BASEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Schweiz spürt laut Interpharma bereits messbare Effekte durch das „Most-Favored-Nation“-Regime der USA auf neue Medikamente. Zwischen Januar 2025 und Juni 2026 reichten Hersteller von 22 innovativen Arzneimitteln sieben nicht mehr für die Aufnahme in die Spezialitätenliste ein. Bei drei weiteren wurde sogar auf die Einreichung zur Zulassung bei Swissmedic verzichtet. Parallel soll eine Revision der Krankenversicherungsverordnung (KVV) die Situation aus Sicht der Branche weiter verschärfen.

Die Diskussion um Medikamentenpreise wirkt häufig abstrakt, doch im Fall der Schweiz wird sie gerade sehr konkret: Interpharma berichtet, dass das US-„Most-Favored-Nation“-Regime (MFN) die Bereitschaft der Hersteller spürbar beeinflusst, neue Therapien in der Schweiz einzureichen. Im Kern geht es um einen Preisanker, den die USA setzen wollen, indem sie ihre eigenen Preispositionen mit Referenzmärkten abgleichen. Sobald die Schweiz als Vergleichsland auf der Agenda steht, steigt für Pharmaunternehmen der Druck, Preisrisiken nicht in einzelnen Ländern zu tragen, sondern über mehrere Märkte hinweg zu kalkulieren.
Diese Logik zeigt laut der anonymisierten und aggregierten Erhebung unter den Interpharma-Mitgliedern bereits Wirkung. Zwischen Januar 2025 und Juni 2026 reichten die Mitglieder aufgrund der MFN-Mechanik sieben von insgesamt 22 neuen innovativen Arzneimitteln nicht mehr zur Aufnahme in die Spezialitätenliste ein. Zusätzlich nennt Interpharma drei Fälle, in denen Unternehmen sogar darauf verzichteten, die Produkte zur Zulassung bei Swissmedic einzureichen. Die Konsequenz ist nicht nur ein verzögerter Markteintritt, sondern der vollständige Ausfall eines Zugangswegs über die obligatorische Krankenversicherung für einen Teil der Innovationen.
Technisch betrachtet berührt MFN damit einen Prozess, der in der Versorgungskette mehrere Schritte koppelt: Einreichung und Preisfindung für die Spezialitätenliste, Zulassung und Marktzugang, sowie die spätere Erstattung durch die Krankenkassen. Wenn ein Hersteller die Einreichung zurückfährt, wird nicht nur die Verhandlung über den erstattungsfähigen Preis kleiner, sondern die Pipeline für neue Therapien schrumpft insgesamt. Interpharma beschreibt deshalb ein Risiko für eine Zweiklassenmedizin, weil Patientinnen und Patienten in der Schweiz über die obligatorische Krankenversicherung keinen Zugang zu etwa einem Drittel der neu entwickelten innovativen Arzneimittel erhalten könnten.
Der politische Hebel liegt gleichzeitig auf mehreren Ebenen. Die geplante Revision der Krankenversicherungsverordnung (KVV) soll nach Interpharma-Auffassung die Entwicklung noch verstärken, weil der Entwurf vor allem auf Kosten fokussieren würde, ohne die aus MFN resultierenden Nebenwirkungen auf die Versorgung ausreichend mitzudenken. In der Argumentation der Branche wird damit ein typisches Muster sichtbar: Preis- und Ausgabendruck ist im System der obligatorischen Krankenversicherung zwar zentral, aber wenn Innovationen aus dem Einstellungs- und Einreichungsprozess herausfallen, verschiebt sich der Engpass von der Ausgabenbremse hin zum therapeutischen Zugang. Interpharma ergänzt diese Einschätzung zudem durch eine Studie, deren Daten aus den Jahren 2021 bis 2024 stammen und die für die Schweiz im Vergleich zu Deutschland nur rund die Hälfte der neuen Therapien über die Spezialitätenliste des BAG verfügbar sieht.
Damit rückt die Forderung nach einem „MFN-kompatiblen“ Preis-festsetzungssystem in den Mittelpunkt. Ein solches Modell müsste im Idealfall so designt sein, dass Preisvereinbarungen in der Schweiz nicht automatisch als Risiko- oder Preis-Freigabe für den US-Markt wirken. Praktisch bedeutet das: Die Preislogik dürfte nicht allein den kurzfristigen Kostenfaktor abbilden, sondern auch Versorgungsstabilität und Qualitätsaspekte von Innovationen. Interpharma formuliert genau diesen Dreiklang aus Versorgung, Qualität und Kosten, der im aktuellen KVV-Entwurf aus Sicht der Branche zu kurz kommt.
Auch wenn die Debatte zunächst wie eine rein gesundheitspolitische wirkt, hat sie klare Auswirkungen auf Unternehmen und deren Planungszyklen. Hersteller müssen ihre Markteintrittsreihenfolge, ihre Einreichungsstrategie und die Preisarchitektur so ausrichten, dass Referenzregeln nicht unbeabsichtigt zu Verzögerungen oder Unterlassungen führen. Für Patientinnen und Patienten zählt am Ende die Zeit bis zur Therapieoption; für das Versorgungssystem zählt, dass Innovationen überhaupt in den nationalen Erstattungs- und Zulassungsprozess gelangen. Für die Schweiz ist die Lage deshalb besonders sensibel, weil sie als Referenzland für die USA mit vergleichsweise niedrigen kaufkraftbereinigten Preisen gilt und sich daraus eine erhöhte Exponierung ergibt.
Interpharma argumentiert zudem, dass „Abwarten“ keine neutrale Option mehr sei, weil die Effekte bereits messbar seien. Genau darin liegt die politische Sprengkraft: Wenn Unternehmen ihre Einreichungen zurücknehmen und gleichzeitig Regulierungsanpassungen kommen, kann sich das System in eine Abwärtsspirale bewegen – weniger Pipeline für neue Therapien, mehr Versorgungslücken, und dadurch mehr Druck auf einzelne Budgetlinien. In der Konsequenz entscheidet sich nicht nur, wie hoch Ausgaben ausfallen, sondern auch, ob die nächste Welle innovativer Wirkstoffe rechtzeitig in den Schweizer Versorgungsalltag gelangt.
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