BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Berliner Startup-Unternehmen Cultimate Foods stellt seine Aktivitäten ein, knapp vier Monate nachdem ein Insolvenzantrag gestellt wurde. Die Firma nennt fehlende finanzielle Unterstützung als Hauptgrund und berichtet, dass die Entwicklung ihres zellkultivierten Fetts mit dem Flaggschiff CultiSense für Kunden vorerst nicht weitergeführt werden kann. In der Mitteilung des Mitgründers und CTO Jordi Morales-Dalmau steht neben der Enttäuschung auch der Rückblick auf ein aufgebautes Technologie- und Teamfundament. Für den Markt wirkt die Schließung als weiteres Signal, dass die Finanzierung in der KIinfreien? (Korrektur) – der kultivierten Fleischbranche deutlich unter Druck steht.

Cultimate Foods macht das aus, was in der kultivierten Fleischbranche derzeit immer häufiger passiert: Das Berliner Startup beendet seine operative Tätigkeit, obwohl es technisch bereits eine klare Produktidee verfolgt hatte. Knapp vier Monate nach dem Insolvenzantrag berichtet das Unternehmen, dass sich trotz Bemühungen um Investoren keine tragfähige Finanzierung mehr finden ließ. Damit endet ein Projekt, das auf einen vergleichsweise eng gefassten Ansatz setzte: zellkultiviertes Fett als Stellschraube für Geschmack, Aroma und damit für die Vermarktungsfähigkeit kultivierter Produkte.
Im Zentrum stand dabei CultiSense, eine „cell-cultured“ Fettingredienz, die den „savoury“-Charakter von Fleisch auch ohne tierische Bestandteile abbilden sollte. Cultimate wählte dafür zunächst eine kleine Zahl von Zellen aus Kühen und Schweinen und entwickelte daraus unsterbliche Zelllinien für Rind- und Schweinefett. Die Vermehrung lief in proprietären Kulturmedien in Bioreaktoren ab, anschließend wurden die Zellen geerntet und zu geschmackswirksamen Zutaten für die industrielle Nutzung verarbeitet. Das Ziel war nicht nur ein einzelnes Aroma, sondern ein bio-basierter Vorläufer, der komplexe „meaty notes“ ermöglichen sollte – idealerweise mit nur einer Zutat, was Herstellern die Rezepturen vereinfacht.
Für die Prozess- und Lieferkettendiskussion war genau diese Eigenschaft ein zentraler Hebel: Wenn Fett als stabiler Baustein aus Zellkulturen bereitgestellt werden kann, sinkt für Produzenten potenziell die Anzahl der Zutaten und damit auch der Aufwand für Beschaffung und Formulierungsmanagement. In der Argumentation des Startups ging es außerdem um Umweltwirkung und Planungssicherheit, inklusive der Annahme, dass sich Emissionen reduzieren und Lieferketten stabilisieren lassen, weil die Bereitstellung weniger von klassischen Agrar- und Schlachtketten abhängig wäre. Ebenso passte das Konzept in eine Hybrid-Strategie, bei der kultiviertes Fett mit pflanzlichen Zutaten kombiniert wird, um Zwischenformen („hybrid meat products“) zu erzeugen – ein Muster, das im Markt bereits bei mehreren Unternehmen zu sehen war.
Als Cultimate im April den Weg über den Insolvenzantrag einschlug, hatte das Unternehmen zunächst betont, das Team mit rund 21 Mitarbeitenden sei weiter arbeitsfähig und arbeite daran, CultiSense für Kunden voranzutreiben. Doch laut der späteren Schließungsmitteilung hat sich die Lage verändert, weil das Finanzierungspolster nicht ausreichte, um den geplanten Kurs zur langfristigen Skalierung durchzuhalten. In diesem Kontext nennt der Mitgründer und CTO Jordi Morales-Dalmau in seinem Beitrag auch den schmerzhaften Teil: Man habe nicht erreicht, was man sich erhofft hatte. Gleichzeitig hebt er hervor, dass das Projekt reale Ergebnisse hinterlassen habe – unter anderem Technologie, wissenschaftliche Veröffentlichungen und Patente sowie das Know-how, das beim Aufbau einer Organisation entsteht.
Finanziell hatte Cultimate 2024 Seed-Finanzierung in Höhe von 2,3 Mio. Euro erhalten, um die Produktion hochzufahren und die kommerzielle Ausrichtung zu erweitern. Zudem floss im vergangenen Jahr ein Investment über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (ERDF) sowie das Land Niedersachsen für ein Projekt, das den Aufbau einer skalierbaren und belastbaren Produktionsplattform für kultiviertes Fett zum Ziel hatte. Dass das dennoch nicht gereicht hat, ordnet sich in eine breitere Marktdynamik ein: Für 2025 wurden Berichten zufolge nur 74 Mio. US-Dollar für Startups der Branche eingesammelt – das ist deutlich weniger als im Jahr zuvor und liegt weit unter den Spitzenwerten aus 2021. In einer solchen Phase werden nicht nur „Vorstände-Tipps“ wichtig, sondern vor allem die Frage, wie viele Monate ein Unternehmen überbrücken kann, bis sich die Finanzierungslage verbessert.
Die Schließung reiht sich in mehrere bekannte Stopps und Umorientierungen ein. Genannt werden unter anderem Believer Meats aus Israel, das zuvor die Zulassungswege in den USA durchlaufen hatte, sowie das niederländische Unternehmen Meatable. Weitere Beispiele sind Upstream Foods (Fett), CellRev (Bioprozessierung) und Cell4Food (Portugal). Daneben gab es Umstellungen: Uncommon Bio veräußerte den Bereich des kultivierten Fleisches und konzentrierte sich auf Therapien; Wildtype brachte einen marinen Komplex für Hautpflege auf den Markt; Upside Foods, das als eines der am besten finanzierten Unternehmen galt, startete eine neue Life-Sciences-Sparte. Die Branche zeigt damit ein Muster aus „Fatigue“, Strategie-Shift und Ressourcenreallokation, statt einer linearen Weiterführung entlang eines einzigen Produktpfads.
Für Unternehmen, die in diesem Umfeld Entwickler einstellen oder Partnerschaften anstoßen wollen, verschiebt sich dadurch vor allem das Risiko- und Integrationsprofil. Wer heute in Zellkultur, Bioreaktor-Scale-up oder Geschmacksmodul-Formulierung investiert, muss stärker als früher mit längeren Finanzierungslücken, schnelleren Prioritätswechseln und einer höheren Wahrscheinlichkeit von Pivot-Entscheidungen bei Zulieferern rechnen. Gleichzeitig unterstreicht Cultimates Ende, dass technische Plausibilität allein nicht genügt: Selbst ein fokussiertes, mechanistisch begründbares Produkt wie kultiviertes Fett braucht in der Praxis kontinuierliche Kapitalzufuhr, belastbare Produktionssysteme und einen klaren Pfad in Richtung Industriekunden. Der nächste Marktimpuls wird daher weniger von einzelnen Modellideen kommen, sondern von der Frage, welche Teams den Übergang von Forschung und Patenten in skalierbaren Betrieb finanziell stabil hinbekommen.
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