BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf einer Veranstaltung im Umfeld der SuperReturn-Konferenz richtet sich der Blick auf ein Kernproblem: In Deutschland fehlt weniger Startkapital als Wachstumskapital. 24 Venture- und Wachstumsfonds skizzieren, wie sich jährlich rund 15 Mrd. EUR privates Kapital für späte Unternehmensphasen aktivieren ließen. Diskutiert werden unter anderem eine kapitalgedeckte Ausgestaltung in der Altersvorsorge, die Entschärfung des Exit-Staus und die Frage nach größeren Fondsstrukturen. Entscheidend bleibt, ob Venture Capital und Growth Capital verbindlich in die Anlagepolitik institutioneller Investoren rücken.

Mehr Wachstumskapital für deutsche Scale-ups: Drei Hebel im Fokus
Mehr Wachstumskapital für deutsche Scale-ups: Drei Hebel im Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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Das Thema klingt zunächst nach Geldmangel, meint aber in der Praxis vor allem einen Engpass im Lebenszyklus: Deutschland hat viele gute Gründungen, doch sobald Unternehmen in die „Scale-up“-Phase wechseln, fehlt häufig genau das Wachstumskapital, das Risiko länger trägt und mehrere Finanzierungsrunden abfedert. Genau an dieser Stelle setzt die Diskussion an: Nicht der Zugang zu Seed- oder frühen Serienfinanzierungen sei das Hauptproblem, sondern die Finanzierung des Erwachsenwerdens. Aus Sicht der Beteiligungs- und Investmentwelt verschiebt das das Wettbewerbsbild spürbar, weil Kapital dann leichter in Regionen mit etablierten Wachstumsströmen abwandert. Der Kern der Debatte auf dem „German Venture and Growth Forum“ war daher ein Fahrplan zur Aktivierung von existierendem privatem Kapital für Wachstumsunternehmen, nicht die Suche nach „neuem“ Geld.

Besonders konkret wurde der erste Hebel mit Blick auf die Altersvorsorge: Die Reform des Rentensystems wird als Signal verstanden, um über kapitalgedeckte Säulen langfristige Anlagebudgets zu schaffen. Verena Pausder vom Startup-Verband stellte dabei die Idee in den Mittelpunkt, Venture Capital als Anlageklasse in allen drei Säulen der Altersvorsorge fest zu verankern. Jan Miczaika von HV Capital begrüßte eine kapitalgedeckte Komponente, warnte aber zugleich davor, dass aus einer Empfehlung nicht automatisch eine zielgenaue Allokation wird. Seine Kritik richtet sich auf die Lücke zwischen breiter Investitionslogik und dem speziellen Bedarf der frühen bis mittleren Wachstumsphasen: Der von ihm angesprochene Kenfo investiert zwar breit in Aktien, Anleihen sowie Private-Equity- bzw. Infrastruktur- und Immobilienstrategien, Venture Capital spiele dabei aber keine Rolle in nennenswerter Größenordnung. Wenn eine Reform also Gelder zwar an den Kapitalmarkt bringt, aber keine explizite Quote für Venture Capital vorsieht, wird die Wirkung auf den deutschen VC-Markt begrenzt bleiben.

Im zweiten Schritt landet die Debatte beim Exit-Stau, also bei der Frage, warum Mittel aus Fondsstrukturen nicht schneller wieder in neue Wachstumsinvestitionen fließen. Für Private Equity beschreibt Tibor Kossa von Goldman Sachs das Spannungsfeld über die DPI-Kennzahl: Die Liquidität müsse generiert werden, während gleichzeitig der Druck hoch bleibt, Unternehmen zu verkaufen statt nur zu halten. Auch bei der Deutschen Börse wurde eine mögliche Entspannung der IPO-Pipeline angesprochen, allerdings mit einer klaren Voraussetzung: Erst wenn die makroökonomischen Rahmenbedingungen stabiler werden, sei die Rückkehr zu mehr Kapitalmarktexits wahrscheinlich. Gleichzeitig zeigt sich ein strukturelles Problem, das beide Seiten unterschiedlich betonen, aber gemeinsam tragen: Deutsche und europäische Scale-ups auf dem Weg zur Börsenreife seien stark von ausländischem Kapital abhängig. Das führt dazu, dass Wertsteigerungen und Erträge vor dem IPO teils ins Ausland abfließen und strategische Entscheidungen zunehmend dort beeinflusst werden – etwa mit der Tendenz, Börsengänge eher in den USA zu empfehlen.

