BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die KBV-Tochter kv.digital treibt die digitale Kommunikation in der Telematikinfrastruktur weiter voran. Im Fokus stehen der Ausbau von KIM-Diensten, die Interoperabilität zwischen Versorgungspartnern verbessern sollen, sowie Änderungen beim Terminservice 116117. Parallel arbeitet die KBV an einem Konzept für elektronische Überweisungen über GeDIG, das bewusst nicht auf die elektronische Patientenakte als Zweckbasis setzt. Damit verlagert sich der Schwerpunkt in der Primärversorgung stärker auf standardisierte Datenflüsse und auf präzisere Zugriffsrechte in der TI.

KBV-Tochter kv.digital plant elektronische Überweisungen über GeDIG und TI
KBV-Tochter kv.digital plant elektronische Überweisungen über GeDIG und TI (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Digitalisierung der medizinischen Infrastruktur verlagert sich in Deutschland spürbar von Einzelprojekten hin zu durchgängigen Datenflüssen. Genau hier setzt die kv.digital GmbH an, eine hundertprozentige Tochter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): Das Unternehmen bündelt technische Bausteine für den sicheren Austausch von Gesundheitsdaten in der Telematikinfrastruktur (TI) und will die Interoperabilität zwischen den Akteuren des Versorgungssystems messbar voranbringen. Im Zentrum stehen dabei Kommunikationsdienste im Medizinwesen (KIM) und die Optimierung des 116117 Terminservice, also zwei Stellen, an denen sowohl Standards als auch Prozessgeschwindigkeit im Alltag entscheidend sind.

Beim KIM-Dienst kv.dox geht es vor allem um den sicheren Datenaustausch innerhalb der TI. Solche Kommunikationsdienste sind technisch mehr als nur eine „Transportebene“: Sie bilden die Grundlage dafür, dass Systeme Dokumente und Strukturinformationen nach abgestimmten Regeln übermitteln können, ohne dass die Schnittstellenlandschaft zwischen Praxen, Rechenzentren und Dienstleistern bei jeder Konstellation neu verhandelt werden muss. Dass kv.digital dafür auch Branchenformate nutzt, zeigt sich etwa an der Präsenz auf der DMEA (21. bis 23.04.2026) sowie an einem Partnermeeting am 17.06.2026 in Berlin. Konkreter wird es mit einem geplanten Interoperabilitätsworkshop am 24.09.2026, bei dem technische Standards und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Systeme vertieft werden sollen.

Besonders relevant für die Primärversorgung ist der parallele Ansatz der KBV rund um elektronische Überweisungen. Das Konzept für GeDIG sieht einen speziellen Versorgungsfachdienst innerhalb der TI vor, der den Austausch von Überweisungsdaten effizient organisieren soll. Die KBV ordnet dabei klar ein: Für diesen Zweck sei die elektronische Patientenakte (ePA) nicht geeignet. Praktisch bedeutet das, dass die Überweisungsdaten einen eigenen fachlichen Prozess- und Zugriffsrahmen bekommen sollen. Vorgesehen sind dabei dezidierte Zugriffsrechte für Ärztinnen und Ärzte, Patienten sowie Terminservicestellen. In der Wirkung zielt das auf weniger Reibung zwischen Rollen ab, etwa wenn Überweisungsinformationen in den richtigen Prozessschritt gelangen sollen, ohne dass sich die Zugriffslogik über die ePA hinaus „mitziehen“ muss.

Aus Anwendersicht wäre ein deutlicher Faktor die erwartete Mengenentwicklung. Branchenexperten gehen davon aus, dass die Anzahl der Überweisungen im Primärarztsystem durch die Digitalisierung von derzeit etwa 170 Millionen pro Jahr ansteigen könnte. Genau deshalb ist der technische Zuschnitt des Fachdienstes so wichtig: Bei höherem Volumen werden Latenz, Validierungsaufwand und Fehlertoleranz in der Übermittlungsstrecke zu einer betriebswirtschaftlichen Stellgröße. Der Ansatz, Überweisungsdaten über einen eigenen Dienst und klare Rechte zu steuern, kann die Last dort reduzieren, wo heute viele Medienbrüche entstehen – etwa beim Übergang zwischen Praxis-IT, TI-Komponenten und nachgelagerten Termin- oder Fachprozessen.

