LONDON (IT BOLTWISE) – Die AOK Bodensee-Oberschwaben setzt in der Reformdebatte um das Gesundheitswesen auf eine stärkere Vergütung von Prävention. Markus Packmohr fordert dabei eine Abkehr von der rein kurativen „Reparaturmedizin“. Als besonders drängend nennt er eine Morbiditätslücke von durchschnittlich 12 Jahren zwischen dem Zeitpunkt, an dem Menschen zwar noch leben, aber bereits gesundheitlich eingeschränkt sind. Zudem verweist er auf eine Diskrepanz: 88 % wollen gesund altern, aktiv handeln aber nur 20 %.

Die Diskussion um die langfristige Finanzierbarkeit des deutschen Gesundheitswesens bekommt eine neue Stoßrichtung: Weg von einem System, das vor allem dann honoriert, wenn Krankheiten bereits ausgebrochen sind, hin zu einer Vergütungslogik, die Gesundheitserhalt messbar unterstützt. Markus Packmohr, Chef der AOK Bodensee-Oberschwaben, stellte dazu im August 2026 eine grundlegende Reform des bestehenden Vergütungssystems in den Mittelpunkt seiner Argumentation. Sein Kernpunkt lautet, dass Leistungen nicht erst mit der „Reparatur“ ansetzen dürfen, sondern frühzeitig die Vermeidung von Morbidität belohnen sollen. Genau darin liegt für viele Entscheider der Reiz: Prävention ist nicht nur ein Versprechen, sondern lässt sich grundsätzlich in konkrete Prozesse und Anreizmechanismen übersetzen.
Technisch betrachtet dreht sich die Reformidee um die Zeitspanne, die zwischen „noch relativ stabil“ und „bereits krankheitsbedingt eingeschränkt“ liegt. Packmohr nennt für Deutschland eine Morbiditätslücke von im Schnitt 12 Jahren: In dieser Phase leben Menschen zwar, sind aber bereits durch chronische Erkrankungen oder körperliche Einschränkungen belastet. Aus seiner Sicht muss das Vergütungssystem diese Lücke verkürzen, indem medizinische Leistungen und Programme nicht erst beim Eintritt einer Diagnose einsetzen, sondern bereits beim erfolgreichen Verhindern oder Verzögern von Krankheit. Das fordert allerdings, Präventionsangebote so zu operationalisieren, dass Leistungserbringer nicht auf Verdacht handeln, sondern auf überprüfbare Kriterien, etwa im Bereich Training, Verlaufskontrolle und Risikoreduktion.
Damit prallen zwei Logiken aufeinander: Die Anreizstruktur im Alltag des Gesundheitsbetriebs ist bisher stark auf Behandlung fokussiert, während Prävention häufig auf Freiwilligkeit beruht. Packmohr argumentiert, dass das nicht reicht, wenn die Rahmenbedingungen keine ausreichenden Impulse setzen. Gleichzeitig zeigt eine von ihm herangezogene Civey-Erhebung die Lücke zwischen Selbstbild und Verhalten: 88 % der Deutschen wollen gesund altern, aber lediglich 20 % ergreifen proaktiv Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen. Für die Reform bedeutet das, dass es nicht nur um die Frage geht, welche Maßnahmen medizinisch sinnvoll sind, sondern auch darum, wie man Menschen zuverlässig in frühzeitige Programme bringt – ohne dabei faktisch auf einen „Therapie erst später“-Modus hinauszulaufen.
Aus dem Vorschlagsbild ragen vor allem zwei Instrumente heraus, die in der Praxis unterschiedliche Steuerungsmechanismen nutzen. Erstens sollen verpflichtende Präventionskurse dafür sorgen, dass Versicherte frühzeitig mit gesundheitsfördernden Maßnahmen in Kontakt kommen und Risiken minimiert werden, bevor chronische Leiden entstehen oder sich verstärken. Zweitens brachte Packmohr die Prüfung eines Gesundheitszuschlags für bestimmte Risikofaktoren ins Gespräch. Als Begründung nennt er, dass finanzielle Anreize individuelles Fehlverhalten adressieren und die Eigenverantwortung innerhalb des solidarischen Systems stärken können. Für Entscheider in Krankenkassen und bei Leistungserbringern stellt sich dabei sofort die Umsetzungsfrage: Wie werden Risikofaktoren definiert, wie werden Zuschläge begründet, und wie verhindert man, dass die falschen Gruppen die Kosten tragen, während die eigentlichen Ursachen unbeachtet bleiben?
Die zentrale Veränderung betrifft jedoch nicht nur die Teilnahmequote, sondern die Messbarkeit von Wirkung in der Vergütung. Packmohr skizziert eine Honorierung, die sich weniger an der Menge durchgeführter Behandlungen orientiert, sondern stärker an der messbaren Vermeidung von Morbidität. Genau das ist der technische Knackpunkt: In der Behandlung sind Prozesse und Leistungen oft leichter abzubilden, weil sie an konkrete Ereignisse gekoppelt sind. Prävention dagegen arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, Verzögerung und Verlauf. Um „Vermeidung“ fair und steuerbar zu machen, braucht es daher saubere Kennzahlen, etwa zur Risikoreduktion, zu funktionellen Verbesserungen und zu Langzeitoutcomes. Auch müssen mögliche Verzerrungen adressiert werden, etwa wenn an Präventionsprogrammen besonders motivierte Personen teilnehmen und dadurch die Ergebnisse systematisch günstiger aussehen.
Im Hintergrund steht zudem der organisatorische Maßstab: Die AOK Bodensee-Oberschwaben betreut rund 240.000 Versicherte, und gerade bei solcher Populationsgröße wird schnell sichtbar, welche Effekte ein Kursmodell auf Zugangswege, Kapazitäten und Folgeprozesse hat. Verpflichtende Präventionskurse würden vermutlich nicht als „Einmalmaßnahme“ funktionieren, sondern als Einstieg in wiederkehrende Routinen, die in den Alltag der Versicherten integriert werden müssen. In diese Richtung deutet auch die von Packmohr angesprochene Idee gezielten Trainings, das sich unkompliziert in den Alltag einfügen lässt. Daneben wird die Debatte zeigen, wie sich Präventionsbudgets und Versorgungsstrukturen über Schnittstellen hinweg koordinieren lassen: zwischen Hausarztversorgung, Therapieangeboten und den Programmen, die Verläufe aktiv begleiten.
Für den Markt und die Branche bedeutet die Debatte vor allem eins: Prävention wird zum Steuerungsobjekt, nicht nur zum Gesundheitsversprechen. Wenn Vergütungsmodelle tatsächlich stärker auf die Vermeidung von Morbidität ausgerichtet werden, steigt der Bedarf an Datenqualität, Outcome-Messung und an standardisierten Prozessketten. Gleichzeitig wächst das Interesse an Programmen, die nachweisbar Funktionen stärken und Risiken reduzieren, statt nur Symptome zu adressieren. Unterm Strich verschiebt sich damit das Kräfteverhältnis im System: weg von der reinen Behandlungslogik, hin zu einem Modell, in dem Gesundheitserhalt finanziell die gleiche Aufmerksamkeit bekommt wie die Therapie. Entscheidend wird sein, ob Politik und Sozialversicherungsträger die Reform so gestalten, dass Wirkung entsteht, ohne Fairness und Umsetzbarkeit zu verlieren.
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