Dass daraus nicht nur ein „Standortthema“, sondern auch ein Marktmechanik-Thema entsteht, verdeutlicht ein Blick auf konkrete Zahlen, die in der Diskussion genannt wurden: US-Pensionsfonds hielten indirekt rund 10% an deutschen Unicorns, deutsche Pensionskassen dagegen nur etwa 0,2%, unter anderem wegen regulatorischer Vorgaben. Die Folge ist eine geringere heimische Beteiligung an den späten Werttreibern. Christian Miele formulierte deshalb auch den dritten Hebel als Fondsgröße und Skalierbarkeit des Marktes: Auf Pro-Kopf-Basis liege der deutsche Wachstumskapitalmarkt seiner Einschätzung nach um etwa den Faktor fünf hinter dem Niveau nach vergleichbarer Marktlogik. Für Unternehmen bedeutet das weniger „Kapazität“ im System, für Fondsmanager eine schwierigere Mathematik – insbesondere, wenn Fonds zu klein sind, um größere Runden oder mehrere Folgeinvestments konsistent abzudecken.

Genau deshalb wird in der Debatte nach Initiativen gesucht, die nicht nur einzelne Deals fördern, sondern Fondsstrukturen verstetigen. Nadia Calviño von der Europäischen Investitionsbank verknüpfte die Lücke beim Wachstumskapital mit dem größeren Ziel einer Kapitalmarktunion für die 27 nationalen Finanzmärkte. In der Zwischenzeit unterstützt die EIB-Gruppe mit ihrer Initiative „European Tech Champions“ Mega-Risikokapitalfonds; genannt wurde, dass in zwei Jahren die Zahl dieser Megafonds verdoppelt werden konnte und dass die EIB-Gruppe dazu beigetragen habe, 15 große Kapitaltöpfe in Europa zu verankern. Parallel wird in Deutschland die WIN-Initiative („Wachstums- und Innovationskapital für Deutschland“) als Umsetzungsschiene hervorgehoben: Seit dem Start im September 2024 seien bis Ende 2025 insgesamt 2,64 Mrd. EUR investiert worden, mit einem Ziel von 12 Mrd. EUR bis 2030. Rund 67% der Milliardensumme flossen dabei in Scale-ups in fortgeschrittenen Wachstumsphasen – ein Hinweis darauf, dass man tatsächlich die späte Phase adressieren will, nicht nur die Frühphase.

Technisch betrachtet zeigt sich hier ein Zusammenhang zwischen Finanzierungstiefe und Kapitalflusssystem: Wenn es zu wenige institutionelle Ankerinvestoren gibt, die große Fonds tragen können, bleiben VC-Strukturen oft zu klein. Die Portfolio-„Portfoliomathematik“ wird dann enger – Fonds können nicht problemlos mehrere große Runden fahren oder brauchen schneller Exit-Taktung, selbst wenn Unternehmen langfristig Wert aufbauen. Ein Secondary-Markt könnte diese Dynamik entschärfen, wurde in der Diskussion als praktische Ergänzung genannt: Wenn Mitarbeiter und Frühinvestoren Anteile verkaufen können, ohne dass das gesamte Unternehmen einen Komplett-Exit braucht, entstehen wieder Freiräume für reinvestierte Mittel. Gleichzeitig müssen regulatorische Hürden für institutionelle Investoren sinken, etwa bei Anlageverordnungen und Eigenkapitalanforderungen, damit Versicherer und Versorgungswerke Venture Capital einsetzen können, ohne unverhältnismäßige Nachteile in Kauf zu nehmen.

Am Ende bleibt die Zeitachse der eigentliche Stressfaktor. Die Diskussion stellte zwar in Aussicht, dass eine Rentenreform langfristig Milliarden für Wachstumskapital mobilisieren kann – aber sie macht auch deutlich, dass die Umsetzung nachgelagert ist und Jahre dauern kann. Wenn in der Zwischenzeit nur Aktien- und Anleihenquoten entstehen, ohne verbindliche Vorgaben für Venture Capital und Growth Capital, werden Asset Manager aus Vorsicht nicht das gewünschte Risikoprofil abbilden. Deshalb lautete die zentrale Forderung: Kapital nicht nur „an den Markt bringen“, sondern richtig allokieren – von Mitarbeiterbeteiligungen über steuerliche Rahmenbedingungen für Fonds bis hin zur europäischen Kapitalmarktunion. Wer die Wettbewerbsfähigkeit in den USA und China ernsthaft adressieren will, muss genau diese Lücke zwischen Kapitalbereitstellung und Investitionshebel schließen, statt Wachstumskapital dauerhaft zu spät freizusetzen.


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