LOCARNO / LONDON (IT BOLTWISE) – Zur Halbzeit des 79. Internationalen Filmfestivals Locarno zeichnen sich mehrere starke Beiträge ab. Besonders im Fokus steht das deutsch-ukrainische Drama „I Rarely Wake Up Dreaming“ von Isabelle Stever. Daneben erhält auch das französisch-indische Episodendrama „Rehmat“ hohen Zuspruch. Abseits der Wettberwerbsdynamik sorgt zudem Felix Randau mit „Ich ist ein Anderer“ für intensive Kontroversen um Wahrheit und Respekt.

Locarno zur Halbzeit: starke Dramen zwischen Identität, Krieg und Menschlichkeit
Locarno zur Halbzeit: starke Dramen zwischen Identität, Krieg und Menschlichkeit (Foto: IT BOLTWISE)
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In der ersten Halbzeit des 79. Internationalen Filmfestivals Locarno verschiebt sich der Blick vom reinen Programm hin zu den Fragen, die die Festivalbesucher offensichtlich mit nach Hause nehmen: Wie gehen Menschen mit existenziellen Konflikten um, ohne einander zu entmenschlichen? Das lässt sich nicht nur an der Themenwahl der gezeigten Filme festmachen, sondern auch an der Art, wie die Geschichten erzählt werden. Mehrere Produktionen setzen auf eine beobachtende Distanz statt auf pathetische Auflösung, und genau diese Tonlage wirkt in Locarno derzeit wie ein gemeinsamer Nenner.

Das betrifft zunächst „I Rarely Wake Up Dreaming“ (deutscher Titel: „Ich wache selten träumend auf“), ein deutsch-ukrainisches Drama, das Isabelle Stever gemeinsam mit ihrer ukrainischen Drehbuchautorin Anna Melikova realisierte. Laut der Festivalberichterstattung hinterlässt der Film schon nach der ersten Festivalphase einen besonders starken Eindruck. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte von Olya und Oleh. Ihre private Beziehung wird jedoch nicht als abgeschirmter Rückzugsraum inszeniert, sondern steht unter dem Druck des Ukraine-Krieges, der beide Figuren in existenzielle Konflikte stürzt. Hinzu kommt, dass Oleh gerade eine Umwandlung von einer weiblichen zu einer männlichen Identität durchmacht. Damit prallen mehrere Ebenen aufeinander: Biografie, Beziehung und Gewaltkontext. Der Film macht aus dieser Gemengelage kein reines Problem-Drama, sondern eine dauerhafte Prüfung dessen, ob Gefühle und Alltag die nötige Stabilität finden, wenn die Umstände permanent dagegenarbeiten.

Auffällig ist dabei, dass der Film laut Beschreibung nicht in eine einfache Täter-Opfer-Schablone ausweicht und auch keine Form von Gewalt als dramaturgischen Selbstzweck nutzt. Stattdessen richtet er die Aufmerksamkeit darauf, wie traditionelle Muster von Männlichkeit und Weiblichkeit in Frage gestellt werden können. Die Wahrhaftigkeit entsteht dabei nicht nur durch die Story-Idee, sondern auch durch das Zusammenspiel der ukrainischen Laiendarsteller Tania Myronyshena und Markus Bright in den Hauptrollen. Gerade dieser Mix aus emotionaler Belastung und kontrollierter Darstellung scheint vielen Zuschauern im Wettbewerb bereits jetzt das Gefühl zu geben, hier stehe ein Kandidat auf einem festen, preiswürdigen Niveau. Dass solche Einschätzungen im Festivalumfeld entstehen, liegt häufig an der Kombination aus erzählerischer Klarheit und dem Verzicht auf billige Vereinfachungen.

