BALTIMORE / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Stadt Baltimore geht gegen Betreiber von Vorhersagemärkten vor und sieht in Sport-„Event Contracts“ illegales Glücksspiel. In getrennten Klagen gegen Kalshi und Polymarket beruft sich die Stadt auf die Consumer Protection Ordinance und wirft den Plattformen vor, ohne die erforderlichen staatlichen Lizenzen zu handeln. Besonders weitreichend ist das Kalshi-Verfahren: Es zieht auch Coinbase, Robinhood und Webull als Vertriebspartner in den Streit. Baltimore will Strafzahlungen, Rückerstattungen sowie ein gerichtliches Verbot für nicht autorisierte Angebote in der Stadt.

Die Stadt Baltimore hat Klagen gegen Kalshi und Polymarket eingereicht und damit eine Debatte verschärft, die in den vergangenen Monaten vor allem im Umfeld kryptobasierter Handelsplätze immer wieder aufflammte: Wo endet ein „Prediction Market“ und ab wann beginnt Glücksspiel. Laut den eingereichten Beschwerden argumentiert Baltimore, dass die angebotenen Sportwetten-strukturierten Produkte nicht nur in der wirtschaftlichen Wirkung, sondern auch in der Nutzung den klassischen Sportwetten ähneln. Damit verknüpft die Stadt ihre Vorwürfe direkt mit dem Rahmen der Consumer Protection Ordinance und stellt die Frage, ob fehlende staatliche Lizenzen und der damit verbundene Aufsichtszugriff rechtlich ausreichend kompensiert werden.
Im Kern richtet sich Baltimores Sichtweise gegen die Vertragslogik der Plattformen. Die Stadt führt an, dass sowohl Kalshi als auch Polymarket Wetten mit Elementen anbieten, die in lizenzierten Sportbüchern ebenfalls vorkommen: etwa auf Spielresultate, Punktvorsprünge (point spreads) oder auf Player-Performance. In der Argumentation der Kläger ist entscheidend, dass diese Wetten nicht als bloße Informationsprodukte oder neutraler Handel umetikettiert werden können. Zusätzlich behauptet Baltimore, die Plattformen würden sich damit der staatlichen Kontrolle sowie Pflichten entziehen, die für lizenzierte Anbieter im Bereich Aufsicht, Besteuerung und Verbraucherrechte gelten sollen.
Die Klage gegen Kalshi ist nach Angaben aus der Beschwerde nicht nur breiter angelegt, sondern auch stärker in den Vertriebskanal hineingedacht. Neben Kalshi Inc. und KalshiEX LLC nennt Baltimore als Beklagte explizit mehrere Partner: Robinhood Markets, Robinhood Derivatives, Webull Corporation, Webull Financial sowie Coinbase Financial Markets. Der Vorwurf zielt darauf ab, dass die Partner die Kalshi-„Event Contracts“ über eigene „prediction market“-Segmente direkt innerhalb ihrer Apps verfügbar machen und Nutzer dadurch Sportkontrakte handeln können, ohne die jeweiligen Anwendungen zu verlassen. In dem Zusammenhang spielt auch die Produktgestaltung eine Rolle: Baltimore führt an, dass „combos“, die auf Kalshi und Robinhood angeboten werden, wie Parlays funktionieren, wie sie aus dem traditionellen Wettumfeld bekannt sind.
Auch in der Kommunikation wird die rechtliche Stoßrichtung deutlich. Bürgermeister Brandon Scott wird mit den Worten zitiert: „These companies are running sportsbooks without licenses and betting that a new label will put them above the law.“ Die Aussage endet mit dem kurzen Zusatz: „It won’t.“ Aus Sicht der Stadt ist damit weniger die technische Verpackung das Hauptproblem, sondern der Anspruch, dass eine neue Bezeichnung die rechtliche Einordnung nicht ändert. Der Stadtanwaltschafts-Verantwortlichen Ebony Thompson wird zudem die Position zugeschrieben, dass Kalshi und Polymarket Verbraucherschutzvorgaben nicht umgehen könnten, indem sie Glücksspiel „repackagen“ oder sich auf einen Bundesregulierungsstatus beriefen, der sie angeblich aus dem Zugriff der lokalen Gesetze herausnehme.
