LONDON (IT BOLTWISE) – Der Krypto-Assetmanager Bitwise sieht Anzeichen für eine mögliche Bodenbildung bei Bitcoin, ohne dabei eine strukturelle Schwäche zu behaupten. Im Q3-Marktbericht verweist das Unternehmen auf eine bereits mehrere Monate andauernde Verlustphase und auf Stimmungsdaten, die in der Vergangenheit häufig kurz vor Wendepunkten auftauchten. Als zentrale Frühindikatoren nennt Bitwise-CIO Matt Hougan negative Funding-Rates, einen historisch niedrigen Fear-&-Greed-Index und das Verhalten von börsengehandelten Vehikeln. Zudem formuliert Hougan eine Erwartung: Im Herbst könnte ein neuer Bullenmarkt beginnen.

Der Bitcoin-Kurs steht aktuell nicht nur unter Druck, sondern auch unter dem Eindruck einer Phase, die Bitwise als „Krypto-Winter“ beschreibt. Laut dem Q3-Marktbericht des Krypto-Assetmanagers lief der Bitwise 10 Large Cap Crypto Index im dritten Quartal in Folge mit negativer Wertentwicklung und damit mit der längsten Verlustserie seit 2022. Der Bitcoin selbst verlor im zweiten Quartal 13,4 %, und lag zum Berichtszeitpunkt rund 52 % unter seinem Oktober-Hoch von 126.080 US-Dollar. Damit verlängert sich die Abwärtsphase auf neun Monate – ein Umfeld, in dem viele Anleger weniger nach Fundamentaldaten fragen, sondern vor allem nach Anzeichen, dass sich die Stimmung dreht.
Genau hier setzt die Argumentation von Bitwise-CIO Matt Hougan an: Er deutet die jüngste Volatilität nicht als Beleg dafür, dass der Markt „strukturell“ weiter schwach bleiben muss, sondern als typische Erscheinung in späten Phasen eines Zyklus. Der Blick richtet sich dabei weniger auf den reinen Chartverlauf, sondern auf das Verhalten unterschiedlicher Anlegergruppen. Hougan verweist im Bericht auf eine besonders negative Stimmungslage und ordnet sie als eine der schlechtesten ein, die er in seinen Jahren im Kryptobereich erlebt habe. Wenn sich in so einer Lage mehrere Messgrößen gleichzeitig extrem verhalten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt bereits überverkauft ist – nicht zwingend, weil kurzfristig gute Nachrichten kommen, sondern weil das Kapital in der Breite „aus dem Markt“ gedrückt wurde.
Als drei Signale für eine mögliche Bodenbildung nennt Hougan erstens das relative Verhalten einer börsengehandelten Bitcoin-Exposure-Lösung (in der Berichterstattung wird dabei der Kurs der Strategy-Aktie MSTR im Verhältnis zum Nettoinventarwert hervorgehoben). Hougan argumentiert, der Aktienkurs müsse nach seiner Einschätzung unter den Nettoinventarwert fallen, damit Gier vollständig in Angst umschlägt. Zweitens nennt er den Fear-and-Greed-Index als Stimmungsbarometer, der laut seiner Erwartung in Richtung historisch sehr niedriger Werte laufen müsse. Drittens betrachtet er die Funding-Rates am Terminmarkt: Sie sollen deutlich negativ ausfallen, also in einer Größenordnung, die typischerweise mit einer stark pessimistischen Positionierung einhergeht. Technisch betrachtet ist diese Triangulation interessant, weil sie Stimmungsdaten aus mehreren Ebenen kombiniert: Kurs- und Bewertungsrelationen aus dem Spot-nahem Umfeld, Marktpsychologie über einen aggregierten Index und das Sentiment der Derivate-Teilnehmer über Finanzierungskosten.
Dass Funding-Rates in diesem Kontext als Frühindikator taugen, hängt mit der Mechanik des Terminmarkts zusammen. Funding-Rates spiegeln die Kosten wider, die Long- oder Short-Positionen zahlen beziehungsweise erhalten, um Preisunterschiede zwischen Termin- und Kassamarkt auszugleichen. Wenn die Funding-Rate über längere Zeit deutlich negativ ist, sitzt auf der „falschen Seite“ häufiger das Kapital, das auf steigende Kurse setzt – und daraus entsteht ein dauerhaftes, kostengetriebenes Signal für die Marktstimmung. Hougan knüpft daran die Bedingung, dass erst das gleichzeitige Auftreten von extrem negativen Funding-Rates und sehr niedrigen Fear-&-Greed-Werten den Punkt markiert, an dem die Stimmung so schlecht ist, dass eine Gegenbewegung entstehen kann. Wichtig ist dabei: Es geht nicht um eine einzelne Kennzahl, sondern um das gemeinsame Überschreiten von Schwellen in mehreren Messreihen.
Zusätzlich ordnet Hougan seine Einschätzung in einen historischen Rahmen ein, der auf dem vierjährigen Bitcoin-Zyklus mit Boom- und Abschwungphasen basiert. Der Gedanke dahinter: Wenn die Zeitachse größer gewählt wird, wirken viele kurzfristige Ausschläge wie „Rauschen“, während langfristige Muster deutlicher werden. In der Berichterstattung wird als Beispiel das Jahr 2022 genannt, in dem Bitcoin um 64 % an Wert verlor, bevor in den Folgejahren wieder deutlich positive Renditen möglich waren. Für Entscheider im Markt ist das relevant, weil es zeigt, warum solche Indikator-Kombinationen nicht als kurzfristiger Trading-Plan gedacht sind, sondern eher als Koordinaten für die Wahrscheinlichkeit einer Trendwende. Gerade bei volatilen Märkten kann das helfen, den Anteil automatischer „Reflexentscheidungen“ zu reduzieren und stattdessen geplante Risiken um Kennzahl-Schwellen herum zu steuern.
Für die Praxis bedeutet das: Wer Bitwise und Hougan als Argumentationslinie nutzt, sollte weniger fragen „Wie tief wird es noch gehen?“, sondern „Welche Marktmechanik zeigt bereits Erschöpfung?“ Das beginnt bei der Bewertung börsennotierter Bitcoin-Exposure-Fahrzeuge und reicht über Stimmungsaggregate bis hin zur Positionierung im Derivatebereich. Gleichzeitig bleibt die Erkenntnis nüchtern: Indikatoren können Timing nicht garantieren. Gerade deshalb ist der Output für ein professionelles Portfolio-Management vor allem eine Struktur – ein Set von Beobachtungen, das in Kombination mit eigener Risikoarchitektur (Liquidität, Ausstiegslogik, Drawdown-Grenzen) verwendet werden kann. Hougan nennt schließlich als Erwartung, der Start eines neuen Bitcoin-Bullenmarkts könne im Herbst einsetzen; ob diese Erwartung aufgeht, wird man an genau den drei Signalen messen müssen, die er als Gegenpol zur bisherigen Schwäche beschreibt.
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