LONDON (IT BOLTWISE) – Die Deutsche Bank hält ihr Gold-Kursziel für das Jahresende bei 4.600 US-Dollar je Feinunze fest. Stratege Michael Hseuh sieht den Markt seit August 2024 in einer Phase, die er als explosiv beschreibt, und ordnet mögliche Wendepunkte per statistischem Bubble-Test ein. Mit einem Fair-Value-Modell landet er zwar rechnerisch bei 4.700 US-Dollar, passt es aber wegen nachlassender Notenbankkäufe nach unten an. Entscheidend bleibt damit, wie stark die Zentralbankkäufe in den kommenden Monaten weitergehen.

Der Goldmarkt bekommt mit einem festgehaltenen Kursziel von 4.600 US-Dollar je Feinunze neuen Taktgeber, obwohl der aktuelle Preis laut der Deutschen Bank bei rund 4.342 US-Dollar liegt. Die Botschaft ist dabei weniger ein neues Kursversprechen als eine Stabilisierung der Erwartung: Die Bank stuft den Goldmarkt weiterhin als außergewöhnlich stark ein und geht davon aus, dass bis zum Jahresende noch rund sechs Prozent Aufwärtspotenzial möglich sind. Stratege Michael Hseuh setzt dabei bewusst auf mehrere Methoden gleichzeitig – weil Gold in solchen Phasen selten nur von einem einzigen Treiber abhängt.
Im Zentrum steht Hseuhs Einschätzung, dass sich der Goldpreis seit August 2024 in einer „explosiven“ Phase befinde. Der Begriff ist in diesem Kontext kein reines Schlagwort, sondern verweist auf die typische Dynamik von Märkten, in denen Erwartungen schneller wachsen als die Fundamentaldaten kurzfristig erklären können. Um diese Art von Übersteigerung zeitlich einzuordnen, greift die Studie auf ein ökonometrisches Instrument zurück, das spekulative Blasen identifizieren und zeitlich rahmen soll: den Backward Supremum Augmented Dickey-Fuller-Test. Das Modell leitet demnach mögliche Eckpunkte ab – für einen Hochpunkt bei etwa 6.400 US-Dollar und für einen Boden bei rund 3.700 US-Dollar.
Technisch betrachtet ist die Aussagekraft eines solchen Bubble-Tests nicht mit einer klassischen Fundamentalanalyse gleichzusetzen. Der Backward-Supremum-Ansatz wirkt eher wie ein statistischer Zeitindikator: Er beantwortet weniger die Frage „Warum“ Gold steigt, sondern eher „Wann“ sich die Marktstruktur in eine Phase der Blasen-ähnlichen Dynamik verschiebt. Genau deshalb koppelt Hseuh die Ergebnisse an weitere Perspektiven. Als zweiter Baustein nutzt er eine Rechnung über inflationsbereinigtes Rohstoff-Wachstum: Dabei vergleicht er langfristige reale Wachstumsraten anderer Rohstoffe wie Kupfer und Öl – und stellt sogar Brot als ungewöhnlichen Vergleichsfaktor in den Kontext, was die Spannbreite der Datenidee verdeutlichen soll. Die zwischen 0,26 und 3,44 Prozent pro Jahr liegende Wachstumsrate würde rechnerisch auf Gold nur einen deutlich niedrigeren Wert von rund 2.600 US-Dollar pro Feinunze übertragen. Das ist eher ein Benchmark gegen „reine Inflationsechos“ als eine finale Zielprognose.
