LONDON (IT BOLTWISE) – Die Studie „Klimapfade 2.0“ beziffert den Investitionsbedarf für den Weg zu deutschen Klimazielen bis 2030 auf etwa 860 Milliarden Euro. Im Industrietransfer rücken kurzfristig umsetzbare Effizienzmaßnahmen in den Fokus, weil Energieverluste häufig direkt an Rohrleitungen, Tanks und Armaturen entstehen. Albert Schell von der Mesch Isolierung und Brandschutz GmbH ordnet ein, wie Wärme- und Kältedämmung den Energiefluss aus Produktionsprozessen heraus reduziert. Besonders relevant sind dafür Auslegung, Betriebsdauer und die passende Materialwahl für Hoch- und Kälteanwendungen.

Wer in Industriebetrieben über Dekarbonisierung spricht, denkt meist zuerst an Großprojekte wie neue Prozessrouten oder den Ausbau erneuerbarer Energien. Genau deshalb wirkt die Botschaft der Studie „Klimapfade 2.0“ des Bundesverbands der Deutschen Industrie e. V. (BDI) so klar: Sie rechnet bis 2030 mit Investitionen von etwa 860 Milliarden Euro, um die deutschen Klimaziele zu erreichen. Gleichzeitig zeigt der zweite Blick auf die Anlageebene, warum schon heute „klein“ wirkende Hebel oft einen messbaren Beitrag leisten. Denn Energieeffizienz entsteht nicht nur im Maschinenbau, sondern ebenso an den Übergängen, an denen Wärme oder Kälte aus dem Prozess heraus entweicht.
Albert Schell, Geschäftsführer der Mesch Isolierung und Brandschutz GmbH, beschreibt diesen Punkt konkret: Unerwünschte Wärme- und Kälteverluste entlang technischer Anlagen können in der Praxis zu den relevanten Verlusttreibern zählen – selbst dann, wenn die Kernanlagen selbst noch vergleichsweise effizient laufen. Bei einer Rohrleitung oder einem Tank entscheidet die Dämmung darüber, wie stark der Wärmefluss zwischen dem technischen System und seiner Umgebung ausfällt. Schell verbindet das mit einem weiteren Faktor, der in Wirtschaftlichkeitsrechnungen häufig unterschätzt wird: Die Betriebsdauer. In kontinuierlich laufenden Anlagen addieren sich scheinbar geringe Leckagen über lange Zeiträume zu einem spürbaren Kosten- und Energieverbrauchsfaktor.
Technisch betrachtet lässt sich das Problem bei Hochtemperatur-Assets relativ einfach nachvollziehen: Wird eine Anlage bei hohen Temperaturen betrieben, gibt eine unzureichende Dämmung einen Teil der Energie unkontrolliert an die Umgebung ab. Das bedeutet nicht nur weniger Prozessenergie im gewünschten Temperaturfenster, sondern auch einen höheren Bedarf, um die Sollwerte wieder einzustellen. Ein vergleichbarer Effekt tritt bei Kälteanwendungen auf: Ohne passende Kältedämmung gelangt Wärme kontinuierlich von außen in das gekühlte System, etwa in Kältemittelleitungen, Behälter oder Komponenten der Anlage. Die Kälteerzeugung muss diese zusätzlichen Wärmeeinträge kompensieren, was den Energiebedarf erhöht und typischerweise auch Betriebskosten steigen lässt – bei gleichzeitig eingeschränkter Prozesseffizienz und höheren CO₂-Emissionen.