Parallel dazu läuft das Verfahren gegen Polymarket. Die Klage benennt dort mehrere Einheiten, die Baltimore gemeinsam als Polymarket bezeichnet: QCX LLC, Blockratize Inc. und QC Tech LLC. Die Stadt wirft Polymarket vor, die Grenze zwischen Vorhersagemarkt und klassischem Sportwettenprodukt verwischt zu haben, unter anderem durch ein internes Market-Making-Team. Baltimores Argument: Wenn der Betreiber selbst Positionen gegen Nutzer einnimmt, könnten Kunden in bestimmten Fällen nicht gegeneinander, sondern gegen „das Haus“ handeln. Zusätzlich kritisiert Baltimore die Marketingbotschaften, weil sie nach Ansicht der Stadt den Eindruck erzeugten, die Angebote seien lawful und entsprechend reguliert.
Welche juristische Bedeutung diese Einordnung für die betroffenen Unternehmen hat, zeigt sich auch an den konkreten Zielen der Stadt. Baltimore strebt „maximum statutory penalties“ an, fordert außerdem Restitution für betroffene Kunden und die Herausgabe von Erlösen (disgorgement), die laut Stadt unrechtmäßig erzielt wurden. Darüber hinaus verlangt sie vom Gericht eine Unterlassung bzw. eine Sperre: Die Plattformen sollen in Baltimore keine nicht autorisierten Sportwetten anbieten dürfen. Das Verfahren kann damit weit über die Frage hinausgehen, wie ein einzelnes Produkt im Kleingedruckten bezeichnet wird; es berührt vielmehr die Frage, ob vertragliche Ausgestaltung, Handelsmechanik und Vertriebswege rechtlich als Wettangebot zu qualifizieren sind.
Kalshi selbst positioniert sich gegen die Darstellung der Stadt und verweist auf seinen Status im föderalen Regulierungsrahmen. Ein Kalshi-Sprecher sagte laut Quelle: „People use regulated prediction markets like Robinhood, Kalshi and CME because they’re neutral, fair and transparent marketplaces, “ und ergänzte: „Kalshi spent years getting regulated by the federal government and abide by all applicable regulations, including consumer protection laws.“ Weiter hieß es: „If the Mayor has genuine concerns about guardrails, we’re always happy to chat, “ sowie: „In the meantime, we will defend these claims in court.“ Für die praktische Bewertung dieser Argumente ist entscheidend, wie das Gericht den Konflikt zwischen Bundesrahmen und kommunalen bzw. landesrechtlichen Anforderungen auflöst – insbesondere dann, wenn der Vertrieb über etablierte Broker-Apps erfolgt.
Für die Branche ist der Fall auch deshalb relevant, weil er die „Ökosystem“-Logik in den Fokus rückt: Nicht nur die Plattform als solcher, sondern auch Partner, die Produkte in ihre Benutzeroberflächen integrieren, werden in den Streit einbezogen. Damit verschiebt sich für Anbieter die Risikobetrachtung von reiner Produkt- und Backend-Compliance hin zu Go-to-Market-Entscheidungen, etwa welche Vertragsarten in welchen App-Segmente eingebettet werden und wie das Marktmaking bzw. die Gegenparteifunktion operational nachweisbar ist. Und obwohl der öffentliche Streit hier primär rechtlich geführt wird, zeigt der Verlauf zugleich, wie eng KI-gestützte Empfehlungssysteme, Pricing-Logik und Order-Management künftig mit regulatorischen Fragen zusammenspielen können, weil jede Automatisierung die Nachweisbarkeit von Marktrollen und Nutzerinteraktionen beeinflusst.
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