DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Die 40 Dax-Konzerne haben ihre Nettogewinne im ersten Halbjahr um 13,5 Prozent auf 68,3 Milliarden Euro gesteigert. Für 2026 erwarten Analysten im Schnitt einen Zuwachs von knapp 14 Prozent auf 127,7 Milliarden Euro – ein Rekordwert für die deutsche Wirtschaft. Als wichtigste Treiber nennt die Auswertung auch Investitionen rund um KI-Anwendungen in Rechenzentren sowie branchenübergreifende Energie- und Sondereffekte. Besonders deutlich wird das bei mehreren Industrie- und Finanzwerten, während die Autobauer den Gewinnrückgang zuletzt ausgleichen mussten.

Die Ausgangslage wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Irankrieg, hohe Ölpreise und US-Zölle bestimmen die Schlagzeilen, trotzdem schieben die Dax-Konzerne ihre Ertragskurve weiter nach oben. Nach der Auswertung für das erste Halbjahr stiegen die Nettogewinne der 40 Unternehmen um 13,5 Prozent auf 68,3 Milliarden Euro. Im Hintergrund liegt ein weltweiter Investitionszyklus, der deutsche Industrie- und Spezialwerte überproportional erreicht, weil Rechenzentren nicht nur durch Software, sondern auch durch Stromversorgung, Kühlung, Logistik und Materialchemie wachsen. Genau dieser Mix erklärt, warum der Blick auf die Gewinnsumme eher als Momentaufnahme im weltweiten Technologie- und Energiemarkt zu verstehen ist – nicht als lokale Ausnahme.
Für das Gesamtjahr 2026 rechnen Analysten im Durchschnitt damit, dass die Nettogewinne nochmals um knapp 14 Prozent auf 127,7 Milliarden Euro steigen. Grundlage sind Berechnungen, die laut Bericht auf Daten eines Finanzdatenanbieters basieren. Damit läge die Summe nach dieser Prognose sogar über dem bisher stärksten Referenzjahr 2021, das sich auf 123,5 Milliarden Euro belief. Die Dynamik entsteht dabei nicht durch einen einzelnen Titel: Mindestens 13 Dax-Konzerne könnten 2026 nach den Berechnungen so viel wie noch nie verdienen. Zu den genannten Kandidaten zählen unter anderem SAP, Symrise, Airbus, Gea, Heidelberg Materials, Hochtief, Rheinmetall sowie Siemens Energy – also eine breite Mischung aus Software, Chemie, Industrieausrüstung und Energie.
Der zweite zentrale Strang sind Verschiebungen in der Gewinnverteilung innerhalb einzelner Sektoren. Die drei großen Autobauer verzeichneten im bisherigen Halbjahr zwar ein Minus von 19 Prozent auf 8,1 Milliarden Euro, doch die übrigen Konzerne gleichen dies offenbar durch teils deutlich stärkere Ergebnisse aus. Unter den Beispielen, die der Bericht hervorhebt, sind Airbus und die Pharmasparte rund um Bayer, zudem Fresenius, die Commerzbank sowie die Versicherer Allianz und Munich Re. Insgesamt haben zwölf Unternehmen angesichts ihrer Auftragslage die Prognosen für das Gesamtjahr angehoben; genannt werden unter anderem BASF, Brenntag, DHL, Infineon, Henkel, Merck und RWE. Das Muster ist typisch für Phasen, in denen globale Lieferketten zwar unter Druck stehen können, gleichzeitig aber neue Nachfragefelder schnell in Umsatz und Marge übersetzen.
BAS F liefert dafür ein konkretes Beispiel, weil hier gleich zwei Effekte zusammenkommen: operative Marktbewegungen und ein Sondereinfluss. Der Chemiekonzern hat seine Gewinnprognose für 2026 erhöht, weil sich seit März die Lage auf den Chemiemärkten – insbesondere in Fernost – angespannt hat und Käufer teilweise auf europäische Anbieter ausweichen. Ein zusätzlicher Lieferengpass entsteht durch die wochenlange Schließung der Straße von Hormus, wodurch es laut Bericht zu Engpässen bei der Versorgung mit Öl für Petrochemie und weitere Produkte kommt. Gleichzeitig enthält das operative Ergebnis im zweiten Quartal nach Abzug aller Kosten fünf Milliarden Euro, allerdings sind davon 3,6 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Farben- und Lacksparte an eine US-Investmentgesellschaft enthalten; BASF hält dabei weiterhin 40 Prozent. Selbst ohne diesen Verkaufserlös erwarten Analysten jedoch, dass die Dax-Konzerne mit 124 Milliarden Euro in diesem Jahr so viel Gewinn wie noch nie erzielen.
