N.Y. / MÜNCHEN (IT BOLTWISE) – Der neue „Alvarez & Marsal Distress Alert“ bewertet die Bilanzstabilität von mehr als 15.000 Unternehmen in Europa und dem Nahen Osten. Für die Ausgabe auf Basis der Geschäftsberichte 2025 steigt der Anteil finanziell angeschlagener Firmen auf 9,2 %. Das entspricht einem Plus von 18,4 % im Vergleich zu vor drei Jahren und ist der höchste Stand seit vier Jahren. Treiber bleiben sinkende Erträge und Margendruck, verstärkt durch geopolitische Spannungen.

Wenn Gewinne sinken, wandert der Stress in die Bilanzen schneller als viele Unternehmen auf dem Radar haben. Genau diesen Mechanismus greift der neue „Alvarez & Marsal Distress Alert“ (ADA) auf: Die halbjährliche Auswertung betrachtet die finanzielle Leistungsfähigkeit und Bilanzstabilität von mehr als 15.000 Unternehmen in Europa und im Nahen Osten. Als Datengrundlage dienen laut Analyse die Geschäftsberichte 2025, wodurch sich das Bild über die letzten Jahre nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ verdichtet. Der Anteil finanziell angeschlagener Unternehmen liegt demnach inzwischen bei 9,2 %, ein Anstieg um 18,4 % gegenüber vor drei Jahren und damit der höchste Stand seit vier Jahren.
Technisch betrachtet ist das keine einzelne Kennziffer, sondern eine strukturierte Annäherung an zwei Ebenen: Leistungsfähigkeit und Robustheit. Das Restrukturierungsteam von Alvarez & Marsal nutzt eine eigene Methodik, die 18 KPIs zusammenführt, um einen Leistungswert (aus Gewinn- und Verlustrechnung sowie branchengleichen Vergleichsgrößen) und einen Robustheitswert (aus detaillierten Bilanzdaten) abzuleiten. Damit lassen sich sowohl Unternehmen erfassen, die bereits in finanzieller Schieflage sind, als auch solche, bei denen die Entwicklung in Richtung Distress läuft. Für die Praxis ist das wichtig, weil sich frühe Muster häufig erst dann sauber erkennen lassen, wenn Ertrags- und Bilanzlogik gemeinsam betrachtet werden.
Der Bericht setzt inhaltlich stark bei den Treibern an, die sich in der Unternehmenswirklichkeit gerade gegenseitig verstärken. Sinkende Erträge bleiben demnach der wichtigste Krisentreiber: Fast 15 % der Unternehmen verzeichnen eine schwächere Geschäftsentwicklung. Gleichzeitig drücken geopolitische Spannungen und volatile Energiemärkte auf Margen, was profitables Wachstum und eine stabile Cashflow-Generierung erschwert. Zwar stabilisiert sich der Anteil der Unternehmen mit „anfälligen Bilanzen“ bei 28 %, allerdings bleibt dieses Niveau hoch. Der entscheidende Engpass folgt aus dem Zusammenspiel: Höhere Finanzierungs- und Betriebskosten engen den Handlungsspielraum ein und verlängern damit oft die Zeit bis zur Erholung.
Regional wird der Druck unterschiedlich verteilt, was für Risikomanagement und Portfolioplanung in der Restrukturierung besonders relevant ist. Frankreich weist in Europa die höchste Konzentration betrieblicher Schwierigkeiten auf: Der Anteil finanziell angeschlagener Unternehmen steigt im Jahresvergleich um 30 % auf 12,4 %. Mehr als jedes dritte Unternehmen verfügt zudem über keine solide Bilanz; als Ursachen nennt der Bericht schwaches Wirtschaftswachstum, anhaltende politische Unsicherheit und ein eingetrübtes Geschäftsklima. Deutschland zeigt zwar eine Stabilisierung beim Anteil (14,8 %), zugleich bleibt die strukturelle Anfälligkeit hoch: Mit 29,7 % hat nahezu jedes dritte Unternehmen keine solide Bilanzstruktur. Im Vereinigten Königreich steigt der Anteil von 7,5 % auf 8,2 %, während auch hier rückläufige Erträge und eine fehlende Bilanzstärke (25,8 %) das Bild prägen.
Auch die Branchen zeigen, wie stark einzelne Geschäftsmodelle unter Kosten-, Nachfrage- und Umbruchsituationen geraten. Besonders stark betroffen ist der Modeeinzelhandel: Rund 14 % der Unternehmen befinden sich in finanzieller Schieflage. Danach folgen Chemie (12 %) sowie der Medien-, Unterhaltungs- und Mediendienstleistungssektor mit 11,7 %; dort kämpft zudem fast jedes fünfte Unternehmen mit finanziellen Schwierigkeiten, unter anderem im Zuge eines tiefgreifenden Wandels durch KI in Werbung, Marketing und Content-Produktion. Eine deutliche Verschlechterung meldet außerdem die Automobilindustrie: Der Anteil finanziell angeschlagener Unternehmen steigt von 9 % auf 11,2 %, unter anderem wegen schwächerer Nachfrage, anhaltendem Kostendruck und verstärktem Wettbewerb durch chinesische Hersteller. In der Bauwirtschaft liegt der Anteil bei 9,1 %, wobei insbesondere Baustoffhersteller und Unternehmen im Wohnungsbau betroffen sind.
Für Unternehmen, Investoren und Restrukturierer ergibt sich daraus vor allem eine operative Konsequenz: Distress ist in diesem Szenario weniger ein isoliertes Ereignis, sondern ein wiederkehrendes Ergebnis aus Ertragsdruck, Finanzierungskosten und Lieferketten- bzw. Nachfrageschwankungen. Der Nahostkonflikt habe die Belastung durch höhere Energie- und Lieferkettenkosten dabei weitgehend neutralisiert, was im vergangenen Jahr an Stabilisierung erreicht wurde. Gleichzeitig können Unternehmen in einem volatilen Umfeld nur dann aus der Spirale ausbrechen, wenn sie finanzielle Widerstandsfähigkeit aufbauen und operative Effizienz konsequent verbessern. Genau auf dieses Handlungsfeld zielt der ADA-Ansatz ab: Er liefert einen strukturieren Blick darauf, wo sich Risiko bündelt und wo sich frühzeitig gegensteuern lässt, bevor aus „Anzeichen“ ein nicht mehr kontrollierbarer Liquiditätsengpass wird.
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