Die Auswahl der Dämmstoffe ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine Frage der Temperaturbeständigkeit, sondern auch der erwarteten Nutzungsdauer und des konkreten Einsatzprofils. Für industrielle Wärmedämmungen kommen nach der Darstellung Schells unter anderem Materialien wie Mineralwolle, Steinwolle oder Glaswolle zum Einsatz. Je nach Ausführung eignen sie sich für Temperaturbereiche bis zu 1.000 Grad Celsius – ein Hinweis darauf, dass Dämmtechnik nicht erst bei „einfachen“ Temperaturstufen beginnt, sondern auch in anspruchsvollen Prozessumgebungen Relevanz hat. Besonders für Investitionsentscheidungen ist daneben die Amortisation entscheidend: Schell betont, dass sich Dämmmaßnahmen häufig bereits innerhalb von ein bis drei Jahren über eingesparte Energiekosten refinanzieren. Damit wird aus einer Wartungs- oder Ausbaufrage eine betriebswirtschaftliche Priorität.
Für Kälteanwendungen geht es wiederum um die Begrenzung des unerwünschten Wärmeeintrags und um die Stabilität der Prozesstemperaturen. Hier werden laut Schell häufig geschlossenzellige Dämmstoffe verwendet, darunter Flexible Elastomeric Foam (FEF), Polyethylen (PE), Polyurethan (PU) oder Polyisocyanurat (PIR). Diese Materialien können – je nach Systemauslegung – für Temperaturen bis zu minus 200 Grad Celsius geeignet sein. Aus technologischer Sicht ist der Vorteil damit nicht nur die „kalte“ Temperaturtoleranz, sondern die Fähigkeit, Wärmeübertragungsprozesse über die Zeit zu begrenzen: Wenn die Kühlleistung weniger nachregeln muss, sinkt der Strom- und Energieeinsatz der Kälteerzeugung. Das wirkt sich wiederum auf Emissionen und Ressourcenbedarf aus, weil weniger Energie bereitgestellt und weniger „Ersatzarbeit“ zur Rückerreichung der Solltemperaturen nötig ist.
Im Marktbild lässt sich diese Logik gut mit den Rahmenbedingungen der Dekarbonisierung verbinden. Die BDI-Studie liefert den großen Investitionsrahmen bis 2030, aber die praktische Umsetzung verteilt sich auf viele Entscheidungen entlang der Wertschöpfungskette. Dämmtechnik ist dabei ein Baustein, der in bestehenden Anlagen relativ kurzfristig integrierbar ist, während andere Maßnahmen oft Planungskapazität, Stillstandszeiten und komplexere Genehmigungswege erfordern. Unternehmen können damit nicht nur ESG-Ziele verfolgen; zugleich entsteht eine messbare Grundlage für Energie- und Effizienzkennzahlen, die in Emissionspfaden typischerweise früh hinterlegt werden. Gerade für Betreiber, die ihre Klimapfade in konkrete Maßnahmen übersetzen müssen, ist die Kombination aus technischen Wirkpfaden (Wärmefluss, Kältedämmung, Energiebedarf der Kälteerzeugung) und wirtschaftlicher Tempo-Komponente (Amortisation von ein bis drei Jahren) ein Argument, das sich im Budgetprozess häufig besser durchsetzen lässt.
Entscheidend wird in der Umsetzung jedoch, wie präzise Dämmkonzepte geplant und im Betrieb überprüft werden. Weil die Betriebsdauer und die tatsächlichen Temperaturprofile den Verlustbeitrag mitbestimmen, sollten Dämmmaßnahmen nicht als pauschales „Materialupdate“ verstanden werden, sondern als Teil eines Systems aus Auslegung, Ausführung und Instandhaltung. Ebenso zählt die Detailarbeit an typischen Schwachstellen wie Übergängen, Rohrleitungssegmenten und Armaturen, da hier Verluste besonders leicht entstehen. Wer Dämmtechnik als kontinuierliche Effizienzstrategie auffasst, kann aus einem einmaligen Projekt ein dauerhaftes Leistungsversprechen machen: weniger Energiebedarf, weniger CO₂ und eine bessere Prozesseffizienz – und damit ein konkreter Beitrag zur nachhaltigen Transformation, der im Alltag der Anlagen beginnt.
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