LONDON (IT BOLTWISE) – Das US Marine Corps rüstet sich mit einem hochleistungsfähigen Mikrowellen-System gegen Drohnenschwärme. Für die Entwicklung eines „High-power Microwave Autonomous Vehicle Operational Capability“-Pakets (HAVOC) sind 11 Millionen US-Dollar vertraglich eingeplant. Das System soll autonome Ziele erkennen und per elektromagnetischem Impuls mehrere Drohnen in einem Angriffsszenario außer Gefecht setzen. Geliefert werden soll die Ausrüstung bereits früh im kommenden Jahr, nachdem zuvor ein ähnliches Prototypsystem getestet wurde.

Das Marine Corps will die Abwehr gegen Drohnenschwärme spürbar verankern – und zwar nicht über eine weitere reine Sensor- oder Abschusskomponente, sondern über gerichtete Energie. Laut Vertragsmeldung wurden 11 Millionen US-Dollar an das elektronische Kriegsführungsunternehmen Epirus vergeben, um ein fahrzeugmontiertes Waffensystem der Klasse High-power Microwave Autonomous Vehicle Operational Capability (HAVOC) in einen „production-ready“-Status zu überführen. Das Projekt ist über das Office of Naval Research eingebettet und zielt darauf ab, mehrere Drohnen gleichzeitig mit einem elektromagnetischen Impuls zu bekämpfen. Entscheidend ist dabei der Autonomieanspruch: HAVOC soll Ziele in der Luft identifizieren und dann die Wirkung auslösen, sodass der Bediener weniger in Echtzeit-Entscheidungen eingegrenzt wird.
Technisch knüpft HAVOC an das frühere ExDECS-Programm an, das Epirus als Expeditionary Directed Energy Counter-Swarm (ExDECS) bereits unter einem 5,5-Millionen-US-Dollar-Vertrag liefert und zur Erprobung bereitstellt. Der Unterschied zur neuen Systemgeneration liegt nach Angaben des Unternehmens vor allem in drei Punkten: deutlich mehr Leistung, eine robustere Auslegung für den Feldeinsatz und erweiterte Reichweite sowie autonome Funktionen. Epirus nennt dabei konkret eine „verzehnfachte“-Wirkung im Kern über eine deutlich höhere Leistungsdichte: Die Firma beschreibt es sinngemäß als Sprung von etwa 50 Kilowatt auf 150 Kilowatt innerhalb eines vergleichbaren Paketmaßes – ein Vergleich, der an Laser-Systeme erinnert, aber hier auf die Hochleistungs-Mikrowellenübertragung angewendet wird. Für operative Planer zählt das vor allem als Hebel für Engagement-Distanzen und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Angriffsszenario die Grenzen anderer Gegenmaßnahmen nicht überschreitet.
Über die reine Leistungssteigerung hinaus adressiert die Entwicklung den Praxisstress, der für mobile Luftverteidigung in der realen Welt üblich ist: Staub, wechselnde Standorte und Wetterphasen. Epirus führt GaN-Transistoren (Galliumnitrid) als Basis der Stromversorgung und Energieumsetzung der Mikrowellenenergie an. Außerdem betont der Anbieter, dass die Systemzuverlässigkeit steigt und die Auslegung für unterschiedliche Umgebungen verbessert wird. In der Darstellung des Unternehmens spielt zudem die Erprobung unter extremen Bedingungen eine Rolle: Nach Tests über Monate hinweg sei es an einem System zu Leckage gekommen – in einer Form, die das System zeitweise „unter Wasser“ brachte – woraufhin Abdichtung sowie Staubschutz überarbeitet wurden. Für Käufer ist das relevant, weil bei gerichteter Energie nicht nur die Leistung auf dem Papier entscheidet, sondern auch die Stabilität der Komponenten im Feldbetrieb.
Strategisch zeigt das Marine-Corps-Vorgehen zudem eine Parallelität zu den Aktivitäten der US-Armee, die bereits länger auf Hochleistungs-Mikrowellen setzt. Der Weg über Leonidas als Gegen-Drohnen-Waffen-Prototyp und spätere Lieferverträge bildet eine Art Lernkurve für die gesamte Branche: Nachdem die Armee 2023 einen deutlich größeren Deal für Leonidas abgeschlossen hatte, folgten weitere Beschaffungsrunden, inklusive mehrerer Systeme zur Auslieferung. Epirus berichtet außerdem von Live-Fire-Demonstrationen, in denen zahlreiche Drohnen in einem einzigen Impulsereignis getroffen wurden. Diese Historie erklärt, warum HAVOC jetzt als „zweite Generation“ positioniert wird: Die Anforderungen aus dem praktischen Testing in eingesetzten Umgebungen sollen direkt in die robuste Fahrzeugintegration eingeflossen sein, statt erst später nachzuziehen.
Auch die Einbindung in bestehende Verteidigungsarchitekturen ist ein zentraler Punkt der Meldung. Epirus beschreibt HAVOC mit einem „universal sled mount“ für eine nahtlose Integration in die Flotten bemannter und unbemannter Bodenfahrzeuge des Marine Corps. Damit wird das System nicht als isoliertes Experiment betrachtet, sondern als Baustein innerhalb eines Counter-Drone-Ökosystems. Das Marine Corps arbeitet parallel an einem Light Marine Air Defense Integrated System (L-MADIS), das als Paket auf zwei leichten all-terrain Fahrzeugen montiert werden kann und per Hubschrauber oder MV-22 Osprey verbringbar ist. Damit entsteht ein konkreter Rollout-Mechanismus: erst durch rigide Tests die Wirksamkeitsgrenzen bestimmen, dann HAVOC in die vorhandene Infrastruktur einbetten und damit die Verteidigung gegen „swarms“ skalieren, ohne jedes Mal eine komplette neue Kette aus Sensorik und Effektor aufzubauen.
Für Unternehmen und Entwickler in der Sicherheitstechnologie bedeutet die HAVOC-Bestellung vor allem eines: der Markt für gerichtete Energie rückt von der Prototyp-Phase in Richtung wiederholbarer, produktionsfähiger Systemarchitekturen. Die Aussage, dass kein einzelnes System eine „Allheil“-Lösung sei, trifft den Kern moderner Gegen-Drohnen-Konzepte: Es geht um abgestufte Verteidigung, in der Mikrowellen-Wirkung als „Final Line“ gegen massierte oder überfordernde Bedrohungslagen fungiert. Zugleich stellt die vertragliche Lieferplanung früh im kommenden Jahr die Taktung auf „Industriegang“ – ein Signal, dass sich Abstimmungsrisiken zwischen Leistungselektronik, Hochfrequenzübertragung, Fahrzeugintegration und operativer Bedienlogik verringern sollen. Wenn HAVOC im nächsten Frühjahr in die Feldtest- und Evaluationsphase wechselt, wird sich zeigen, wie stark die versprochene Reichweite und Robustheit in der Serienrealität tatsächlich ausfallen.
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