BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundeswirtschaftsministerium legt den für 2030 geplanten Kohleausstieg in Nordrhein-Westfalen erst später als vorgesehen auf den Tisch. Der Prüfbericht soll nach Abschluss der Analysen und trotz eines ursprünglich anvisierten Termins nachgereicht werden. Als Begründung nennt das Ministerium anstehende Ausschreibungen für Kapazitäten zur Stromerzeugung. In den Plänen spielen neue Gaskraftwerks-Kapazitäten sowie eine Umstellung auf Wasserstoff bis spätestens 2045 eine zentrale Rolle.

Kohleausstieg in NRW: Bericht für 2030 verzögert – Gas-Ausbau und Wasserstoffplan im Fokus
Kohleausstieg in NRW: Bericht für 2030 verzögert – Gas-Ausbau und Wasserstoffplan im Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Startschuss für den nächsten politischen Takt im Strukturwandel der Energieversorgung in Nordrhein-Westfalen rückt nach hinten: Wie aus einer ministeriellen Antwort auf eine Anfrage hervorgeht, wird der Bericht zur Umsetzung des für 2030 geplanten Kohleausstiegs nicht zum ursprünglich genannten Stichtag fertig. Stattdessen soll die Vorlage erst nach Abschluss der vorgesehenen Analysen erfolgen. Damit verschiebt sich der Zeitpunkt, an dem der Bund entscheiden kann, ob NRW wie vorgesehen aus der Kohleverstromung aussteigt oder ob die letzten Braunkohleblöcke im Rheinischen Revier vorübergehend als Reserve weiterlaufen dürfen.

Technisch ist der Bericht dabei kein bloßes Verwaltungsdokument, sondern das zentrale Instrument, um die im Kohleverstromungsbeendigungsgesetz geforderten Wirkungen zu überprüfen. Laut Gesetz sieht der Bund Überprüfungen zu festgesetzten Zeitpunkten vor – unter anderem mit Blick auf Versorgungssicherheit und Strompreise. Genau an dieser Stelle wird die Verzögerung praktisch: Das Ministerium verweist auf Ausschreibungen, die in diesem Jahr für Kapazitäten zur Stromerzeugung anstehen. Geplant ist der Bau neuer Gaskraftwerke, die zunächst Erdgas einsetzen und damit zwar weiterhin CO₂-Emissionen verursachen, aber gleichzeitig die Erzeugungskapazität für eine Übergangsphase sichern sollen.

Das Zielbild ist klar zeitlich gestaffelt: Für die neuen Anlagen werden insgesamt 11 Gigawatt an zusätzlichen Kapazitäten anvisiert, die spätestens Ende 2031 am Netz sein sollen. Spätestens ab 2045 sollen die Gaskraftwerke dann klimaneutral mit Wasserstoff laufen. Damit versucht die Planung, zwei Zyklen zu koppeln: kurzfristig eine Kapazitätslücke schließen, die durch das vorgezogene Abschalten von Kohle entsteht, und langfristig eine Dekarbonisierung über die Umstellung auf eine wasserstoffbasierte Betriebsstrategie erreichen. Für die Modellrechnungen im Bericht ist diese Kopplung entscheidend, denn die Frage lautet nicht nur, ob theoretisch genug Strom verfügbar wäre, sondern ob die Versorgungssicherheit gerade in den Jahren nach 2031 belastbar nachweisbar bleibt.

Aus der politischen Kontroverse wird gleichzeitig deutlich, wie stark der Zeitplan und die Ausgestaltung von Reserven miteinander verflochten sind. Mit dem verschobenen Prüfbericht soll festgelegt werden, ob die Kohleverstromung in NRW bis 2030 vollständig endet oder ob einzelne Blöcke als Reserve bis Ende 2033 verfügbar bleiben. Der SPD-Oppositionsfokus in NRW, Jochen Ott, kritisierte die Entwicklung als „Fortsetzung des chaotischen Kohleausstiegs-Deals von Mona Neubaur und Robert Habeck“. In seiner Argumentation geht es vor allem um Planungssicherheit: Er stellt in Aussicht, dass der verbleibende Zeitraum und die benötigten Reservemengen heute nicht ausreichend klar seien, und verweist darauf, dass bis heute offen sei, welche Kosten ein Reservebetrieb konkret verursachen würde.

Auch auf anderer Seite wird das 2022 vereinbarte Konzept zunehmend skeptisch bewertet. Nach Angaben des NRW-Landesverbands eines CDU-nahen Wirtschaftsgremiums erweist sich der Ansatz für den vorgezogenen Braunkohleausstieg als „zunehmend zu ambitioniert“. Der Kritikpunkt knüpft dabei an eine betriebswirtschaftliche und energiewirtschaftliche Grundlogik an: Reserven kosten Geld, und diese Kosten müssen refinanziert werden. Wenn hierfür keine eindeutige Gegenfinanzierung vorgesehen ist, landen die Belastungen am Ende im System – über Netzentgelte bei Unternehmen und privaten Haushalten. Genau deshalb ist der Prüfbericht auch für die Preiswirkung so relevant, weil sich die Kostenblöcke zwischen Investitionen, Betrieb und Vorhaltung über mehrere Jahre verschieben können.

Für Unternehmen und Netzbetreiber entsteht damit eine doppelte Lage: Während die Energiesystemplanung faktisch mit den Ausschreibungsrunden und dem Kraftwerkszubau weiterläuft, bleibt ein Teil der Risikoabschätzung politisch vorerst in der Schwebe. Das Ministerium begründet die Verzögerung ausdrücklich damit, dass man die Ergebnisse der Ausschreibungsrunden abwarten wolle, um eine möglichst realitätsnahe und belastbare Analyse der Versorgungssicherheit zu ermöglichen – insbesondere für die Zeit ab 2031. In der Praxis bedeutet das: Investitionsentscheidungen müssen zwar entlang technischer Projektmeilensteine getroffen werden, aber die regulatorische und politische Rahmung für Reserve-Optionen kann erst später vollständig in die betriebswirtschaftlichen Annahmen einfließen.

Gleichzeitig zeigt die Konstruktion, wie der Übergang von Kohle zu Gas und perspektivisch zu Wasserstoff in der Energiepolitik wirtschaftlich „überbrückt“ wird. Bereits heute ist die Annahme, dass neue Gaskapazitäten einen Engpass überbrücken, ohne dass die Wasserstoffverfügbarkeit sofort skaliert, eine realistische Brücke – aber sie verschiebt die Frage nach der zukünftigen Kostenträgerschaft in Richtung der späteren Dekarbonisierungsphase. Unabhängig davon, ob NRW am Ende ohne Reserve auskommt oder ob Reserven bis Ende 2033 erforderlich werden: Der Bericht entscheidet, wie sauber der technische Bedarf mit den rechtlich geforderten Überprüfungslogiken zusammenpasst. Damit wird der Veröffentlichungstermin zu einem verlässlichen Signal für die nächsten Schritte in der Kapazitäts- und Systemplanung.


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