Daneben arbeitet Hseuh mit einem Fair-Value-Modell, das mehrere makroökonomische Variablen miteinander verknüpft. In der Studie fließen unter anderem der S&P 500, die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sowie Wechselkurse als Faktoren ein. Für das Jahresende kommt das Modell zunächst auf einen fairen Wert von 4.700 US-Dollar. Interessant ist jedoch, dass die Bank diesen Wert nach unten korrigiert: Nicht, weil der Zusammenhang im Modell aus Sicht der Studie bricht, sondern weil die Kauftätigkeit der Notenbanken nachgelassen hat. Genau diesen Punkt nennt Hseuh als Grund für die Abwärtsanpassung – und er macht damit das zentrale Risiko der Prognose greifbar: Ohne anhaltende, robuste Nachfrage aus dem offiziellen Sektor kann selbst ein rechnerisch „fairer“ Wert zur Makulatur werden.
Dass Notenbankkäufe so stark ins Gewicht fallen, passt auch zu der historischen Einordnung, die die Deutsche Bank Research liefert. Bereits im August 2024 hatte die Bank in ihrem Kontext auf Aussagen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich verwiesen, in denen Bedingungen am Goldmarkt als Blase beschrieben wurden. Für die langfristige Perspektive verweist die Deutsche Bank außerdem darauf, dass Gold nach eigenen Angaben zwischen 1957 und 2023 die US-Verbraucherpreise im Schnitt real um 2,5 Prozent pro Jahr übertroffen habe. Diese Realrendite ist für Investoren deshalb so wichtig, weil Gold in vielen Portfolios als Inflations- und Währungsanker interpretiert wird – und weil eine real stabile Überrendite die Erwartungshaltung über mehrere Jahre stützen kann. Allerdings bedeutet die jüngste Aufwärtsphase seit 2024, dass diese Kennzahl aus der Sicht der Bank künftig noch höher ausfallen könnte als im Langfrist-Mittel.
Für die Marktwirkung heißt das: Wenn der Goldpreis in einer „explosiven“ Phase läuft, entscheiden nicht nur Zins- und Aktienfaktoren, sondern vor allem, ob die Nachfrage der Notenbanken den Schwung trägt. Die Studie betont deshalb explizit, dass die Erfüllung des Kursziels von 4.600 US-Dollar bis Jahresende auch davon abhängt, wie sich die Käufe der Notenbanken in den kommenden Monaten entwickeln. Genau hier treffen sich Markt- und Umsetzungslogik: Ein Fair-Value-Modell kann makroökonomische Variablen abbilden, aber der reale Marktcheck kommt oft über den offiziellen Käuferkanal. Damit verlagert sich die Aufmerksamkeit für Entscheider auf Datenpunkte rund um die Zentralbanknachfrage, auf geldpolitische Erwartungen und auf die Wechselwirkung mit Renditen und Risikoappetit. Gleichzeitig bleibt die spannende Frage, ob die von Hseuh abgeleiteten Eckpunkte – 6.400 US-Dollar als möglicher Höhepunkt und 3.700 US-Dollar als möglicher Boden – eher Szenarien für extreme Verläufe sind oder ob sich die Marktstruktur tatsächlich so fortsetzt.
Für Unternehmen und Portfoliomanager folgt daraus vor allem eins: Die Prognose ist weniger als „Kursziel auf Knopfdruck“ zu verstehen, sondern als Zusammenspiel mehrerer Modelle mit unterschiedlichen Zeithorizonten. Die inflationsbereinigte Rohstoff-Übertragung liefert einen Gegenpol, der Bubble-Test liefert einen Zeitrahmen für den Marktmodus, und das Fair-Value-Modell sorgt für den Makroanker – zugleich aber mit dem klar benannten Dämpfer „nachlassende Notenbankkäufe“. Wer in dieser Phase Positionen steuert, kann aus der Struktur der Deutschen-Bank-Analyse daher eine praktische Logik ableiten: Makrodaten liefern die Hintergrundenergie, offizielle Nachfrage liefert den Schub, und statistische Indikatoren zeigen, wann die Dynamik kippen kann. Damit wird das Kursziel selbst weniger zur Garantie als zur Prüfmarke, an der sich die nächsten Monate für den Goldmarkt messen lassen.
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