Während kv.digital an der Kommunikations- und Interoperabilitätsachse arbeitet, laufen parallel auch Arbeiten an der breiteren TI-Funktionalität. Seit dem 01.07.2026 sind Push-Benachrichtigungen in den ePA-Apps der gesetzlichen Krankenversicherungen live geschaltet. Das adressiert einen praktischen Engpass: Informationen in der ePA entfalten ihren Nutzen erst dann zuverlässig, wenn sie in den Arbeitsfluss gelangen und nicht nur „abgerufen werden könnten“. Mitte Juli startete zudem die Pilotierung des elektronischen Medikationsplans (eMP), der den bisherigen bundeseinheitlichen Medikationsplan in Papierform ersetzen und eine einrichtungsübergreifende, integrierte Sicht auf die Medikation der Patienten ermöglichen soll. Damit entsteht eine zweite Grundlage für bessere Prozessketten, weil Medikationsdaten dann an konsistenteren Stellen verfügbar werden.

Auch außerhalb der TI-Funktionsbausteine geht die Digitalisierung spürbar in den Betrieb hinein. Bei der Apothekenabrechnung bietet die GfS seit März 2026 ein System zur Echtzeitprüfung von E-Rezepten an, das mit einem Ampelsystem arbeitet. Laut Angaben der Betreiber nutzen bereits rund 4.000 Apotheken den Dienst, bisher wurden über 200.000 E-Rezepte fehlerfrei verarbeitet; die technische Bearbeitungszeit pro Rezept liegt bei 0,5 Sekunden. Zusätzlich konnten 10.000 Retaxationen verhindert werden. Solche Kennzahlen sind für Entscheider relevant, weil sie zeigen, dass Validierung nicht zwangsläufig die Prozessgeschwindigkeit ausbremst, sondern bei sauberer technischer Einbindung sogar zu weniger Rückabwicklungen führen kann.

Gleichzeitig bleibt der regulatorische Kontext ein Taktgeber. Im Umfeld der Apothekenabrechnung verweist der Text auf das GKV-Spargesetz mit einer Erhöhung des Apothekenrabatts sowie auf Diskussionen über mögliche Verzögerungen bei der Apothekenvergütung. Auf europäischer Ebene wird zudem die Verschärfung von Temperaturregeln für den Pharmagroßhandel als Widerstandsgegenstand genannt. Solche Rahmenbedingungen wirken direkt auf IT-gestützte Prozesse, weil sie beispielsweise zusätzliche Prüf- und Dokumentationsschritte in der Lieferkette nach sich ziehen können. Dass parallel neue Konzepte für die strukturelle Patientenversorgung entstehen, unterstreicht der Beitrag ebenfalls: Der SoVD skizziert eine Stärkung der Primärversorgungszentren mit dem Hausarzt als erster Anlaufstelle und interprofessionellen Teams, die vermehrt auf Rollen wie Physician Assistants und Advanced Practice Nurses setzen sollen; auch die Bundesländer fordern die Stärkung nichtärztlicher Gesundheitsberufe.

Mit Blick auf den Betrieb der IT-Infrastruktur rückt schließlich der Schutz sensibler Daten stärker in den Vordergrund. Der Text verweist auf einen KI-Chatbot („Pia“) des Medizinischen Dienstes Bayern, der Versicherten und Einrichtungen rund um die Uhr Pflegeinformationen bereitstellt und dabei betont, dass die Anwendung eine individuelle Fachberatung ergänzt, aber nicht ersetzt. Für Unternehmen bedeutet das: KI-gestützte Assistenzsysteme können die Informationsverfügbarkeit erhöhen, sie müssen aber in klare Qualitäts- und Verantwortungsgrenzen eingebettet werden. Gleichzeitig zeigt sich bei allen Telematikinfrastruktur- und KI-Ansätzen ein gemeinsamer Nenner: Interoperabilität und Sicherheit müssen zusammen gedacht werden, sonst bleiben Effizienzgewinne in der Praxis stecken.


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