LONDON (IT BOLTWISE) – Der US-Senat hat nur ein enges Zeitfenster, um den Clarity Act vor der Sommerpause zu verabschieden. Bitwise-CIO Matt Hougan rechnet jedoch nicht damit, dass der Kryptomarkt dadurch sofort an Schwung verliert. Er sieht vor allem die US-Börsenaufsicht SEC als möglichen Motor für konkrete Regeln – auch ohne Parlamentsgesetz. Sollte der Prozess scheitern, erwartet Hougan eine Monate währende Phase mit spürbarer Unsicherheit für Investoren.

Die Debatte um den Clarity Act wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Gesetzgebungs-Stresstest für Krypto in den USA. Tatsächlich spitzt sich die Lage laut Zeitplan vor allem um das enge Fenster vor der Sommerpause des Senats zu: Von August 10 bis September 11 ruht die legislative Arbeit, damit bleibt nur ein kurzer Zeitraum, in dem das Vorhaben überhaupt noch durch das Parlament geschoben werden kann. Genau diese Frist hat sich in der digitalen Asset-Branche inzwischen zu einem psychologischen Dreh- und Angelpunkt entwickelt, weil viele Akteure in dem Gesetz ein Signal für mehr Rechtsklarheit sehen.
Matt Hougan, Chief Investment Officer bei Bitwise, setzt dem jedoch eine pragmatische Erwartung entgegen: Er geht nicht davon aus, dass der Kryptosektor allein deshalb an Momentum verliert, weil der Clarity Act nicht rechtzeitig verabschiedet wird. Zwar würde eine parlamentarische Verabschiedung aus seiner Sicht Legitimität schaffen – doch aus seiner Perspektive ist der Markt bereits an dem Punkt, an dem er nicht ausschließlich auf „Kongress-Signale“ angewiesen ist, um regulatorische Fortschritte zu erzielen. Hougan verweist dabei auf einen konkreten Alternativpfad: Die SEC könne zentrale Fragen schneller adressieren, indem sie direkt Regeln erlässt, statt auf den langsameren Gesetzgebungsprozess zu warten.
Technisch und regulatorisch ist das auch nachvollziehbar: Ein Gesetz wie der Clarity Act würde den Rahmen häufig breiter und politisch abgestimmter setzen. Direkt regulierende Instanzen können dagegen näher an der Marktmechanik ansetzen – etwa bei der Frage, wie digitale Vermögenswerte in der Praxis behandelt werden, welche Offenlegungs- und Verhaltensanforderungen gelten und wie sich das auf Börsen, Custody und Handelsplattformen auswirkt. Hougan stützt diese Erwartung unter anderem auf jüngste Aussagen von SEC-Vorsitz Paul Atkins, wonach die Aufsicht bereit sei, Regeln für wesentliche Aspekte des Krypto-Marktes umzusetzen. Für die Branche ist das vor allem deshalb relevant, weil „Regelwerk über Verlautbarungen“ in der Umsetzung der Compliance oft schneller Planungssicherheit erzeugt als eine reine Gesetzesdebatte.
Gleichzeitig spielt das Timing eine Rolle, wenn man berücksichtigt, wie stark institutionelle Akteure inzwischen in Blockchain- und Krypto-Ökosysteme einbezogen sind. Hougan führt als Argument an, dass große Finanzinstitute und Marktinfrastrukturanbieter ihre Aktivitäten im Umfeld digitaler Assets deutlich intensiviert haben – er nennt dabei BlackRock, die Nasdaq, JPMorgan und Visa. Der Kern seiner Logik: Selbst wenn sich die SEC-Führung später ändern sollte, wäre es schwer, bereits erreichte institutionelle Adoption wieder zurückzudrehen. Er beschreibt das im Bild einer möglichen „Roll-back“-Gefahr nach einem Wechsel, sieht aber aufgrund der gewachsenen Marktstruktur und der Investitionsbereitschaft ein Umkehrszenario als weniger realistisch an als in einer frühen Marktphase.
Für den Fall, dass der Clarity Act vor der Sommerpause nicht vorankommt, skizziert Hougan eine Entwicklung in Etappen. Er rechnet damit, dass das Projekt dann in eine Art „walking dead“-Status gerät: technisch weiterhin existent, aber mit zusätzlicher Verzögerung, bevor es erneut ernsthaft aufgegriffen wird – entweder später im Jahr 2026 oder im Zuge eines möglicherweise umfassenden „Omnibus“-Pakets gegen Ende des Jahres. In dieser Phase läge der reale Schaden weniger in der formalen Existenz des Gesetzes als in der entstehenden regulatorischen Ungewissheit. Genau diese Unsicherheit könnte nach Hougans Einschätzung dazu führen, dass Institutionen Investitionen in Kryptoassets eher zurückstellen, bis ein belastbarer Rahmen existiert.
Auch außerhalb der legislativen Technik bleibt der politische Kontext dynamisch. Laut Quelle steht weiterhin die zusätzliche Beobachtung durch demokratische Abgeordnete im Fokus, insbesondere wegen Vorwürfen über mögliche Interessenkonflikte zwischen Präsident Donald Trump und Kryptowährungen. Diese Vorwürfe werden parallel zu Ansätzen genannt, den Gesetzentwurf durch bestimmte Änderungswünsche anzupassen und Teile zu exemptieren, darunter im Umfeld von Sport-Wettmärkten, sowie durch Aktivitäten von mehreren Senatoren und tribal-regulatorischen Stellen im Gaming-Kontext. Hougan betont dennoch, dass eine parlamentarische Verabschiedung weiterhin das bevorzugte Szenario wäre, weil sie Anlegern zusätzlichen Schutz bieten, die regulatorische Landschaft klarer abgrenzen und den Wettbewerbsvorteil der USA im schnelllebigen „Onchain“-Ökosystem stärken könnte.
Der Markt handelt diese Unsicherheiten bereits in Erwartungen an die Umsetzung. Im Prediction-Markt Polymarket wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Clarity Act bis zum Ende 2026 in Kraft tritt, mit 23% beziffert – deutlich niedriger als ein Wert von 75% Mitte Mai. Für Entscheidungsträger in Unternehmen bedeutet das: Selbst wenn die formale Gesetzgebung ins Stocken gerät, bleibt die regulatorische Steuerung über die SEC und die Umsetzung in der Praxis ein kurzfristiger Treiber. Wer heute in Produkte, Handel oder Custody investiert, sollte deshalb weniger auf ein „Alles oder nichts“ im Senat setzen, sondern die regulatorische Roadmap in zwei Spuren denken: den legislativen Pfad für strukturelle Klarheit und die exekutive Spur für konkrete Regeln im Tagesgeschäft.
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