapazitäten und eine aus Sicht des Verbands unterbewertete Währung treffen die Industrie breit. Tanja Gönner fordert zugleich Durchsetzung bei der regelbasierten Ordnung statt vollständiger Abschottung. Als Signal nennt sie Handelsimpulse wie das vorläufig in Kraft getretene EU-Mercosur-Abkommen. Damit rückt für Unternehmen die Frage nach schnelleren Entscheidungswegen zwischen Politik und Wirtschaft in den Fokus.

Der Begriff „China-Schock 2.0“ wirkt wie eine Zuspitzung, beschreibt aber laut dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vor allem das Ende eines Komfortbereichs für die deutsche Industrie: China ist nicht mehr nur Absatzmarkt und Lieferkette, sondern zugleich ein regel- und wettbewerbsbezogener Störfaktor. In den Aussagen von BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner gegenüber der Deutschen Presse-Agentur wird die Lage nicht auf einzelne Branchen reduziert, sondern als Problem „in der Breite“ eingeordnet. Dazu zählen Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, eine aus ihrer Sicht deutlich unterbewertete Währung sowie staatlich induzierte Überkapazitäten, die sich wegen eines schwachen Binnenmarkts in China und einer Abschottung insbesondere in den USA ungebremst in Richtung EU-Binnenmarkt bewegen.
Technisch und wirtschaftlich lässt sich das Muster als Kombination aus Kapazitäts- und Preiswirkung lesen: Wenn ein Staat Industriebereiche stark stützt und gleichzeitig Nachfrage im eigenen Land weniger stark wächst, entsteht zusätzlicher Exportdruck. Für europäische Hersteller bedeutet das in der Praxis, dass Preisdruck nicht nur kurzfristige Deals betrifft, sondern über Jahre in Angebotsstrukturen, Preisindizes und Investitionszyklen hineinwirkt. Gönners Argumentation, dass der „China-Schock 2.0“ massiv die Industrie treffe, knüpft genau daran an: Unternehmen stehen nicht nur im Vertrieb unter Druck, sondern werden bei Produktplanung, Skalierung, Beschaffung und Standortentscheidungen mit einer dauerhaft veränderten Wettbewerbsrealität konfrontiert.
Bemerkenswert ist dabei der gleichzeitige Verweis auf Chinas Anspruch, bei Schlüsseltechnologien Weltmarktfähigkeit zu erreichen. Das ist mehr als ein Branding-Thema für künftige Produkte; es berührt die Frage, wie sich technologische Standards, Patente und Fertigungstiefen über die Zeit verschieben. Historisch ordnet der BDI die Lage in den ersten „China-Schock“ ein: Nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 seien zunächst in großer Breite günstige Produkte in die Weltmärkte gekommen. Für die deutsche Industrie bedeutete der Aufstieg Chinas damals vor allem einen Boom, weil chinesische Käufer deutsche Autos und Maschinen nachfragten; inzwischen berichten deutsche Autobauer aber von zunehmenden Problemen im chinesischen Markt. Der Branchenwechsel zeigt, dass Abhängigkeit keine Einbahnstraße ist: Wer fertigungstechnisch und marktseitig eng verzahnt ist, kann in beide Richtungen Verwundbarkeit erzeugen.
Für den Marktrahmen nennt der BDI einen zweiten Hebel: regelbasierten Handel. Gönner betont, dass rund 60 Prozent des Welthandels weiter nach WTO-Regeln abgewickelt würden und dass viele Partner regelkonforme Strukturen einforderten. In dieser Logik ist weniger die Abschottung das Ziel, sondern eine Stabilisierung der Spielregeln, die Unternehmen planen lässt. Genau dazu passt das Beispiel Anfang Mai: Das Mercosur-Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Ländern Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay sei vorläufig in Kraft getreten. Durch den schrittweisen Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen sollen laut der Einordnung die Austauschströme von Waren und Dienstleistungen ankurbeln, was in der Außenhandelspraxis auch als Diversifizierungsstrategie gelesen werden kann.
Gönners Forderung „Keine komplette Abschottung“ ist dabei strategisch konsequent: Vollständige Abkapselung würde nicht nur Absatzmöglichkeiten einschränken, sondern auch Beschaffungsketten und die internationale Arbeitsteilung belasten. Stattdessen setzt der BDI auf eine Kombination aus Durchsetzungskraft und Gegenmaßnahmen „in vielen Stellen“. Der Kern liegt in der Fähigkeit, schneller zu reagieren, denn wenn Überkapazitäten und Preisunterbietung über längere Zeit wirken, geraten Unternehmen in einen Zielkonflikt zwischen kurzfristiger Ergebnisverantwortung und langfristiger Investitionsplanung. In dem Zusammenhang fordert sie neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft, weil die typische Trennung zwischen regulativen Entscheidungen und industriellen Reaktionszyklen oft Zeit kostet.
Diese Suche nach neuen Koordinationsformen ist nicht neu, aber der Kontext hat sich verschoben. Bereits Anfang 2019 hatte der BDI in einem Grundsatzpapier eine Neuausrichtung der deutschen China-Politik angestoßen: Die Marktwirtschaft müsse „widerstandsfähiger“ werden, China wurde dabei als Partner, aber auch zunehmend als systemischer Wettbewerber beschrieben. In der China-Strategie der Bundesregierung 2023 taucht China demnach als Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale auf. Damit schließt sich ein Kreis: Was früher vor allem als Wettbewerbsfrage in Teilmärkten diskutiert wurde, wird nun als industriepolitische Gesamtaufgabe verstanden. Für Unternehmen heißt das konkret, dass sie ihre China-Exponierung nicht nur als Umsatzrisiko, sondern als mehrdimensionales Strukturproblem betrachten müssen – inklusive Rohstofflogik, technologischem Wettbewerb und Handelsregeln.
Der praktische Effekt dieser Debatte dürfte sich im Unternehmensalltag vor allem an drei Stellen zeigen: erstens bei der Ausgestaltung von Beschaffungs- und Produktionsnetzwerken, um Rohstoffabhängigkeiten zu reduzieren, zweitens bei der technologischen Positionierung in Bereichen, in denen Chinas Anspruch auf Weltführerschaft besonders sichtbar wird, und drittens bei der Fähigkeit, Markt- und Regulierungssignale gemeinsam mit der Politik in handlungsfähige Maßnahmen zu übersetzen. Wenn das EU-intern eine Art „Signalwirkung“ erhält, indem Handelsabkommen über Jahre planbar werden, dann schafft das auch gegenüber Unternehmensvorständen mehr Verlässlichkeit. Gleichzeitig bleibt das Risiko bestehen, dass Preis- und Kapazitätsdruck kurzfristige Entscheidungen erzwingt, obwohl die strukturellen Antworten Zeit brauchen. Genau deshalb gewinnt der im Statement genannte Appell an schnellere Reaktionsfähigkeit an Gewicht – und er wird für die nächsten Quartale zur Managementfrage, nicht nur zur politischen Debatte.
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