Parallel dazu wird in Locarno auch „Rehmat“ (deutscher Titel: „Mitgefühl“) stark beachtet. Das französisch-indische Episodendrama von Gurvinder Singh erhielt ebenfalls viel Beifall und setzt auf einen leisen, fast märchenhaften Ton, der dennoch nicht von der historischen Härte ablenkt. In drei ineinander verwobenen Storys erzählt der Film Menschen in der Region Punjab, die 1947 im Zuge der Unabhängigkeit Indiens aufgeteilt wurde. Das Entscheidende ist: Der Film behandelt nicht nur die damalige politische Zäsur, sondern zeigt, wie deren Folgen bis heute den Alltag prägen. Aus den beschriebenen Mechanismen entstehen Furcht, Hass und Intoleranz, also genau jene gesellschaftlichen Muster, die in der Gegenwart immer wieder auftauchen – nur eben mit neuen Auslösern. Damit schlägt „Rehmat“ eine Brücke vom historischen Ereignis zu einer universellen Frage: Welche Art von gesellschaftlichem Gedächtnis verhindert Dialog?

Damit steht der Film auch in Spannung zu Produktionen, die vor allem die dunklen Seiten des historischen Erbes ausleuchten. „Rehmat“ und auch „I Rarely Wake Up Dreaming“ setzen stattdessen auf Möglichkeiten des Miteinanders. Beim Drama wird ausdrücklich hervorgehoben, dass es ohne falsches Pathos zeigt, wie wichtig es sein kann, vorurteilsfrei aufeinander zuzugehen und sich zuzuhören. Auf Festivalebene heißt das: Der Film geht nicht von der ersten Minute an davon aus, dass ein Publikum nur durch Konfrontation ergriffen wird, sondern vertraut darauf, dass Empathie auch dort funktioniert, wo Faktenlage, Identität und Gewaltumfeld auseinanderdriften. Im Wettbewerb von Locarno, der häufig durch düstere Gesellschaftsbilder geprägt ist, positioniert sich „Rehmat“ damit als Gegenpol, der eine „schlichte Menschlichkeit“ feiert – überzeugend und fesselnd, so der Eindruck der bisherigen Sichtungen.

Währenddessen arbeitet Felix Randau mit einem gänzlich anderen emotionalen Druckpunkt: „Ich ist ein Anderer“ („Der Mann aus dem Eis“) läuft in diesem Fall nicht im Wettbewerb, sondern in einer Freiluftaufführung auf der Piazza Grande. Dort, heißt es, finden bis zu 9.000 Zuschauer Platz, und auch die Vergabe des Goldenen Leoparden sowie weiterer Auszeichnungen erfolgt am Abend des 15. August. Inhaltlich steht in „Ich ist ein Anderer“ eine historische Figur im Zentrum: Felix Kersten (1898–1960), der als Masseur des SS-Führers Heinrich Himmler gilt. Kersten habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Retter zahlreicher Juden und KZ-Häftlinge dargestellt. Gleichzeitig bleibt laut Beschreibung bis heute unklar, ob diese Behauptungen stimmen. Genau aus dieser Unsicherheit entsteht die dramatische Spannung: Der Film fragt nicht nur nach Fakten, sondern nach der Art, wie Menschen an Wahrheit herangehen, wenn ihre biografischen Narrative im Konflikt mit der Vergangenheit stehen.

Technisch betrachtet – zumindest als filmisches Handwerk – folgt der Beitrag einem Kammerspiel-Ansatz. In einem „geistigen Duell“ zwischen einer fiktiven Journalistin (Valerie Pachner) und Kersten (Claes Bang) wird laut Darstellung die Grundsatzfrage verhandelt, wie Menschen mit entgegengesetzten Haltungen einander begegnen können, ohne „aufeinander loszugehen“. Dieser Fokus auf die Gesprächs- und Konfliktkultur erklärt wohl auch, warum der Film eine Aktualität mitbringt, die über seinen historischen Rahmen hinausreicht. Claes Bang habe diesen Aspekt bei der Präsentation des Films in Locarno betont und dabei hervorgehoben, dass Hass und Schmähungen nie nützlich seien, sondern immer zu Katastrophen führen. Zugleich nennt die Beschreibung Vernunft und Respekt als die Instanzen, die auch in harten Kontroversen die Oberhand behalten sollten. Für das Festivalpublikum ist das deshalb so relevant, weil es eine Art gemeinsame Diskussionsgrundlage liefert: nicht nur „Wer hat recht?“, sondern „Wie führen wir ein Gespräch, selbst wenn das Ergebnis uns auseinanderzieht?“


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