Dass diese Ergebnisse in der Breite auch durch KI begünstigt werden, ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Rechenzentrumsausbau und Stromnachfrage. Der Bericht stellt heraus, dass Deutschland zwar keine dominanten KI-Plattformen nach dem Vorbild der US-Tech-Welt hat, aber über auslandsstarke Industrieunternehmen am globalen Investitionszyklus profitiert. Als Argument wird dabei angeführt, dass viele deutsche Werte Zulieferer für die Tech-Infrastruktur sind – etwa bei Energieerzeugung, Halbleiter-Zuliefermaterialien oder bei industrieller Anlagen- und Softwaretechnik. Siemens Energy etwa positioniert sich über Gasturbinen und Infrastrukturkomponenten für die Stromerzeugung; bei Merck wird auf Materialien verwiesen, die für die Halbleiterproduktion in Rechenzentren benötigt werden, darunter Fotolacke sowie Prozesschemikalien für das Strukturieren. Auch bei EY wird die These unterstützt, dass die großen Investitionen in Rechenzentren und die stark steigende Stromnachfrage zu vollen Auftragsbüchern führen – und dass dies eher ein dauerhafter Trend als eine kurzfristige Blase sei.
Die unmittelbar produktnahe Umsetzung zeigt sich dann in einzelnen Unternehmenskennzahlen. Siemens meldete für den Zeitraum April bis Juni einen Auftragseingang von 27,9 Milliarden Euro, ein Plus von 14 Prozent, und einen Auftragsbestand von 132 Milliarden Euro als Rekordhöhe; als Treiber werden Smart Infrastructure und das Geschäft mit KI-Rechenzentren genannt. DHL profitiert beim Express- und Luftfrachtgeschäft davon, dass Cloud-Services und KI-Anwendungen Rechenzentren schneller wachsen lassen, wozu der Transport von Servern, Computern und Kühlkomponenten gehört; bis Ende 2026 sollen in Nordamerika zehn zusätzliche Lagerstandorte entstehen. Bei Infineon wird betont, dass zwar nicht zwangsläufig Hochleistungsprozessoren im engeren KI-Sinne verbaut werden, aber durch die zunehmende Zahl und Erweiterung von Rechenzentrumsanlagen der Bedarf an Leistungshalbleitern und Stromversorgungs-Komponenten steigt. Parallel verweist der Bericht auf eine spezifische Marktlogik: Kunden in diesem Wachstumssegment leisten Vorauszahlungen, wodurch sich die Umsatzprognose im laufenden Zyklus leichter an neue Nachfragepfade anpassen lässt.
Nicht zuletzt verändert sich der Markt durch die Finanzindustrie, die in Dax-Phasen mit hoher Kapitalmarkttätigkeit häufig überdurchschnittlich liefert. Im Bericht werden Versicherer wie Allianz, Hannover Rück und Munich Re sowie die Deutsche Börse und die Commerzbank als wichtige Gewinnbeiträge genannt. Munich Re kürzte zwar die Umsatzprognose um zwei Milliarden Euro auf 38 Milliarden Euro, hält aber zugleich an einer Prognose für das Rekordergebnis von 6,3 Milliarden Euro fest; als Gründe werden höhere Investmenterträge, Ergebnisbeiträge weniger volatiler Segmente und ungewöhnlich geringe Katastrophenschäden angeführt. Die Allianz nennt der Bericht einen Nettomittelzufluss aus der Vermögensverwaltung in Rekordhöhe von 84 Milliarden Euro bei 2,2 Billionen Euro verwaltetem Kundenvermögen. Für die Deutsche Börse zeichnet sich zudem nach dem Bericht eine fortlaufende Rekordserie ab, getragen von Absicherungen gegen höhere Zinsen und dem Handelsgeschäft an mehreren Märkten sowie Erträgen aus dem Stromhandel an der Leipziger Energiebörse EEX. Für Entscheider bedeutet das: Der Gewinnrekord entsteht nicht allein durch KI, sondern durch die Kopplung von Technologieinvestitionen, Energiepreisen, Kapitalmarktaktivität und industrienaher Lieferfähigkeit.
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